Nach 1945: Bayerns SPD-Ministerpräsident

Wilhelm Hoegner: So lebt seine Familie heute

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Vorn: Wilhelm Hoegners Ur-Urenkelin Sophie, Sohn Harald, Urenkel Ludwig (mit Büste). Hinten: Enkel Wilhelm mit seiner Frau Dagmar

München - Wilhelm Hoegner war Bayerns einziger SPD-Ministerpräsident nach 1945. Geht es nach OB Christian Ude, ändert sich das nach der Landtagswahl am Sonntag. So lebt Hoegners Familie heute.

Die CSU gewinnt die Landtagswahl zwar haushoch. Aber die SPD ist zusammen mit den kleinen Parteien so stark, dass sie eine Regierung bilden – und den Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten zum Ministerpräsidenten wählen … Davon träumen die Genossen und OB Christian Ude (65) für die Landtagswahl am Sonntag. Und: So etwas hat es wirklich schon einmal gegeben (ein einziges Mal nach 1945). Die Roten haben im schwarzen Bayern mit Wilhelm Hoegner einen Ministerpräsidenten gestellt! Das Vermächtnis des 1980 verstorbenen Politikers lebt – und seine Familie wächst. Mitten in Harlaching, in fünfter Generation. Die tz hat sie besucht: die Hoegners von nebenan, in ihrer beschaulichen Nachbarschaft.

„Wir sind ein kleiner Ortsverein“, sagt der Sohn des Ministerpräsidenten, Harald Hoegner (87). Gut 25 Nachkommen gibt es – darunter in München neben Harald auch Enkel Wilhelm (63), Urenkel Ludwig (34) und Ur-Urenkelin Sophie (2). Alle hoffen auf Ude – nach einem Wahlkampftermin hat die Partei aber nicht bei den Hoegners gefragt. „Ich weiß nicht, ob das die Wähler noch interessiert“, sagt Urenkel Ludwig.

Keine andere Partei lebt so von ihrer Geschichte wie die SPD mit ihren 150 Jahren: Hoegner, der Hitler-Gegner. Hoegner, Vater der Verfassung. Hoegner, der Bayer.

Sohn Harald kann sich schrecklich lebhaft an das dunkelste Kapitel der Nation erinnern. Achtmal drangen Nazi-Schergen in die Wohnung in der Tengstraße ein. „Unserem Dienstmädel haben sie das Sparbuch geklaut, diese schäbigen Kerle“, zischt Harald.

Wilhelm Hoegner (Mitte) mit Sohn Harald (r.) und Enkel Willi 1972

Schon bei seiner ersten Rede im Landtag 1924 warnte Wilhelm Hoegner vor den Nazis. Und im Reichstag donnerte er 1930 beim ersten Auftritt so gegen Hitler, dass ihn ein ­NSDAP-Abgeordneter und verurteilter Nazi-Mörder öffentlich bedrohte. 1933 war er der einzige Politiker, der im Reichstag und Landtag gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz stimmte. Über das Karwendel musste er nach Österreich fliehen, dann in die Schweiz. Die Familie folgte nach.

Hoegner war es, der schon im Exil an Punkten der Bayerischen Verfassung arbeitete, auf die der Freistaat heute noch stolz ist. Volksbegehren und Volksentscheid gab es lang nur hier. Soziale Grundrechte wie das Recht auf Arbeit und Wohnung stehen immer noch nicht im Grundgesetz, aber in der Bayerischen Verfassung. 1945 machten ihn die Amerikaner zum Ministerpräsidenten. Bei der Landtagswahl 1946 erreichte die CSU zwar die absolute Mehrheit, Hoegners Verfassung aber wurde mit 70,6 Prozent vom Volk angenommen. Er wurde Justizminister, später Innenminister. Nach der Wahl 1954 bändigte er als Ministerpräsident eine Viererkoalition aus SPD, Bayernpartei, Bund der Heimatvertriebenen und FDP, die drei Jahre später zerbrach. „Damals gab es schwierige Aufgaben zu lösen, es ging um den Wiederaufbau“, sind sich die Nachfahren einig. „Dagegen ist es heute einfach.“

Hoegner holte die Atomphysik und den Forschungsreaktor – das Atom-Ei – nach Garching. „Damit hat er den Grundstein für den Wissenschaftsstandort Bayern gelegt“, sagt Urenkel Ludwig, der als Informatiker und Akademischer Rat an der Technischen Uni arbeitet.

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Die Politik haben die Hoegners in die Wiege gelegt bekommen. Alle sind in der SPD, alle sind wie auch ihr Ahne in der Partei angeeckt. Sohn Harald brachte es beruflich bis zum Leitenden Regierungsdirektor und saß Jahrzehnte im Bezirkstag. Enkel Wilhelm wurde bei der Stadt Chef des Amts für Datenverarbeitung und sitzt seit vielen Jahren im Bezirksausschuss. Heute leben sie in dem Häuschen samt Nachbarhaus in Harlaching, das der Ministerpräsident in den 50ern bezog, Nachbar damals war der Vater der Geschwister Scholl. Urenkel Ludwig kandidierte parteiintern 2008 gegen die eigene umstrittene Landtagsabgeordnete Adelheid Rupp und verlor.

Ob Ude die Wahl am Sonntag gewinnen kann? „Tja“, seufzt der Älteste im Bund, Harald Hoegner, „ein anderer hätte null Chancen.“ Enkel Wilhelm sagt: „Er ist der Beste, den wir kriegen konnten.“ Was der einzige SPD-Ministerpräsident Bayerns Christian Ude noch raten würde? „Nicht müde werden zu erklären, was anders wird, wenn er drankommt.“

David Costanzo

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