In München und Nürnberg

Söder zeigt der tz seine Lieblingsplätze

München/Nürnberg - Die tz hat Markus Söder an den vier Lieblingsorten in der politischen Basis München und in seiner Heimatstadt Nürnberg getroffen. Dahoam und daham.

E r gehörte zur Leibgarde von Edmund Stoiber und war des blonden Fallbeils General. Mit 47 hat er schon 21 Jahre Landtag auf dem Buckel. Vom Europa- über den Umwelt- zum Finanzminister. Seit 2014 ist auch noch Heimatminister – und Seriengast einer BR-Seifenoper. Markus Söders Wandlungsfähigkeit ist so extrem wie seine Kostüme im Fasching: Punker, Shrek, Mahatma Gandhi – vom Revoluzzer bis zum bedingungslosen Pazifisten. Seine Kritiker geißeln ihn als unberechenbaren Machtpolitiker. Doch sie werden deutlich weniger: In aktuellen Umfragen ist er der Topfavorit auf die Nachfolge von Horst Seehofer für 2018. Parteiintern liegt er weit vor Ilse Aigner. Noch bemerkenswerter: Auch außerhalb der CSU ist der Franke für die Gesamt-Bayern salonfähig geworden. Söder – plötzlich Kronprinz! Die tz hat ihn an den vier Lieblingsorten in der politischen Basis München und in seiner Heimatstadt Nürnberg getroffen. Dahoam und daham, wie der Franke sein Zuhause nennt. Auf den Spuren von Söder finden sich viele Erklärungen für sein aufpoliertes Image.

Es gab in der jüngeren Geschichte der CSU kaum ein Scharmützel, bei dem Söder nicht seine Finger im Spiel hatte. Und selten ein Thema, bei dem er nicht den polarisierenden Haudrauf gab. Heute übt sich der Staatsminister in Gelassenheit und betitelt die wilden Zeiten gern als „die jungen Jahre“ eines Politikers. „Im Radio würde man sagen, dass man etwas zu laut gespielt hat“, erklärt der gelernte BR-Redakteur. „Ich habe meine Zeit gebraucht, mit mir selbst synchron zu werden. Jetzt habe ich meinen Lebensrhythmus gefunden.“

Dieser Prozess beginnt bei ihm 2007/08. Damals ist die CSU-Welt aus den Fugen: sein Erfinder Stoiber gestürzt, die absolute Mehrheit mit dem lahmen Tandem Erwin Huber und Günther Beckstein verloren. „Das war für mich politisch die ex­tremste Phase.“ Es geht um alles für ihn – und er setzt alles auf eine Karte: Beckstein will ihn in seinem Kabinett mit dem Posten eines Staatssekretärs abspeisen. Alphatier Söder in der zweiten Reihe? Er lehnt ab und fordert: Minister oder nix! Zwei Tage später ist er Chef des Europaressorts in der Staatskanzlei. Heute sagt Söder: „Das war menschlich eine große Sache von Günther.“

Becksteins Nachfolger Seehofer sieht Söder kritisch, wahrscheinlich, weil er seinem eigenen Machtinstinkt zu sehr ähnelt. Mittlerweile rivalisieren sie in friedlicher Koexistenz. Söder ist längst mächtiger im Kabinett als Seehofers Berlin-Import Ilse Aigner, die als Wirtschaftsminsterin oft so unglücklich agiert wie sie wirkt.

Söder strahlt hingegen still und hat seinen Laden trotz zweier Dienstsitze im Griff. Der eine für Finanzen liegt am Münchner Odeonsplatz, der für Heimat in der Nürnberger Altstadt.

Söder 41, Aigner 24 Prozent. Das sagen die Bayern, wenn man sie fragt, wer Seehofers Nachfolger werden soll. Söder bleibt gelassen: „Ich gebe nichts auf so einen Politiker-Dax.“ Zudem schläft Söder wenig, maximal sechs Stunden. Und träumen tut er angeblich nie. Wie sollen ihm da die Wahlen 2017 und 2018 unterkommen, bei dem die Christsozialen mit der CDU auf die absolute Mehrheit im Bund schielen und in Bayern sowieso? „In jungen Jahren“, holt er wieder aus, „habe ich in Hinterzimmern und kleinen Runden debattiert über so lange Zeiträume.“ Söder, der Ältere, betont: „Die Bürger erwarten sich aber eher eine Lösung dafür, was morgen für sie und ihre Familie wichtig ist. Die finden die Selbstbespiegelung der Parteien manchmal sehr anspruchsvoll.“ Man könne nicht ernsthaft vorhersehen, wie die Zukunft in zwei, drei Jahren aussehe. Ukraine-Konflikt, Euro-Krise – alles Herkules-Aufgaben. „Da geht’s nicht um Taktik, sondern drum, was für Deutschland richtig ist“, erklärt der Minister aus dem reichen Freistaat, der ja „die Bundesrepublik finanziert“. Erst das Land, dann die Partei. „Und wenn du es richtig machst, wird es von den Bürgern honoriert.“

Ehe Söder sich zu Fuß vom Tiergarten nach „Daham“ aufmacht, füttert er noch schnell das Phrasenschwein: „Sie können auf hoher See nicht bestimmen, woher die Winde wehen. Aber Sie können die Segel richtig setzen.“ Früher hat Söder selbst für die Stürme gesorgt. Die Gischt hat ihm dafür oft ins Gesicht geschlagen. Nun merkt er, wie angenehm Rückenwind ist. Wie weit treibt der ihn? Alles scheint möglich. Söder war und ist schon immer alles zuzutrauen.

Stefan Dorner

Antiquarium in der Residenz

Als Heimatminister auf dem Weg zum Chef des Bayernlandes: Wie weit geht’s für Markus Söder noch nach oben?

In diesemFestsaal trieft die große Geschichte aus jeder Wandbemalung und jeder Skulptur aus der Antikensammlung Albrechts V. – die ganze Wucht der bayerischen Vergangenheit, aus der Zeit der Herzöge, Fürsten und Könige. „Hier spürt man den Atem der bayerischen Geschichte “, sagt Söder bedeutungsschwer in der Mitte des Raumes. Früher hätte er wohl dieses Foto von sich machen lassen mit dem Heiligenschein an der Decke über seinem Kopf. Heute tritt er zur Seite, ein „normales“ Bild und ein Blick nach oben müssen reichen. Ins Antiquarium hat ihn übrigens nicht sein Papa bei einem der München-Ausflüge ­gebracht. Dafür ist sein politischer Ziehvater Edmund Stoiber zuständig, er erfüllt dem aufstrebenden und ehrgeizigen JU-Politiker diesen Wunsch. Unter Stoiber ist Söder früh eine Nummer in der Partei. Der Franke verehrt und bewundert den Ehrenvorsitzenden noch heute und lobt ihn in höchsten Tönen. Nur einer kommt ihm in Söders Gunst verdammt nahe: In seinem Kinderzimmer hing ein riesiges Poster von Franz Josef Strauß an der Wand. „Das hat nicht ­jede junge Frau so richtig ­verstehen können.“

Tiergarten

Im Dienstwagen kommt Markus Söder ins Plaudern, es geht in den Nürnberger Westen. Hier ist er als Kind aufgewachsen und dem Viertel treu geblieben. Sein Haus lässt er nicht fotografieren, Bilder von seinen Kindern gibt es nicht, auch keine Homestorys. „Das ist mit mir nicht zu machen. Privates muss privat bleiben.“ Es geht zum nahe gelegenen Tiergarten. „Wenn der Wind richtig steht, kann man bei uns daham die Löwen brüllen hören“, erzählt er. „Ich liebe unseren Tiergarten, so grün und natürlich“, schwärmt der Minister. Die Kleinen werden größer, sind aber noch nicht zu groß, dass es nicht zumindest einmal im Monat in den Zoo geht. Söder hat vier Kinder. Drei mit seiner Frau ­Karin, eines aus einer vorausgegangenen Beziehung.

Chinesischer Turm

Es ist nicht gerade Biergartenzeit. Dennoch will Söder zum Chinesischen Turm. „Hier sind meine stärksten Kindheitserinnerungen an München.“ Es ist Ritual, dass der kleine Markus mit seinem Vater, einem Maurermeister, einmal im Jahr zum Oktoberfest darf. Zu diesem Tagesausflug gehört auch ein Besuch am Chinesischen Turm. „Hier spürt man die bayerisch-barocke Gemütlichkeit“, sagt Söder junior. Heute ist er quasi Hausherr dort: Das Wahrzeichen des Englischen Gartens gehört wie der Park selbst zur Bayerischen Seen- und Schlösserverwaltung – und ist dem Staatsminister der Finanzen unterstellt. Das hätte sich Söders 2002 verstorbener Vater wohl nicht träumen lassen.

Wöhrder See

Strammen Schrittes kommt er „seinen“ Steg entlang am Wöhrder See. Um sich vor dem Hochwasser der Pegnitz zu schützen, haben die Franken den Fluss aufgestaut. Für den neuen Steg darauf hat Söder als Minister selbst gesorgt, sagt er stolz. „Das hat das Areal richtig aufgewertet!“ Hier ist einer der Lieblingsorte in seiner Stadt. „Hier bin ich immer gerne, zum Fahrradfahren oder Joggen“, verrät er. Was dem Münchner der Englische Garten, ist dem Nürnberger der Wöhrder See: Naherholung mitten in der Stadt. Sogar ein Seehaus gibt es, im Parterre eines Altenheims und mit schöner Terrasse. Kaffee 1,90 statt 3 Euro, Weißbier 3,20 statt 4,60 Euro. Auch der Preis macht den Unterschied zwischen München und Nürnberg.

Was macht ein Minister für Heimat?

Herr Söder, was muss ein Heimatminister können?

Söder: Das darf man sich nicht als reine Folklore vorstellen. Es ist die Management-Aufgabe der Landesentwicklung.

Ihre wichtigsten Themen?

Söder: Bayern geht es super, aber es gibt dringende Aufgaben: Wie kann man das Leben in den Städten mit all dem Zuzug so verträglich wie möglich gestalten? Und umgekehrt: Wie bringen wir in den ländlichen Raum mehr Dynamik rein und sorgen für Chancengleichheit?

Finanz- oder Heimatminister – was ist das schönere Amt?

Söder: Also, zunächst ist man beides immer rund um die Uhr. Wenn der Heimatminister Geld für Breitband will, muss es der Finanzminister bezahlen. Da bin ich regelmäßig in harten Verhandlungen mit mir selbst.

Ist der Begriff des Heimatministers etwas zu tümelig?

Söder: Nein, weil es darum geht, die eigene Heimat weiter­zuentwickeln. Es gilt, mit modernen Möglichkeiten das Alte zu bewahren.

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