Prof. Ursula Münch in der tz

FDP: Gefährliche Jagd nach Unions-Stimmen

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Mit einer neuen Plakataktion wirbt die FDP (l) am Montag auf großflächigen Plakaten mit Spitzenkandidat Rainer Brüderle in der Innenstadt von Berlin um die Zweitstimme nach der Niederlage bei den Landtagswahlen in Bayern. Im Hintergrund ein Wahlplakat der CDU mit Bundeskanzlerin Merkel.

München - Nach dem Desaster bei der Bayern-Wahl geht die FDP nun auf Jagd nach Unions-Stimmen. In der tz erklärt die Politikwissenschaftlerin Prof. Ursula Münch, warum dies für die Liberalen gefährlich werden kann.

Die FDP geht jetzt auf Leihstimmen-Jagd. Kann diese Strategie aufgehen?

Prof. Ursula Münch, Leiterin der Akademie für politische Bildung in Tutzing

Prof. Ursula Münch, Leiterin der Akademie für politische Bildung in Tutzing: Der FDP bleibt nicht viel anderes übrig. Allerdings schwingt da ein ziemlicher Unsicherheitsfaktor mit. Denn durch das neue Wahlrecht kann so eine Aktion gefährlich werden. Die Union hat kein Motiv, bei so einer Kampagne mitzumachen, weil es in Zukunft Ausgleichsmandate gibt. Und spätestens seit der Niedersachsen-Wahl Anfang des Jahres ist klar, wie riskant Zweitstimmenkampagnen sind: Man appelliert an Wähler und weiß nicht, bei wie vielen Wählern dieser Appell wirklich ankommt.

Kann das desaströse Ergebnis der FDP in Bayern der Partei im Bund vielleicht sogar einen Schub geben?

Münch: Ja. Potenzielle Wähler der Liberalen werden dadurch auf jeden Fall mobilisiert. Für die FDP sind die Chancen in Berlin deshalb relativ gut.

Pressestimmen zur Wahl: "Der Super-Horst"

Pressestimmen zur Wahl: "Der Super-Horst"

Muss Angela Merkel sich neben einer Zweitstimmen-Kampagne auch vor einem wieder erstarkten Horst Seehofer fürchten?

Münch: Wenn es zu einer Koalitionsbildung kommen sollte, dann war das bayerische Ergebnis für Angela Merkel alles andere als ideal. Sie hätte sich eher eine schwache FDP mit knapp über fünf Prozent gewünscht und eine starke, aber nicht so dominante CSU. Für die Union ist es jetzt ganz wichtig, ihren Anhängern klarzumachen, dass noch nichts entschieden ist.

Welche Rolle könnte die große Unbekannte AfD spielen?

Münch: Viele Wähler werden bei einer Umfrage nicht offen zugeben, dass sie die AfD mit ihrer Tendenz zum Rechtspopulismus wählen wollen. Ein weiterer Faktor: Wir wissen nicht, wen die Anhänger der Freien Wähler bei der Bundestagswahl wählen werden. Da haben die Freien Wähler selber ja kaum eine Chance – da wird ein Teil zur AfD wandern. Die Union lässt daher nichts unversucht, die Angst vor der AfD zu schüren.

Können die Grünen von den Etiketten Steuererhöhungen und Veggie-Day in der letzten Wahlkampfwoche noch loskommen?

Münch: Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Grünen haben ihre Anhänger überfordert – man darf die Partei aber auch nicht mit den über 20 Prozent in Umfragen kurz nach dem Atomunglück in Fukushima vergleichen. Der Eindruck, der sich hier aufdrängt, ist, dass im rot-grünen Lager der eine seine Rechnung auf Kosten des anderen macht. Sprich: Was die SPD leicht dazugewinnen kann, verlieren auf der anderen Seite dieGrünen. Das ist ein Nullsummenspiel.

Jubel und Tränen: Landtagswahl Bayern in Bildern

Jubel und Tränen: Landtagswahl Bayern in Bildern

Schadet die Pädophilie-Affäre den Grünen?

Münch: Auf jeden Fall! Die aktiven Bundespolitiker müssen sich nicht den Vorwurf machen, direkt daran beteiligt gewesen zu sein, allerdings hat man sich in den 80er-Jahren nicht genug von dieser Strömung distanziert. Deshalb kann man ihnen eine Doppelmoral vorwerfen – über die Kirche ziehen sie her, während sie die eigenen Probleme kleingeredet haben. Die Grünen-Wähler sind mittlerweile bürgerliche Wähler – da wird sich ein laxer Umgang mit einem solch hochproblematischen Thema rächen.

Die SPD konnte sich leicht verbessern. Ist das ein Rückenwind für den Bund?

Münch: Das ist keineTrendwende, nur eine gewisse Verbesserung im Vergleich zu den letzten zwei Landtagswahlen. Das war also kein Rückenwind, höchstens ein Rückenhauch. Aber Steinbrück hatte schon schlechtere Umfrageergebnisse. Die SPD kann sich jetzt voll auf sich konzentrieren, auf ihre Themen und ihren Kandidaten.

In Bayern war die Wahlbeteiligung höher als zuletzt …

Münch: Das ist die ganz große Unbekannte. Die Wahlbeteiligung ist in Bayern deutlich angestiegen – wir wissen nicht, ob das im Bund auch so sein wird und wem das nutzen könnte. In Bayern hat die höhere Wahlbeteiligung der CSU genutzt, im Bund nutzt eine höhere Mobilisierung normalerweise eher der SPD. Die letzte Gewissheit haben wir da aber erst am kommenden Sonntag.

Interview: Marc Kniekamp

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