tz nimmt "Mein Kampf" unter die Lupe

Vergleich zwischen Hetzschrift und Wahrheit

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Bei einer seiner vielen Reden an das Volk: Adolf Hitler verführte eine ganze Nation.

München - Das Institut für Zeitgeschichte München hat "Mein Kampf" mit zahlreichen Kommentaren versehen. Die tz zeigt einige interessante Anmerkungen der Historiker.

Was steht eigentlich konkret in "Mein Kampf"? Diskutiert wurde und wird viel über das Buch, doch über den Inhalt ist gemeinhin wenig bekannt.

Inhalt des ersten Bandes ist eine zweifelhafte biografische Selbstdarstellung Hitlers und die Beschreibung des Aufstieges der NSDAP. Das Buch ist in einer furchtbaren Sprache und Grammatik verfasst und aufgrund zahlreicher Wiederholungen schwer lesbar - vom wahnsinnigen, rassistischen und volksverhetzenden Inhalt ganz abgesehen. Der zweite Band beschreibt quasi die Inhalte des Parteiprogrammes (Judenhass, Erweiterung des Lebensraumes, Verachtung von Marxisten), die auch schon im im ersten Band angesprochen werden.

3500 Kommantare auf 2000 Seiten

Den wirren Aussagen und volksverhetzenden Theorien muss mit entlarvender Argumentation und schlichter wissenschaftlicher Logik Einhalt geboten werden - das ist es, was die Forscher vom IfZ geschafft haben. Auf knapp 2000 Seiten und mit über 3500 Kommentaren haben sie in einem Zeitraum von drei Jahren "Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition" verfasst.

Aber wie funktioniert eine kritische Ausgabe? Wie wird tatsächlich kommentiert? Die tz hat Zitate aus "Mein Kampf" ausgewählt und stellt ihnen die Kommentierung aus der Neuerscheinung des IfZ gegenüber:

Beispiel 1

Original aus "Mein Kampf":

Jedes Tier paart sich wieder nur mit einem Genossen der gleichen Art.

So kommentieren die Wissenschaftler:

Adolf Hitlers Werk "Mein Kampf".

"Aufschlussreichist hier ein Blick auf die erhalten gebliebenen Konzeptblätter Hitlers zu "Mein Kampf". Im Entwurf zu dieser Textpassage heißt es: "Wenn man die Natur betrachtet Vögel Mäuse Schlangen Fische paaren sich immer innerhalb ihrer besonderen Art." Die Klasse der Vögel und die Gattung der Mäuse behielt Hitler bei der Niederschrift des endgültigen Textes bei; hingegen entfiel der Verweis auf Schlangen und Fische. Die lange Zeit verbreitete Annahme, dass sich nur Lebewesen der gleichen Art untereinander paaren würden, ist inzwischen widerlegt. Im Tierreich gibt es zahlreiche Hybride - d.h. Lebewesen, die durch Kreuzung verschiedener Arten, Unterarten oder Rassen entstanden sind. So können sich etwa verschiedene Arten von Fruchtfliegen, Schmetterlingen, Enten und Säugetieren untereinander paaren und Hybride hervorbringen. Die Bedeutung der Hybridisierung für die Bildung neuer Arten im Rahmen der Evolution ist bislang aber nicht abschließend geklärt." (Aus: Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Institut für Zeitgeschichte, S. 737).

Beispiel 2

Original aus "Mein Kampf":

Die Gedankengänge des Judentums sind dabei klar. Die Bolschewisierung Deutschlands, d. h. die Ausrottung der nationalen völkischen deutschen Intelligenz und die dadurch ermöglichte Auspressung der deutschen Arbeitskraft im Joche der jüdischen Weltfinanz ist nur als Vorspiel gedacht für die Weiterverbreitung dieser jüdischen Welteroberungstendenz.

So kommentieren die Wissenschaftler:

"Der Glaube, die Weltherrschaft - basierend auf Versprechungen im Alten Testament und im Talmud - Ziel- und Endpunkt aller jüdischen Politik war Kernbestandteil antisemitischer Ideologie. Das Bild der "jüdischen Weltherrschaft" basierte auf dem Glauben, es existiere ein für alle Juden verbindliches "festes jüdisches Welt-Programm", so Henry Ford [...]. Der verlorene Weltkrieg und die Novemberrevolution waren für die völkischen Ideologen Belege dafür, dass "Alljuda" das Deutsche Reich als angeblich wichtigstes Bollwerk gegen seine weltumspannenden Machenschaften gezielt habe zerstören wollen [...]. Teil solcher Phantasmen war auch die Vorstellung, die nationale Arbeiterschaft würde durch die - angeblich jüdisch gelenkte - Sozialdemokratie unter der Parole des "Internationalismus" gezielt in die Irre geführt und instrumentalisiert werden für die jüdischen Weltherrschaftspläne [...]." (Aus: Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Institut für Zeitgeschichte, Seiten 1581 und 226).

Beispiel 3

Original aus "Mein Kampf":

Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Erlösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend vor. Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, daß ich, überwältigt von stürmerischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, daß er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.

So kommentieren die Wissenschaftler:

Adolfs Hitler auf dem Odeonsplatz.

"Am 2.8.1914, einen Tag nach der deutschen Kriegserklärung an Russland, versammelte sich eine begeisterte Menschenmenge zu einer Kundgebung vor der Feldherrnhalle in München. Heinrich Hoffmann, später Hitlers "Leibfotograf", fotografierte die Menge, als sie patriotische Lieder sang. 1927 entdeckte Hitler das Bild bei Hoffmann, der darüber in seinen Erinnerungen berichtet: "'Unter dieser Menschenmenge stand auch ich!' rief Hitler erregt aus. 'Dann müßten Sie ja zu finden sein' antwortete ich und machte mich gleich an die Arbeit, um Vergrößerungen herzustellen. [...] Auf [der] letzten Platte entdeckte ich Hitler! Es gab keinen Zweifel, barhäuptig stand er unter der Menge und sang mit." Das Foto wurde eine der begehrtesten Aufnahmen von Hitler und bereits während der NS-Zeit in zahlreichen Publikationen abgedruckt". (Aus: Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Institut für Zeitgeschichte, S. 453).

Auf Arabisch vom Fliegenden Händler

Im Internet und in vielen anderen Ländern sind unkommentierte Fassungen von Adolf Hitlers "Mein Kampf" problemlos zugänglich.

In den USA, in Indien und Brasilien wird das Buch seit Langem publiziert, in der Türkei wurde es seit 2004 mehr als 30.000 Mal verkauft. In arabischen Städten bieten es fliegende Buchhändler an ihren Ständen am Straßenrand an. Zudem kann das Buch in fast jeder Sprache im Internet heruntergeladen werden. Die kritische Edition des Instituts für Zeitgeschichte wird daran in Zukunft auch nichts ändern, meint Hitler-Biograf Ian Kershaw: "Ich würde die Wirkung im Ausland nicht als zu hoch einschätzen. Die Länder, die "Mein Kampf" schon missbrauchen, werden es weiterhin tun."

Dennoch soll das Buch, das wissenschaftlich aufklären will, nicht nur in Deutschland erhältlich sein. Anfragen zum Beispiel für eine englische Ausgabe, sowie aus Frankreich und Italien, aber auch aus dem asiatischen Raum lägen schon vor, bestätigte IfZ-Direktor Andreas Wirsching bei der Vorstellung am Freitag.

Dominik Laska

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