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Impfpflicht? In ZDF-Talk stellt Ampel-Verhandler den Kurs klar - „Was ich nicht ausschließe ...“

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Von: Hannes Niemeyer

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Michael Kellner (Grüne) zu Gast bei Markus Lanz
Michael Kellner (Grüne) zu Gast bei Markus Lanz © Michael Kellner (Grüne)

Immunologe Watzl klärt bei „Markus Lanz“ über Booster-Impfungen auf. Grünen-Geschäftsführer Kellner zeigt sich offen für eine Impfpflicht für bestimmte Berufe.

Hamburg - Bei Markus Lanz kommen am Donnerstagabend die SPD-Urgestein Franz Müntefering und Grünen-Geschäftsführer Michael Kellner mit der Journalistin Anja Maier sowie dem Immunologen Carsten Watzl zusammen.

Von Letzterem möchte Lanz eingangs wissen, warum es besser sei, sich eine dritte Impfung geben zu lassen, statt sich nach dem ersten Impfdurchlauf per Infektion gegen Covid-19 zu „boostern“. Der stellt zunächst klar: Eine Infektion sei für geimpfte Nichtrisikopatienten „wahrscheinlich überhaupt kein Problem, weil da wollen wir ja hin“. Anders sei die Lage bei Risikopatienten. „Also gerade jemand mit Vorerkrankung oder wenn es jetzt wirklich irgendein 80-Jähriger ist, da ist die Impfung sicherer. Das muss man ganz klar sagen.“

Der Immunologe rechnet vor: „Ein 80-Jähriger hat eine 20-prozentige Wahrscheinlichkeit, an Corona zu versterben. Das reduziere ich um 90 Prozent, dann hat der noch 2 Prozent. Damit ist er noch so schlecht dran wie ein nicht-geimpfter 50-Jähriger. Also da ist noch ein Restrisiko. Deshalb hole ich mir da besser eine Booster-Impfung und keine Booster-Infektion.“

Coronavirus-Debatte bei „Markus Lanz“: Impfpflicht für Gesundheits- und Pflegepersonal?

Es dauert nicht lange, bis Talkmaster Lanz Michael Kellner auf dessen Parteikollegen Janosch Dahmen anspricht, der eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen gefordert hatte. Kellner bemüht sich, Lanz‘ Sorge zu zerstreuen: „Keine allgemeine Impfpflicht. Das schließe ich aus. Aber was ich nicht ausschließe, ist das, was Janosch Dahmen gesagt hat. Für Berufsgruppen, die nun wirklich mit Menschen zusammenarbeiten. Gerade bei Gesundheit und Pflege ist natürlich das Risiko für die Patienten oder die Pflegenden besonders groß. Da haben auch die Berufsgruppen selber eine Verantwortung, sich impfen zu lassen.“

Ob es tatsächlich dazu komme, erklärt Kellner, sei davon abhängig zu machen, wie der Impffortschritt innerhalb der fraglichen Berufsgruppen sei. Watzl weist darauf hin, dass eine entsprechende Empfehlung bereits bestehe: „Da kommen wir wieder zu den Booster-Impfungen. Es gibt eine ganz klare Empfehlung, dass sich Pflegepersonal altersunabhängig boostern soll. Einfach aus dem Grund, nicht weil die das für den Selbstschutz brauchen – sondern der Fremdschutz. Weil dann vermieden wird, dass solche Leute infiziert vulnerable Menschen betreuen.“

Bei „Markus Lanz“: Grünen-Mann Kellner rechtfertigt Ende der bundesweiten Corona-Verordnungen

Mit dem Begriff der Impfpflicht hat der Experte jedoch Probleme: „Ich rede natürlich als Immunologe viel lieber über die Vorzüge der Impfung, als dass ich auf einmal bei einer Impfpflicht über Persönlichkeitsrechte diskutieren muss, weil da bin ich dann raus.“ Auch Franz Müntefering findet, mit dem Wort „Pflicht“ solle man vorsichtig umgehen. Er blickt aber auch auf die gesamtgesellschaftliche Dimension: „Wie weit können wir eigentlich akzeptieren, dass in einer bestimmten Situation die Menschen sich nicht schützen?“

Moderator Lanz spricht Kellner außerdem auf das von SPD, Grünen und FDP angekündigte Auslaufenlassen der pandemischen Lage von nationaler Tragweite an. Dem Vorwurf, die Bundesländer dadurch mit der Pandemie allein zu lassen, widerspricht Kellner: „All die Maßnahmen, 2G, 3G, Hygienekonzepte, Maskenpflicht, Beschränkungen bei Veranstaltungen: Das ist alles weiterhin möglich und es ist auch weiterhin notwendig. Was nicht mehr möglich ist, ist einfach das präventive Schließen von Geschäften, das präventive Schließen von Schulen. Es ist möglich zu sagen, wenn ein akuter Ausbruch an einer Schule ist, dann kann ich die Schule schließen. Aber ich kann keinen Lockdown mehr machen und präventiv alles dicht machen.“ Die Pandemie spiele auch bei den Koalitionsverhandlungen eine wichtige Rolle, bundesweite Lockdown-Maßnahmen hätten Grüne und FDP aber bereits in der Opposition kritisiert.

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 28. Oktober

Den zweiten Teil der Sendung widmet die „Markus Lanz“-Runde der Regierungsbildung in Berlin. Moderator Lanz fragt Grünen-Bundesgeschäftsführer Kellner, ob er das Gefühl der Menschen teile, die Grünen ließen sich derzeit von der FDP treiben. Der Bundesgeschäftsführer der Grünen verneint das: „Es gibt eine große Verantwortung, eine gemeinsame Regierung zu bilden. Klar war doch, dass in einer Ampel-Koalition der Weg für die FDP am weitesten ist, am schwierigsten. Ich bin froh, dass es gelungen ist, da eine Gemeinsamkeit zu finden und einen echten Willen, eine Koalition zu bilden.“

Lanz versucht, seinen Punkt zu unterstreichen: „Sie haben ja gar nichts durchgebracht, nicht mal Tempo 130.“ Kellner widerspricht: „Also wir haben einen Kohleausstieg 2030 durchgesetzt. Da haben wir den ganzen Wahlkampf über mit allen anderen Parteien gestritten. Übrigens: Da haben wir mit der SPD mehr gestritten als mit der FDP, ehrlicherweise, an dieser Frage. Wir haben einen Punkt, der uns total wichtig war: Die Frage von Kindergrundsicherung, die Millionen Kindern, die in Armut aufwachsen, helfen wird.“

Grüne oder FDP ins Finanzministerium? Kellner schweigt, Müntefering optimistisch

Welche Vorhaben sich wie durchsetzen lassen, hänge von Geld ab, rechnet Gastgeber Lanz daraufhin vor. Sowohl Robert Habeck (Grüne) als auch Christian Lindner (FDP) wüssten das Finanzministerium deshalb wohl am liebsten unter sich. Kellner macht kein Geheimnis daraus, dass sich Personalfragen zuspitzen können, fordert aber Geduld: „Das ist eine völlig berechtigte Frage, ein echtes Dilemma.“

„Herr Müntefering“, wendet sich Lanz dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden zu, „an welcher Stelle von Koalitionsverhandlungen wird über Posten geredet? Wirklich ganz zum Schluss?“ Müntefering verneint recht unverblümt: „Eigentlich ist das immer da, das Thema. Von Anfang an, das ist auch ganz normal.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Die „Markus Lanz“-Runde hört zu Beginn dem Immunologen Carsten Watzl zu, der für einen entspannten Umgang mit Corona-Booster-Impfungen wirbt. Wichtig seien diese in erster Linie für alte Menschen und Hochrisikogruppen. Wer dagegen jünger als 60 und geimpft sei, der könne auch nach dem Motto verfahren: „Dann holst du dir deine Auffrischung eben mit der Infektion.“

Im zweiten Part der Sendung sprechen Müntefering und Kellner über die aktuellen Koalitionsverhandlungen. Weil dabei große Einigkeit herrscht, streut Lanz mit dem Wahlergebnis der Grünen Salz in Kellners noch offene Wunde. „Natürlich wäre mehr drin gewesen“, sagt der konsterniert, geht aber auf spezifische Verantwortlichkeiten nicht ein. Zum Abschluss resümiert Müntefering die Anfänge der Kanzlerschaft Merkel und seine Rolle als damaliger SPD-Vorsitzender. Hermann Racke

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