Wechsel an der CSU-Spitze

Söder beerbt Seehofer: Parteichef auf Bewährung

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Mit 87 Prozent wählen die CSU-Delegierten Markus Söder zum Vorsitzenden.

Sie lieben ihn nicht, aber sie respektieren ihn: Mit 87 Prozent wählen die CSU-Delegierten Markus Söder zum Vorsitzenden. Er muss die, von den letzten Wahlkämpfen erschöpfte, Partei neu aufrichten.

München– Er ist erst wenige Sekunden im Amt, da erhält Markus Söder eine klare, harte Warnung. Horst Seehofer sucht als erster Gratulant das Ohr seines Nachfolgers, redet leise und konzentriert auf ihn ein. „Ich will Dir nochmal sagen“, raunt er, „dass es ein sehr schwieriges Amt ist“. Es folgt ein Versprechen: „Ich werde Dich unterstützen. Solltest Du einmal etwas anderes hören, ruf mich an, ruf mich direkt an.“

Vielleicht sind das die ehrlichsten Worte an diesem heiklen Parteitag. Dass sie ausgerechnet zwischen den beinharten Rivalen fallen, ist eine Überraschung. Es wird ja viel inszeniert und ein wenig geheuchelt bei der historischen Staffelübergabe der CSU, doch Seehofers ernste Worte dürften wahrhaftig gemeint sein. Auch Söders Gesichtsausdruck ist ehrlich in diesen Momenten, als oben von der Bühne sein Wahlergebnis verkündet wird.

87,42 Prozent: Nicht brillant und nicht blamabel 

87,42 Prozent, das ist nicht brillant und nicht blamabel, sondern liegt wie erwartet genau in der Grauzone dazwischen. Söder nimmt die Zahl ohne gespielte Euphorie entgegen. „Äh, ja, klar. Herzlichen Dank“, sagt er auf die obligatorische Frage, ob er die Wahl annimmt.

„Die CSU war nie die Partei der Prosecco-Trinker, sie war immer die Partei der Leberkäs-Etage.“

Markus Söder in seiner Rede

Wer sich die Zahlen näher anschaut, findet erhebliche Vorbehalte der Delegierten darin. Aus dem offiziellen Ergebnis wurden, wie immer, die ungültigen Stimmen rausgerechnet. Und: Von den 852 angemeldeten Delegierten beteiligten sich überhaupt nur 787 an der Wahl. Auch der Rest wollte mit seiner Nicht-Stimme wohl etwas mitteilen. Wahr ist eigentlich: Unter 80 Prozent der Delegierten haben Söder gewählt. Das ist nicht so viel für eine halbgeheime Wahl, die zwar per Stimmzettel erfolgt, aber ohne Wahlkabinen, sodass jeder Sitznachbar mit leichtem Schielen das Votum kontrollieren kann.

„Das passt so“, ist von vielen Delegierten zu hören. „Die 100-Prozent-Ergebnisse haben Schulz und der SPD auch keinen Segen gebracht“, scherzt Vorvorgänger Günther Beckstein. „Ein ehrliches Ergebnis“, sagt die langjährige Landtagspräsidentin Barbara Stamm leise in Reihe 1. „Man merkt noch ein Stück die Verunsicherung, die hier herrscht.“ Der frühere Parteichef Erwin Huber sieht im Votum auch den Hinweis, dass das Landtagswahlergebnis noch aufzuarbeiten ist. „Wenn wir heute bei 95 Prozent für Söder wären, entstünde der Eindruck: Schwamm drüber.“

Söder ist keiner, dem im Saal die Herzen zufliegen

Söder ist keiner, dem im Saal die Herzen zufliegen, „Respekt“ ist eher seine Dimension, auch Respekt vor seinem Arbeitseinsatz. In seiner knapp einstündigen Rede buchstabiert er die zentralen Politikfelder der CSU durch, schildert sie als „Partei der Freiheit und der Hoffnung“. Er betont den Anspruch „Bayern = CSU“ und leitet ihn aus den letzten 60 Jahren ab, „das ist nicht überheblich, sondern eine Tatsache“.

Indirekt verspricht er einen neuen Stil, einen anderen Söder. „Effizienz statt Effekt‘ kann ein Leitmotiv für 2019 sein.“ Mehrfach und stets unter lautem Beifall der Delegierten betont er den Schulterschluss mit dem Europa-Spitzenkandidaten Manfred Weber, privat und politisch bisher kein enger Freund. „Volle Rückendeckung, Manfred. Wir hängen uns rein.“ Ebenso klar betont er die Nähe zur Schwesterpartei CDU, deren neue Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer trotz phasenweise sehr braver Rede in der Halle wie ein Star gefeiert wird, endlose Selfie-Wünsche inklusive.

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Hart grenzt sich Söder erneut von der AfD ab. „Wir haben alle gelernt: Es hat keinen Sinn, der AfD hinterherzulaufen.“ Die Partei von „Höcke und Co sei auf dem Weg in die Unsittlichkeit – wachsende Teile sind kein Fall fürs Parlament, sondern für den Verfassungsschutz“. Es ist der Duktus, den Söder erst im Herbst 2018, kurz vor der Landtagswahl, übernommen hat.

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Viel Bekanntes wird in der Rede wiederholt. Ein Passus ist neu, für Söders Verhältnisse recht emotional. Er erzählt, wie er sich 1983 gegen seinen Großvater durchsetzen musste beim Eintritt in die CSU. Wie er früher Plakate geklebt habe für andere. Und redet vom Jahr 2018, als jede Woche eine neue Umfrage als Nackenschlag daherkam. Er habe viel gelernt, auch Fehler gemacht. „Ihr habt mich nicht hängen lassen, als die Umfragen schlecht waren. Das vergesse ich nie“, sagt Söder.

Die Rede ist solide. Aus ihr spricht aber der Anspruch, die CSU zu prägen, und das für lange. Nein, er ist keiner, der wenn es denn sein muss halt das Amt auch noch übernimmt. Inzwischen drängt es ihn schon. Man sieht das ganz kurz vor seiner Rede. Mitarbeiter müssen ihn zurückhalten, zu früh, während noch theatralische Musik und ein Söder-Film die Rede ankündigen, auf die Bühne zu stürmen. Auch danach verbeugt er sich ruckartig, eigentlich zu früh. Die Delegierten springen nach seiner Rede auch nicht auf, sie erheben sich eher nacheinander, schon anerkennend, aber ein bisschen erschöpft und eher diszipliniert.

Später, der Saal hat sich schon zu zwei Dritteln geleert, geht Söder nochmal durch die Reihen. Und spricht darüber, was ihm im Moment des Wahlergebnisses selbst durch den Kopf gegangen ist: nichts, gar nichts. „Ich hab einfach durchgeschnauft.“

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