Grünen-Spitzenkandidatin im tz-Interview

Wie viel Grün braucht Bayern, Frau Bause?

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München - Die Grünen haben sich in den letzten 27 Jahren im Maximilianeum etabliert – in der Opposition. Spitzenkandidatin Margarete Bause (54) sieht bei dieser Wahl die Chance, endlich die CSU-Herrschaft in Bayern zu überwinden.

In diesem Wahlkampf heißt es „Grün klingelt“. Finden die Hausbesuche zum ersten Mal statt?

Margarete Bause: In dieser professionalisierten Form, ja. Dem Unterfangen liegt eine Analyse der letzten Wahl zugrunde. Uns geht es in erster Linie um die Mobilisierung von potenziellen grünen Wählern oder Wechselwählern, vielleicht auch von Leuten, die nicht mehr zur Wahl gegangen sind. François Hollande hat in seinem Wahlkampf flächendeckend Hausbesuche eingesetzt – mit Erfolg. Von dieser Erfahrung profitieren wir. Natürlich werden wir einen eingefleischten CSU-Wähler nicht überzeugen können, Grün zu wählen.

Täuscht es, oder gibt es bei den Grünen überdurchschnittlich viele freiwillige Helfer?

Bause: Das ist so, und das ist auch wichtig. Wir haben keine Riesenbudgets, müssen also mit dem Verfügbaren das Optimum rausholen. Aber es gibt ja auch nichts Überzeugenderes als Menschen, die zur grünen Politik stehen und darüber reden.

Sie sind seit über 25 Jahren in der Politik. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Bause: Wir waren damals die krassen Außenseiter und haben uns auch so empfunden. Mittlerweile sind Grüne und grüne Themen Mainstream. Es ist ein grüner Erfolg, dass sich seither unglaublich viel gesellschaftlich verändert hat. In Bayern hat ein Kulturwandel stattgefunden. Anfangs wurden wir für unser Nein zur Atomenergie beschimpft und als Spinner abgestempelt. Heute sind Erneuerbare Energien das Zukunftsthema. Wir haben Bündnispartner, wo wir sie manchmal selber gar nicht vermuten würden.

Viele grüne Themen sind von der CSU übernommen worden. Warum ist es wichtig, dass die Grünen jetzt selbst regieren?

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Bause: Bei der CSU ist vieles nur taktisches Manöver und nicht wirkliche Überzeugung. Es hat Fukushima gebraucht, bis Schwarz-Gelb plötzlich die Energiewende wollte. Aber je mehr diese Bilder verblassen, desto zäher wird das mit der Energiewende. Die Lobbyisten der Konzerne finden wieder zunehmend Gehör. Beispiele dafür sind Seehofers Initiative zur Windenergie – die Abstände so weit zu gestalten, dass gerade in Bayern faktisch kein Windrad mehr installiert werden kann. Oder Leistungserhöhungen für das AKW Gundremmingen in Aussicht zu stellen. Oder die Initiative, die fossilen Kraftwerke zu subventionieren, um angeblich die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Er sagt wohl gerne das eine und das andere auch.

Bause: Das geht aber nicht. Die politische Linie muss klar sein. Für viele Unternehmen, gerade aus der Branche der Erneuerbaren Energien, ist es ein großes Problem, dass sie keine Planungssicherheit haben, keine Verlässlichkeit. Firmen klagen mir gegenüber, dass sie keine Kredite mehr für neue Projekte bekommen, weil man nicht weiß, wie es in Zukunft weitergeht. Da werden Arbeitsplätze infrage gestellt und Projekte zerstört.

Was müsste das Land Bayern zum Gelingen der Energiewende beisteuern?

Bause: Wir brauchen verlässliche Planungsgrundlagen, z. B. einen Windenergieatlas, der über Stärke des Windes, geschützte Flächen und ähnliches transparente Aussagen macht. Die Trassenverläufe der Netze müssen festgelegt werden. Hier gilt: Je mehr Bedarf wir dezentral decken können, desto weniger Trassen brauchen wir. Eine Hochspannungsleitung vom Norden in den Süden ist sicher notwendig, aber die 4000 Kilometer, von denen immer geredet wird, halten wir für übertrieben.

Kann es sein, dass wir nach dem 15. September Baden-Württemberg-ähnliche Zustände haben?

Bause: Die Baden-Württemberger Grünen sind ein Vorbild für uns, aber die Wahl dort fand in einer Ausnahmesituation statt. Stuttgart 21, Fukushima, der unsägliche Mappus, das alles hat dazu beigetragen, dass die Grünen in ungeahnte Dimensionen vorgestoßen sind. Man darf da nicht die Bodenhaftung verlieren. Wir haben ein hohes Potenzial, aber wohl nicht in der Größenordnung wie in Baden-Württemberg.

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Kretschmann zeigt, dass man sich nicht vor einem grünen Ministerpräsidenten fürchten muss, vielleicht nicht mal vor einer Ministerpräsidentin Bause.

Bause: Mit Sicherheit nicht. Man muss sich vor einem Ministerpräsidenten Seehofer viel mehr fürchten, weil er unberechenbar ist, und man morgen nicht weiß, was er übermorgen tun wird.

Glauben Sie nicht an den sanften Donauausbau?

Bause: Da sind noch keine Fakten geschaffen. Sicherheit für die Bevölkerung gibt es nur, wenn sofort das Planfeststellungsverfahren und der sanfte Donauausbau eingeleitet wird.

Warum kann die SPD nicht besser punkten?

Bause: Unter Seehofer findet eine Entpolitisierung statt, dagegen kann man schlecht zuspitzen. Das wird aber auch für die CSU zum Problem: Seehofers Stil demobilisiert auch die eigenen Leute.

Was würden Sie in Ihrem Wunschamt Kultusministerin als Erstes angreifen?

Bause: Ich würde eine Öffnungsklausel ins Gesetz schreiben, die bedeutet, dass Schulen sich zu Gemeinschaftsschulen weiterentwickeln können, wenn das vor Ort gewünscht ist. Gerade bei den Mittelschulen ist ungefähr ein Drittel der Standorte in den nächsten Jahren vom Aus bedroht. Wenn man vor Ort dieses Angebot macht, wird das die Schulstandorte und den ländlichen Raum stärken. Allgemein gilt das Motto: Nicht von oben verordnen, sondern von unten ermöglichen.

Was würden Sie gegen den Schulstress unternehmen?

Bause: Der Druck muss verringert werden. Das Bulimie-Lernen, bei dem sich die Kinder für eine Prüfung Details reinpauken, wiedergeben und dann auch gleich wieder vergessen, macht keinen Sinn. Die Jugend von heute muss sich schnell auf Neues einstellen können, muss wissen, wie sie Informationen im Internet bewerten und im Team zu Lösungen kommen kann. Der Lehrplan des G8 muss entrümpelt werden. In der zehnten Klasse haben die Schüler 16 Fächer! Da muss man zusammen mit allen Betroffenen zu einer Vereinbarung kommen.

Kultusminister Spaenle ist Ihr CSU-Gegenkandidat in München-Nord. Hat dieser Umstand einen gewissen Reiz für Sie?

Bause: Mit Sicherheit. Der Stimmkreis ist dieses Mal ein bisschen anders zugeschnitten, das Glockenbachviertel ist dazugekommen. Das wird ein spannendes Rennen. Es wäre an der Zeit, dass eine Grüne direkt in den Landtag gewählt wird.

Sie sagen, Sie können Stadt und Land, warum?

Bause: Ich bin auf dem Land aufgewachsen, auf einem Einödhof bei Landshut. Ich weiß, wie es ist, wenn man einen langen Schulweg hat. Ich kenne von meinen Eltern die Situation der älteren Bevölkerung. Jeder Einkauf und jeder Arztbesuch wird zum Problem. Und auch was das Thema schnelles Internet angeht, erfahre ich gerade, welche riesigen Lücken es da auf dem Land noch gibt.

Sie hatten als Jugendliche eine kurze Karriere als Schweine-Hebamme, erzählen Sie doch mal davon!

Bause: Meine Eltern hatten sich auf Ferkelerzeugung spezialisiert. Mein Vater brachte mir bei, wie man einer Muttersau bei einer schwierigen Geburt als Hebamme assistiert und die Ferkel durchs Becken herauszieht. Meine Begabung auf diesem Gebiet hat sich herumgesprochen, bis der Tierarzt – der größere Hände hatte – mich zu solchen schwierigen Geburten mitgenommen hat. Da war ich so 17.

Wo sehen Sie die größten Konfliktpotenziale mit Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger?

Bause: Bei uns gibt es doch mehr Gemeinsamkeiten als innerhalb der CSU… Ich werde oft gefragt, ob ich mir Schwarz-Grün vorstellen kann, es gäbe doch Gemeinsamkeiten. Also, wenn’s mit der CSU nicht so kategorisch auszuschließen ist, dann geht es mit den Freien Wählern doch natürlich viel einfacher! Wir Grüne müssen das beste Ergebnis kriegen, das wir je hatten. Dann können wir auch mehr Gewicht in die Waagschale werfen – und das wird man dann auch im Koalitionsvertrag sehen.

Hätten sich die Freien Wähler von vornherein zum Dreierbündnis bekennen sollen?

Bause: Ich kann nur für uns sprechen und unsere Ansage ist klar: Unser Ziel ist, die CSU abzulösen, und da gibt es kein Wackeln und kein Zaudern.

Interview: Barbara Wimmer

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