„Die Hemmschwelle sinkt“

Ludwig Spaenle ist Söders neuer Beauftragter gegen Antisemitismus - das sind seine Vorhaben

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Sehen sich als Team: Charlotte Knobloch, Israelitische Kultusgemeinde, und Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter. 

Weil Judenhass auch in Bayern zum Alltag gehört, soll Ludwig Spaenle als Antisemitismus-Beauftragter Abhilfe schaffen. Das sind seine Pläne. 

München – Ein Jugendlicher wird in der Münchner U-Bahn angepöbelt, weil auf seiner Smartphone-Hülle ein Davidstern abgebildet ist. „Du Jude!“ fungiert auf so manchem bayerischen Pausenhof als gängiges Schimpfwort. Gewählte Abgeordnete nennen das Berliner Holocaust-Mahnmal ein „Denkmal der Schande“ und die Nazizeit einen „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte.

Dafür, dass Ludwig Spaenle, wie er sagt, sein neues Amt an einem „leeren Schreibtisch“ angetreten hat, häufen sich dort bereits die Sorgenfälle. Bayerns ehemaliger CSU-Kultusminister ist seit 14. Mai Antisemitismus-Beauftragter der Staatsregierung. „Die Hemmschwelle sinkt“, konstatierte Spaenle (57) gestern bei seinem Antrittsbesuch bei der Israelitischen Kultusgemeinde am Münchner St.-Jakobs-Platz.

Antisemitismus massives Problem in Deutschland 

Im dortigen Gemeindezentrum, geschützt von Anti-Terror-Sperrpollern, Metalldetektoren und schweren Panzerglas-Schiebetüren, beobachtet auch das Oberhaupt der jüdischen Gemeinde von München und Oberbayern, Charlotte Knobloch (85): „Antisemitismus ist noch immer und wieder ein massives Problem in unserem Land.“ Knobloch zeigte sich daher erfreut über das neu geschaffene Amt des „Beauftragten für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungskultur und geschichtliches Erbe“, wie der ganze Titel lautet. Und sie lobte die Personalie selbst. Spaenle sei ein „profunder Kenner der Materie, der immer an der Seite der jüdischen Menschen in Bayern gestanden hat. Einen besseren Antisemitismusbeauftragten kann man sich nicht wünschen.“

Spaenle: Meldestelle für Vorfälle einrichten

Sein erstes Projekt sei es, eine bayerische Meldestelle für antisemitische Vorfälle einzurichten, sagte Spaenle. „Das schieben wir in den kommenden Tagen an.“ Es gelte, diese präzise und differenziert den Milieus zuzuordnen, aus denen sie stammen. „Antisemitismus bedeutet längst nicht mehr nur grölende Glatzen“, so Spaenle. Dieses „Themengift“ komme verstärkt auf „intellektuell forderndem Wege“ und sehr subtil daher. Antisemitismus komme von links und rechts sowie aus dem islamistischen Spektrum und sogar aus der Mitte der Gesellschaft, ergänzte Knobloch. Gerade der muslimische Antisemitismus sei unter anderem durch Imame aus der Türkei gesteuert, habe sie im Gespräch mit Vertretern der hiesigen Muslime erfahren. Impulse erhofft sich Knobloch von Spaenle vor allem in der Bildungsarbeit – in der Schule wie in der Erwachsenenbildung. Speziell ist der Präsidentin der Kultusgemeinde der Hass im Internet ein Dorn im Auge: „Das vergiftet unsere jungen Menschen so schnell, dass die Bildungsangebote gar nicht mehr hinterherkommen.“

Der neue Antisemitismusbeauftragte will sich nun mit allen relevanten Ministerien, darunter Bildung und Wissenschaft, Soziales, Justiz, Inneres sowie der Staatskanzlei „auf Arbeitsebene vernetzen“. Er ersetze keinen politisch Verantwortlichen, sondern rege Maßnahmen an und sei Ansprechpartner für die zuständigen Stellen und die jüdischen Menschen in Bayern. Die dem Antisemitismus zugrunde liegenden gesellschaftlichen Prozesse zu beeinflussen sei das Ziel. „Aber das geht nicht von heute auf morgen.“ 

Lesen Sie auch: So kämpft Bayern gegen Antisemitismus an Schulen

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