Merkel-Biograf: "Sie ist sehr wandelbar"

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Prof. Dr. Gerd Langguth, Politikwissenschaftler an der Uni Bonn

München - Angela Merkel ist die Krisengewinnerin des EU-Schuldenchaos. Wie es die Bundeskanzlerin immer wieder schafft, sich neu zu erfinden, erklärt Parteienforscher Prof. Dr. Gerd Langguth.

Angela Merkel steht immer wieder auf. Wie macht sie das?

Prof. Gerd Langguth, Politikwissenschaftler Uni Bonn: Das hat zwei Gründe. Einerseits spielt ihr die europäische Gipfeldiplomatie in die Hände. Da konnte sich die Kanzlerin als harte und unerbittliche Kämpferin für die deutschen Interessen profilieren. Das mögen die Deutschen natürlich. Zweitens hat das Triumvirat der SPD keinen echten Kanzlerkandidat zu bieten, der Merkel derzeit gefährlich werden könnte.

Die Sozialdemokraten haben jüngst gar erklärt, keinen Wahlkampf gegen die Kanzlerin machen zu wollen. Was halten Sie von dieser Ankündigung?

Langguth: Naja, im Endeffekt werden wir natürlich doch einen Lagerwahlkampf erleben. Dass sie jetzt nicht wagen, die Kanzlerin direkt anzugreifen, hängt natürlich mit der Schwäche der SPD zusammen – und mit der neuen Stärke Merkels. Den Sozialdemokraten fehlt immer noch der richtige Dreh, der richtige Ansatzpunkt um Merkel gefährlich zu werden.

Die Kanzlerin hat sich ja jetzt wieder neu erfunden.

Langguth: Ja, sie hat im vergangenen Jahr Entscheidungen getroffen, die den Deutschen imponiert haben. Das geht los beim Ausstieg aus der Kernenergie und hört auf bei ihrem plötzlichen Einsatz für einen Mindestlohn. Merkel hat somit populäre Themen der SPD und Grünen geschickt abgeräumt und für sich selber genutzt.

Aber wir haben schon viele unterschiedliche Gesichter der Kanzlerin gesehen - von Klimakanzlerin bis zur Gipfel-Queen. Wie wandelbar ist Angela Merkel?

Die Bundesregierung: Merkel und ihre Minister

Die Bundesregierung: Merkel und ihre Minister

Langguth: Sehr wandelbar. Zur Vermeidung von Fehlern ist sie in der Lage, sehr schnell ihre Position zu wechseln. Das unterscheidet sie etwa von ihrem Vor-Vorgänger Helmut Kohl. Der beharrte immer auf seinem Standpunkt. Merkel ist pragmatisch - das kommt bei den Menschen gut an und passt zum Zeitgeist. Gerade in Krisenzeiten wie wir sie jetzt erleben.

Lauern nicht gerade in der Krise auch Gefahren für die Kanzlerin?

Langguth: Ganz klar. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ist gefährdet, in Italien ist Silvio Berlusconi gescheitert. Die politische Großwetterlage in Europa macht es Merkel also nicht gerade einfach. Wenn die Gipfeldiplomatie in die Hose ginge, wäre das ein Riesen-Problem für die Kanzlerin. Und darauf hat sie nur bedingt Einfluss.

Wie hat sich das Bild Merkels im Ausland entwickelt?

Langguth: Es hat sich kontinuierlich verbessert. Das ist nur logisch, weil sie als die einzig verbliebene Führungsfigur in Europa übrig geblieben ist. Berlusconi ist weg, Sarkozy muss jetzt einen harten Wahlkampf überstehen und der Brite David Cameron ist außerhalb der Euro-Zone und kann bei der Rettung der Gemeinschaftswährung keine herausgehobene Rolle spielen. Merkel ist also die einzige, die in der Euro-Zone überhaupt noch führen kann. Und diese starke Rolle Merkels wird selbst von denjenigen Staaten akzeptiert, die durch Merkels Positionen mit harten Einschnitten zu kämpfen haben werden.

Interview: Marc Kniepkamp

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