Nach dem abgesagten Länderspiel

tz-Reporter in Hannover: So erlebte er den Abend

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Ein leeres Stadion: So erlebte tz-Reporter Sven Westerschulze den Abend in Hannover.

Hannover - "Sieh zu, dass du vom Stadion wegkommst. Schnell. Das meine ich ernst." Als tz-Reporter Sven Westerschulze am Dienstagabend in Hannover diesen Satz von einem Kollegen hört, ist ihm sofort klar: Es ist kein Scherz, das Stadion wird wegen einer Terrorwarnung geräumt.

„Das Stadion wird geräumt. Also müssen auch Sie jetzt bitte rausgehen.“ Im ersten Moment lächelte ich den Ordner in der HDI-Arena nur an, als er so auf meine ironische Frage antwortete, ob sich die Zuschauer noch nicht ins Stadion trauen. Es war 19.14 Uhr, und außer den Journalisten, den Ordnern, Rettungskräften und den Polizisten waren keine Menschen im Stadion zu sehen. Dabei sollte es um 18.45 Uhr seine Tore öffnen. Sekunden später wusste ich: Das war kein Scherz. Innerhalb weniger Minuten war das Stadion geräumt. Draußen schauten sich einige Fans fragend um, andere dagegen rannten weg. Ich versuchte, mehr über die Hintergründe herauszufinden, doch eines verband uns alle – das Gefühl der Ungewissheit.

Länderspiel abgesagt: Niemand hatte mit einem normalen Abend gerechnet

Die Polizei macht ihre Sache gut, lässt keine Panik aufkommen und versorgt die Menschen mit klaren Anweisungen. Auch mein Kollege und ich fühlen uns vor dem Stadion noch sicher, bis mich plötzlich der Anruf eines anderen Kollegen erreicht: „Sieh zu, dass du vom Stadion wegkommst. Schnell. Das meine ich ernst.“ Worte, bei denen es mir schlagartig anders wird. Ich packe meinen Kollegen und sage, dass wir sofort wegmüssen. Auf dem Weg zum Auto gibt es die ersten Telefonate mit der Redaktion. Die Abfahrt vom Parkplatz verläuft schleppend, die Polizei durchleuchtet jedes Auto. Wir hören, dass am Stadion ein mit Sprengstoff vollgepackter Rettungswagen stehen soll, was später aber zum Glück nicht bestätigt wird. Wenig später spricht Hannovers Polizeipräsident Kluwe von einer „konkreten Gefährdungslage für ganz Hannover“. Schlagartig schießen die Gedanken an Paris wieder in meinen Kopf.

Mit einem normalen Abend hatte gestern ohnehin niemand gerechnet, das war seit Tagen klar. Zu frisch und zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an die blutige Terrornacht, und das sind sie immer noch. Doch so froh ich am Samstagmorgen noch war, wieder zurück in Deutschland zu sein, so verängstigt fühle ich mich gestern Abend – in meinem Land. Auf dem Weg zurück ins Hotel wird das Radio von den Sirenen der Polizeiwagen übertönt, kurz vor einer Ampel sehen wir, wie vier Beamte einen Passanten stellen, einer von ihnen richtet seine Maschinenpistole auf ihn. Szenen, die ich auf offener Straße noch nie erlebt habe. Die grausamen Attentate aus Paris wiederholten sich zum Glück nicht, aber die Angst vor Terroranschlägen ist spätestens seit gestern Abend auch bei uns allgegenwärtig.

Länderspiel abgesagt: "Wir müssen Stärke zeigen"

Dabei hatte die Polizei in Hannover alles getan, um eine sichere Austragung des Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Holland zu garantieren. Als ich am Vormittag durch die Innenstadt spazierte, kamen mir schwer bewaffnete Beamte entgegen. Die an fast jeder Ecke geparkten Polizeiwagen waren auffälliger als die aufwendig verzierten Schaufenster der Geschäfte. Alles schien gesichert – bis sich auf dem Weg zum Stadion der erste Schreckmoment ereignete. Rund 500 Meter vor dem Stadion sperrte die Polizei drei Stunden vor dem Anpfiff sämtliche Zugänge ab, ein verdächtiger Koffer wurde an der Arena entdeckt. Ein Fehlalarm, doch der große Knall sollte noch folgen – wie in Paris. Auch da schien nach der Bombendrohung im Mannschaftshotel am Morgen das Schlimmste überstanden.

Die Zuschauer am Dienstagabend wollten sich aber nicht einschüchtern lassen. „Wir müssen Stärke zeigen. Und uns gleichzeitig mit den Opfern in Frankreich solidarisieren“, sagt mir Armin. Der 19-Jährige ist mit einer Deutschland-Flagge mit der aufgeklebten Aufschrift „R.I.P. für die Opfer von Paris“ gekommen. Alexander ist mit seinem Sohn Max aus der Nähe von Bremen angereist, der Sechsjährige hat die Karte vor zwei Monaten zum Geburtstag geschenkt bekommen. „Ein bisschen mulmig ist mir schon“, sagt sein Vater, „aber hier ist so ein großes Polizeiaufgebot. Da sind wir schon sicher.“ Ein trügerischer Gedanke, wie sich nur wenig später herausstellen sollte...

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