Diskussion um die „Schande Europas“ bei Maischberger

Moria: Feuer als Katastrophe mit Ansage? - „Falls es von Geflüchteten angesteckt wurde, könnte ich das verstehen“

Moria in Flammen: Zuletzt hielten sich in Moria und unmittelbarer Umgebung etwa 12 500 Migranten auf.
+
Im Flüchtlingslager Moria stehen noch immer Zelte in Flammen. Mehr als 24 Stunden nach Ausbruch der Feuer gab es immer noch keine offiziellen Angaben, wie viele Menschen obdachlos wurden.

Moria brennt - diese Nachricht ging gestern um die Welt. Während in Deutschland Tausende für die Aufnahme der Flüchtlinge protestieren, sorgt eine Kolumnistin im ARD für den Aufreger des Abends.

  • Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist am Mittwoch fast vollständig abgebrannt* - Flüchtlinge werden nun verdächtigt, das Feuer selbst gelegt zu haben.
  • Die rund 13.000 Bewohner Morias sind jetzt obdachlos. Die EU ringt weiter um eine einheitliche Lösung zur Aufnahme der Flüchtlinge - bisher ohne Ergebnis.
  • Bei Sandra Maischberger sorgte am Mittwochabend eine Kolumnistin der taz mit einer Aussage zur Brandursache für den Aufreger des Abends.

Lesbos - In Moria brennt es seit Monaten - jetzt nicht mehr nur im übertragenden Sinne. Im Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos ist Mittwochmorgen ein Feuer ausgebrochen, das die Unterkünfte und das, was die Flüchtlinge noch besitzen, zerstört hat. Für 2800 Menschen ist das Camp ausgelegt, rund 13.000 sollen dort aber derzeit leben.

„Die Schande Europas geht in Flammen auf", schreibt Georg Schwarte vom NDR gestern und meint damit, dass es die EU bis zuletzt versäumt hat, geschlossen eine Lösung für die humanitäre Katastrophe vor Ort zu finden. Ohnehin schon in menschenunwürdigen Verhältnissen untergebracht, ginge es für die Bewohner Morias seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie* nicht mehr um Leben - nur noch um Überleben, so Schwarte.

Video: Am Mittwochabend protestierten tausende Deutsche für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Moria

Um „die Bilder dieser Woche“ ging es am Mittwochabend auch bei Sandra Maischberger im ARD. Kurzfristig nahm die Redaktion das brandaktuelle Thema Moria mit auf die Sendeliste. Zu Maischbergers Gästen gehörten die Politologin Cathryn Clüver Ashbrook, der stellvertretende Chefredakteur der Welt, Robin Alexander, sowie SPD-Vorsitzende Saskia Esken und die taz-Kolumnistin Bettina Gaus. Letztere mag mit einer ihrer Aussagen wohl die Ansichten der Zuschauer gespalten haben. Auch sie vertritt die Meinung, Moria wäre die „Schande Europas“ - und dass es sich bei dem flammenden Inferno eigentlich nur um eine „Katastrophe mit Ansage“ gehandelt habe.

Bei Maischberger im ARD: taz-Kolumnistin liefert Aufreger des Abends

Der Brand im Flüchtlingslager von Moria beherrscht seit Mittwochmorgen die internationale Presse, in den sozialen Netzwerken kommt es permanent zu Spendenaufrufen. Die Not der Flüchtlinge auf Lesbos ist groß, wissen doch jetzt Tausende nicht, wo sie unterkommen sollen. Aber auch nach dieser Katastrophe ist die EU gespalten - steht derzeit zudem noch immer der Verdacht im Raum, die Flüchtlinge selbst könnten das Lager angezündet haben. Können sich die EU-Mitgliedsstaaten jetzt zu einer einheitlichen Lösung durchringen oder entscheidet jedes Land für sich, wie und ob es hilft? So lauten die Fragen der Stunde.

13.000 Stühle standen erst kürzlich vor dem Reichstagsgebäude in Berlin - ein stiller Protest, um auf die „Hölle von Moria“ aufmerksam zu machen. Bewirkt hat dieser nichts - scheinbar auch der Brand nicht. Denn „Alleingänge Deutschlands wären nicht hilfreich, weil sie den Eindruck erwecken könnten, Deutschland werde die Flüchtlinge allein aufnehmen“, ließ gestern die CDU vermelden. „Diese überfüllten Lager in Griechenland sind seit Monaten eine Schande für die EU“, meint Gaus aber gestern bei Maischberger - und räumt bezüglich der Ursache des Feuers in Moria sogar ein:

Falls es von Geflüchteten angesteckt wurde, könnte ich das verstehen - wenn eine Seuche durch ein völlig überfülltes Lager mit vierfacher Belegung wie ursprünglich vorgesehen tobt und die Leute einfach Angst haben.

Bettina Gaus, Kolumnistin der taz

Andererseits habe Gaus auch Verständnis für die griechischen Dorfbewohner, die aufgrund der gleichen Angst - der Angst vor dem Coronavirus - die Geflüchteten daran hindern würden, ihr Dorf zu betreten. So oder so, die Journalistin stellt die EU an den Pranger, schließlich könne es nicht sein, dass ein paar tausend Menschen unter der Frage leiden müssten, ob nun endlich eine gesamteuropäische Lösung für die menschenunwürdigen Zustände der Flüchtlinge in Griechenland gefunden werden könne. Wie auch immer es zum Feuer kam, sie sieht die Politiker in der sofortigen Verantwortung: „Erst helfen, später kommen die Schuldzuweisungen“, so der Appell der taz-Kolumnistin am Mittwochabend.

Europäische Flüchtlingsdebatte hält an: Wer übernimmt die Verantwortung für die Flüchtlinge aus Moria?

Bei Sandra Maischberger im ARD ging es am Mittwochabend unter anderem um das Thema „Feuer in Moria“.

Handlungsbedarf sieht der stellvertretende Welt-Chefredakteur Robin Alexander nicht bei Innenminister Horst Seehofer, an den die weißen Stühle in Berlin adressiert waren, sondern bei Griechenland selbst: „Diese Lager sollten immer den Zweck haben, dass dort die Asylverfahren bearbeitet werden“, meint Alexander. Irreguläre Migranten müssten in die Türkei zurückgebracht werden, denn die Situation in den Lagern dort sei besser als in Griechenland. Griechenland müsse diese Verantwortung endlich annehmen.

SPD-Chefin Saskia Esken plädiert bei Maischberger hingegen für einen gesamteuropäische Lösungsansatz - Deutschland wird helfen und Flüchtlinge aufnehmen, doch nicht alle und nicht als einziges Land, so der Tenor: „Wir werden nicht alleine 13.000 Menschen aufnehmen, das wird nicht der Weg sein, aber wir werden einen maßgeblichen Beitrag dazu leisten.“

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fordert jetzt ein neues europäisches System zur Steuerung von Migration. Nach dem Brand in Moria will Horst Seehofer während der EU-Ratspräsidentschaft die Probleme der Flüchtlings-Politik angehen. Die EU-Kommission derweil plant einen neuen Kurs in der Thematik - und Kanzlerin Merkel fällte ein hartes Urteil über die EU-Migrationspolitik. Doch selbst zwischen Unions-Spitzen und den Fraktionen klafft offenbar ein Graben. Auf der Insel Lesbos wurde jetzt ein neues provisorisches Lager errichtet, doch viele Flüchtlinge fürchten sich davor, eingesperrt zu werden.(cos) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion