Außenminister wird ausgebootet

“Mann mit Haaren im Gesicht“: Jetzt wird Gabriel gegen Schulz persönlich

Sigmar Gabriel fühlt sich von der SPD-Parteiführung eiskalt abserviert - und ist schwer enttäuscht, dass er nicht Außenminister bleibt. Gegen Martin Schulz wird er jetzt persönlich.

Sigmar Gabriel hat bis zuletzt gehofft, dass sein Wunsch doch noch in Erfüllung geht. „In solchen international verwirrenden Zeiten seinem Land als Außenminister dienen zu können, ist natürlich ungeheuer spannend und auch eine sehr große Ehre“, sagte er kürzlich auf dem Rückflug von Tel Aviv nach Berlin. Gut möglich, dass es seine letzte Reise als Außenminister war. Seit Mittwoch ist offiziell, dass der 58-Jährige sein Amt beim Zustandekommen einer Großen Koalition abgeben muss. Er wäre damit der Verlierer der Regierungsbildung. Einer der talentiertesten und beliebtesten Politiker Deutschlands würde in die politische Bedeutungslosigkeit abstürzen.

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Schulz servierte ihn so kühl ab, wie es nur geht

Nach vier Jahren als niedersächsischer Ministerpräsident, acht Jahren als Bundesminister – davon vier als Vizekanzler – und sieben Jahren als SPD-Chef hat ihn sein Nachfolger Martin Schulz so kühl abserviert, wie es nur geht: „Sigmar Gabriel hat eine sehr gute Arbeit als Außenminister geleistet, aber ich habe mich entschieden, in die Bundesregierung einzutreten und zwar als Außenminister.“ Ein lapidarer Satz. Weniger geht nicht.

Gabriels Antwort fiel heftig aus. „Was bleibt, ist eigentlich nur das Bedauern darüber, wie respektlos bei uns in der SPD der Umgang miteinander geworden ist und wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt“, sagte er der Funke-Mediengruppe. Welches Versprechen er damit meint, sagte er nicht. Allerdings heißt es, Schulz habe Gabriel für den Fall einer neuen GroKo das Außenamt zugesichert. Nun kommt es ganz anders.

„Damit muss er sich abfinden“: Lesen Sie hier die Reaktionen auf Gabriels Vorwürfe

Gabriels Enttäuschung ist jedenfalls groß. „Ich habe das Amt des Außenministers gern und in den Augen der Bevölkerung offenbar auch ganz gut und erfolgreich gemacht. Und da ist es ja klar, dass ich bedauere, dass diese öffentliche Wertschätzung meiner Arbeit der neuen SPD-Führung herzlich egal war.“ Klar, in der Politik werde mit harten Bandagen gekämpft. „Aber es sollte mit offenem Visier erfolgen.“ Wortbruch, Respektlosigkeit, Hinterhältigkeit – das ist starker Tobak.

Einst waren Gabriel und Schulz Freunde

Das Zerwürfnis zwischen zwei Politikern, die sich vor nicht allzu langer Zeit noch Freunde nannten, ist damit vollendet. Es begann im Januar 2017: Damals entschied sich Gabriel, zugunsten von Schulz auf den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur zu verzichten. In einem Interview begründete er seine einsame Entscheidung so: „Ich stehe – ob mir das nun gefällt oder nicht – für die Große Koalition mit CDU und CSU. Martin Schulz dagegen steht für einen Neuanfang.“ Wäre Gabriel in den Wahlkampf gegen Merkel gezogen, wäre seine Karriere bei einer Niederlage zerstört gewesen. Als Außenminister erschien ihm die politische Überlebenschance größer.

In den Ranglisten der beliebtesten Politiker landete er bald ganz oben. Und auch bei den Diplomaten im Auswärtigen Amt erarbeitete er sich allerhöchsten Respekt. Nur das Zusammenspiel mit Schulz funktionierte nicht. Im Wahlkampf stahl ihm Gabriel mit immer neuen Ideen die Show.

Gabriel sagte alle Termine ab

Als Reaktion auf seine Quasi-Entlassung sagte Gabriel am Donnerstag sofort alle Termine in seiner Funktion als Außenminister ab und zog sich in sein Haus in Goslar zurück. Bei zwei Konferenzen zum Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat und der EU ist er nächste Woche ebenso wenig dabei wie bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Dort sollte er den zweiten Tag eröffnen. Jetzt findet die Siko erstmals seit Jahren ohne einen deutschen Außenminister statt.

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„Für mich beginnt jetzt eine neue Zeit“, sagte Gabriel gestern. Er bleibt normaler Abgeordneter, nimmt einen Lehrauftrag an der Uni Bonn an. Und wird mehr zu Hause sein. „Meine kleine Tochter Marie hat mir heute früh gesagt: ‚Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht‘.“

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Michael Fischer und Georg Ismar

Rubriklistenbild: © dpa

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