Hitler-Buch wieder erhältlich

Wie gefährlich ist "Mein Kampf"?

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Ab sofort wieder erhältlich: Adolfs Hitlers Schrift "Mein Kampf" wird in einer kommentierten Ausgabe wieder verkauft.

München - "Mein Kampf" ist zurück. Die Hetzschrift von Adolfs Hitler darf in Deutschland wieder verkauft werden. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich.

Adolf Hitler ist seit 71 Jahren tot - und genau das ist das Problem. Denn wie auch für andere Autoren, die 1945 starben, liefen die Urheberrechte des Autoren Hitler mit Beginn des Jahres 2016 aus. Somit kann alles, was er geschrieben hat, nun nachgedruckt werden - auch die rassistische Hetzschrift Mein Kampf. Das Institut für Zeitgeschichte in München (IfZ) stellte am Freitag eine kommentierte Edition der Hetzschrift vor. Meinungsmache und der ein oder andere Aufschrei sind da vorprogrammiert.

Nach Hitlers Selbstmord und dem Fall des NS-Regimes im Jahr 1945 fielen der Nachlass und damit auch die Urheberrechte des Diktators von den Alliierten in die Hände des Freistaates Bayern, da Hitler zuletzt in München gemeldet war. 70 Jahre lang konnte, auf Grundlage des Urheberrechtsgesetzes, ein Neudruck in Deutschland verhindert werden - und auch nur ein solcher war verboten!

Mit dem Wissen um das Erlöschen der Urheberrechte gab der Freistaat im Jahr 2012 beim IfZ eine kommentierte Ausgabe in Auftrag - gefördert mit 500.000 Euro, um dem Schandwerk seinen Mythos zu rauben. Ein Jahr später der Sinneswandel von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Nach einem Israel-Besuch kündigte er an, das Projekt werde nicht mehr vom Freistaat unterstützt: "Ich kann nicht einen NPD-Verbotsantrag stellen in Karlsruhe, und anschließend geben wir sogar noch unser Staatswappen her für die Verbreitung von Mein Kampf - das geht schlecht."

Mit kommentierter Ausgabe aufklären

Ein Schock für das IfZ, aber am Ende ist die kritische Ausgabe dann doch entstanden - im Eigenverlag und zum Selbstkostenpreis von 59 Euro. Ein Geschäft will das IfZ damit nicht machen, ganz im Gegenteil, denn die Ausgabe soll eher den Geschäftemachern die Grundlage rauben und vor allem eines: aufklären. Ein Auftrag, der nötig ist, wenn Mein Kampf nun Teil unserer Gesellschaft werden wird.

Pressekonferenz im Institut für Zeitgeschichte München.

Verfasst in den Jahren 1924 bis 1926 ist das rassistische Schandwerk Adolf Hitlers wichtigste politische Schrift, die prinzipiell auch als politischer Fahrplan angesehen werden kann. Stichworte wie "Judenhass" oder "Erweiterung des Lebensraums" setzte der Diktator später konsequent und mit aller Brutalität um.

Band eins schrieb er während seiner Haftzeit im bayerischen Landsberg am Lech, wo er nach dem gescheiterten Putschversuch im November 1923 eine Haftstrafe absaß. Nach der Entlassung vollendete er Mein Kampf größtenteils auf dem Obersalzberg in der Nähe von Berchtesgaden. Bis 1933 war der Verkauf eher schleppend - erst mit der Machtergreifung schnellte die Auflage in die Höhe. Bis 1945 verkaufte sich das Buch über zwölf Millionen Mal - und machte Hitler zum Millionär.

Diskussionen laufen heiß

Dass es jetzt erneut in den Handel kommt, sorgt für geteilte Meinungen. Ein Großteil der Forscher und auch Politiker halten eine wissenschaftlich kommentierte Fassung für richtig und wichtig, denn im Falle dieser Edition gehe es "nicht nur um die wissenschaftliche Aufbereitung einer zentralen Quelle der Zeitgeschichte", erklärte Projektleiter Christian Hartmann bei der Vorstellung der kommentierten Ausgabe. Viel wichtiger sei es, dass dieses Buch "den Mythos Mein Kampf beendet". Andere hingegen, wie Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sehen es eher kritisch: "Das Buch ist eine Büchse der Pandora, die für immer im Giftschrank der Geschichte verschlossen sein sollte."

Auch der britische Literat Jeremy Adler vom renommierten Londoner King's College polterte in der SZ: "Editionen dieser Art erarbeitet man für große Werke, für antike Klassiker." Er wetterte weiter: "Bloß weil das Urheberrecht frei wird, soll ein erbärmliches Machwerk eine Dignität erlangen, wie wir sie Homer und Platon, Bibel und Talmud zuordnen." Ian Kershaw, weltbekannter Hitler-Biograf, hat für eine solche Argumentation kein Verständnis: "Adler liegt falsch und die Einwände sind nicht stichhaltig." Es seien schon unzählige kommentierte Fassungen von anderen Werken von Stalin oder auch von Hitler veröffentlicht worden, warum also nicht auch von Mein Kampf?

Kershaw: "Mythos wird wieder erhöht"

In dieser Haltung sieht Kershaw das Gesamtproblem, denn dadurch "wird dem Ganzen eine Bedeutung zugewonnen, wodurch der Mythos wieder erhöht wird". Diese Edition werde für die zukünftige Hitler-Forschung unverzichtbar sein.

Eine unkommentierte Verbreitung von Mein Kampf soll auch nach dem Auslaufen der Urheberrechte in Deutschland verboten bleiben. Das haben die Justizminister der Bundesländer entschieden, denn dafür reiche der Tatbestand der Volksverhetzung aus.

DL

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