Nach dem Rücktritt entbrennt ein Hauen und Stechen in der CSU um den Nachfolger

Becksteins Ende

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Ministerpräsident Günther Beckstein zog am Mittwoch die Konsequenzen aus der CSU-Wahlschlappe und trat zurück.

München - Günther Beckstein wusste, dass dieser Mittwoch nicht gut für ihn enden wird: „Ich habe gute Gefühle und ich habe schlechte Gefühle“, bahnt er sich im Nieselregen eilig den Weg durch drei Dutzend Journalisten vor dem Landtag.

In der Pfalz-Stube des Maximilianeums hatte er mit der Franken-CSU noch über seine Rettung gegrübelt. Erfolglos. Um 12.37 Uhr gibt er sich endgültig geschlagen: Nach nur 358 Tagen will der Ministerpräsident am 1. Oktober zurücktreten. Doch statt erlöst zu sein, flüchtet die Partei an diesem Tag: die CSU-Fraktion ins Vertagen der Nachfolgefrage – und Horst Seehofer über die Feuerleiter.

Alle Wahlergebnisse und Ministerpräsidenten der CSU seit 1946

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Hans Ehard besetzte den Posten des Landesvaters 1946 dank des Wahlsieges der CSU mit 52,3 Prozent. © Archiv
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Vier Jahre später wurde die CSU Opfer innerparteilicher Flügelkämpfe und bekam zudem die Stärke der erstmals kandidierenden Bayernpartei (17,9 Prozent) zu spüren. Die Christlich-Sozialen bekamen gerade noch 27,4 Prozent der Stimmen (64 der 204 Sitze). Ministerpräsident Ehard bildete daraufhin eine Koalitionsregierung aus CSU, SPD (28 Prozent) und BHE/DG (12,3 Prozent) und blieb somit im Amt. © Archiv
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1954 kam die CSU auf 38,4 Prozent, dennoch stellte die SPD in einer Viererkoalition mit BP, BHE und FDP in WIlhelm Hoegner den Ministerpräsidenten. Nach dem Bruch der Viererkoalition 1957 wurde Hanns Seidel (Bild) neuer Ministerpräsident. Ein Jahr später wurde die CSU bei der Landtagswahl mit 45,6 Prozent wieder stärkste Kraft in Bayern. © dpa
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Zum Nachfolger Hanns Seidels, der aus Gesundheitsgründen am 22.1.1960 als Ministerpräsident zurücktreten musste, wurde wieder Hans Ehard gewählt. 1962 gewann die CSU bei der Landtagswahl 47,5 Prozent der Stimmen, woraufhin Alfons Goppel das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. © Archiv
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Alfons Goppel beim Besuch von Queen Elisabeth II. in München am 21. Mai 1965. Bei der ein Jahr später folgenden Landtagswahl erhielt die CSU 48,1 Prozent der Stimmen - Goppel bildete sein zweites Kabinett. © Archiv
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Bei der Landtagswahl 1970 steigerte die CSU ihren Stimmenanteil von 48,1 Prozent im Jahr 1966 auf 56,4 Prozent und besetzte damit 124 Sitze. Ministerpräsident wurde wieder Alfons Goppel. © Archiv
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27. Oktober 1974: Die CSU erzielte mit 62,1 Prozent Stimmen und 132 Sitzen bei der Wahl zum 8. Bayerischen Landtag ihr bisher bestes Ergebnis. Goppel blieb Ministerpräsident. Doch Nachfolger Franz-Josef Strauß (rechts) lauerte bereits. © Archiv
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Bei den Landtagswahlen 1978 gewann die CSU 59,1 Prozent der Stimmen und damit 129 Sitze. Franz Josef Strauß wurde neuer Ministerpräsident. © Archiv
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Bei der Landtagswahl in Bayern erreichte die CSU 58,3 Prozent, 133 von 204 Sitzen und damit die höchste Mandatszahl in der Nachkriegsgeschichte. Strauß (hier im Jahr 1982 mit dem damaligen Kardinal Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI.) blieb im Amt. © Archiv
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Die CSU erreichte bei den Landtagswahlen 55,8 Prozent, 128 der 204 Sitze, Strauß (hier mit Sohn Max) blieb im Amt. © Archiv
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Nach Strauß' Tod wurde Max Streibl am 19. Oktober 1988 als neuer Ministerpräsident vereidigt. Bei den Landtagswahlen zwei Jahre später erreichte die CSU 54,9 Prozent, 127 der 204 Sitze. © Archiv
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Am 28. Mai 1993 wurde Edmund Stoiber zum Nachfolger des wegen der sogenannten "Amigo-Affäre" vom Amt des Ministerpräsidenten zurückgetretenen Max Streibl gewählt. Bei der Landtagswahl am 25. September 1994 erreichte die CSU 52,8 Prozent, 120 der 204 Sitze © Archiv
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Bei der Landtagswahl 1998 errang die CSU 52,9 Prozent der Stimmen, 123 von insgesamt 204 Sitzen. Stoiber wurde im Amt bestätigt. © Archiv
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Bei der Landtagswahl 2003 errang die CSU 60,7 Prozent der Stimmen und 124 von insgesamt 180 Sitzen im nun verkleinerten Parlament (vorher 204 Sitze). Damit wurde erstmals bei einer Landtagswahl in Deutschland die Zwei-Drittel-Mehrheit erreicht. Stoiber erlebte seine glamourösesten Tage und bildete sein viertes Kabinett. © Archiv
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9. Oktober 2007: Bayerns Innenminister Günther Beckstein wird vom Bayerischen Landtag zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Edmund Stoiber hatte dieses Amt am 30. September zurückgegeben. © dpa
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28. September 2008: Günther Becksteins erste Landtagswahl als Ministerpräsident Bayerns endet mit einem Fiasko. Die CSU erhält nur 43,4 Prozent und verbucht somit das schlechteste Ergebnis seit 54 Jahren. © dpa
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Auf Grund des Wahl-Fiaskos tritt Beckstein zurück. Sein Amt übernimmt Horst Seehofer, der am 27. Oktober 2008 zum neuen Ministerpräsidenten Bayerns gewählt wird. Seehofer ist gleichzeitig auch CSU-Parteivorsitzender. © dpa

Einen Tag nach dem Rücktritt von Parteichef Erwin Huber weiß die CSU-Landtagsfraktion nur, was sie nicht will: Nicht schon wieder überstürzte Personalentscheidungen wie sie vor, während und nach Stoiber Tradition waren. „Wir müssen die richtige Schrittfolge beachten“, mahnt der designierte CSU-Chef Horst Seehofer bei seiner Ankunft aus Berlin: „Erst nachdenken, dann reden, dann handeln!“ Jetzt sei die Partei beim zweiten Schritt. Doch das bleibt an diesem Mittwoch Wunschdenken.

Beckstein weg - wer kommt jetzt?

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„Hallo Horst, wir warten auf dich“, empfängt ihn Fraktionschef Schmid. Doch bevor die Parlamentarier im ersten Stock diskutieren dürfen, bricht Schmid nach wenigen Sekunden die Sitzung ab: Es bestehe „gewisser Gesprächsbedarf“ zwischen Seehofer, Beckstein, Huber und ihm. Das Quartett stürmt durch die Menge an Medienvertretern in Schmids Büro. Im Fraktionssaal sind die Abgeordneten baff. Edmund Stoiber, der CSU-Ehrenvorsitzende, fuchtelt im kleinen Kreis wild mit seinen Armen. Nur CSU-Noch-Generalin Hader­thauer, die mit dem Parteitag am 25. Oktober ihren Hut nehmen muss, lacht: „Ist doch cool, wenn’s auch mal auf andere geht!“

"Rücktritt: Becksteins Flucht nach vorne"

Die CSU macht reinen Tisch - jeder Wahlverlierer wird ausgetauscht. Jetzt hat es auch Ministerpräsident Beckstein erwischt. Und die potenziellen Thronfolger stehen schon in den Startlöchern. Ein Beitrag von Philipp-Moritz Jenne und Julia Scharf.

Das 17-Prozent-Minus-Desaster steckt der Fraktion zu sehr in den Knochen, als dass sie nach der Rückkehr des Quartetts zu großen Gefühlsregungen fähig ist. Beckstein redet, der CSU-Spitzenkandidat entschuldigt sich für die Wahlschlappe, kündigt seinen seit Sonntagabend erwarteten Rücktritt an – ohne einen Nachfolger vorzuschlagen. Doch statt Applaus schlägt ihm eisige Stille entgegen, berichtet ein Insider später. Georg Schmid dagegen spricht von „stehenden Ovationen“. Eine Stunde später tritt Beckstein vor die Presse und zurück: „Das Vertrauen der Wähler war leider deutlich niedriger, als ich erhofft habe.“

Niemand weiß, wie es weitergehen soll. „Partei und Land in einer Hand!“, reimt der Kulturpolitiker Ludwig Spaenle. In der Tat erklärt Horst Seehofer seine Bereitschaft, auch noch den bayerischen Ministerpräsidenten zu geben, „wenn sich in der Fraktion sonst niemand findet“. Doch er ist genauso umstritten wie seine Gegenkandidaten. Auch Innenminister Joachim Herrmann und Wirtschaftsminister Thomas Goppel signalisieren ihr Interesse am Ministerpräsidenten-Sessel, sogar Fraktionschef Schmid will’s wissen. Doch kein Bewerber stößt auf Jubel.

Beckteins Rücktrittsrede

"Becksteins Rücktrittsrede im Originalton"

Genau deshalb verschiebt die CSU lieber die Entscheidung. Die Sprachregelung: „Mehr Demokratie!“ Der Notplan: Am Montag soll der CSU-Vorstand über den neuen Ministerpräsidentenkandidaten entscheiden, am Mittwoch erst die eigentlichen Wähler in der Fraktion. „Ein Parteifunktionär zeigt sich entsetzt. „Bis dahin zerfleischen wir uns doch alle!“

Während die Fraktion ausschließlich über den Zeitplan diskutiert, flüchtet auch ihr neuer Parteichef: Statt den Flur nimmt Horst Seehofer lieber die Feuerleiter als Weg zur Toilette. In seiner ersten großen Herausforderung als designierter CSU-Vorsitzender zeigt er sich gegenüber den Journalisten genervt: „Es gibt kein Machtvakuum. Dass das klar ist!“

Auch eine Stunde später um 15.30 Uhr will Seehofer wieder nicht reden. „Hört’s denen zu“, überlässt er Schmid und Huber das Feld für Verlautbarungen. Ihre Version: Es gibt drei Bewerber – und Seehofer vielleicht einen Vierten. Auch wenn weitere Kandidaten „nicht ausgeschlossen“ seien, sollen alle Bewerber aber noch einmal miteinander verhandeln. Innenminister Herrmann versucht derweil sein Image auch bei den gegen Franken meuternden Oberbayern aufzupolieren: „Ich bin übrigens in München geboren und römisch-katholischen Glaubens!“ Der CSU-Wahlkampf ist eröffnet – und das Gemetzel geht weiter.?

Walther Schneeweiß

Quelle: tz

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