Schwerer Stand für die Kanzlerin

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Angela Merkel bei ihrer Rede auf dem Gewerkschaftstag.

Karlsruhe - Angela Merkel hat keine Berührungsängste mit der IG Metall. Doch die Funktionäre hatten auf dem Gewerkschaftstag wenig Applaus für sie übrig. Nur ein Mal während ihrer Rede wogte Beifall auf.

Rund ein halbes Jahr vor der Tarifrunde in der Metallindustrie hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) indirekt für Einkommenszuwächse für die Beschäftigten ausgesprochen. Die Arbeitnehmer hätten zum Teil deutliche Lohneinbußen in der Krise 2008/09 hingenommen, sagte Merkel am Freitag beim IG-Metall-Gewerkschaftstag in Rheinstetten bei Karlsruhe. “Das darf in besseren Konjunkturzeiten nicht einfach wieder vergessen werden.“ Zudem begrüßte sie Tarifverträge, die das verantwortungsvolle Verhalten von Arbeitnehmern im Wirtschaftsabschwung mit besserer Bezahlung belohnten.

Merkel lobte die Partnerschaft zwischen Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik in Krisenzeiten als “Stück gelebter sozialer Marktwirtschaft“. IG-Metall-Chef Berthold Huber betonte, angesichts gedämpfter Aussichten für 2012 könnten ähnliche Kooperationen und Instrumente wie vor drei Jahren wieder gebraucht werden.

Zum Ende der mehrtägigen Gewerkschaftsveranstaltung hin bekräftigte die IG Metall ihre Forderung nach unbefristeter Übernahme von Auszubildenden. Die Gewerkschaft will das Anliegen in die kommende Tarifrunde einbringen. Einen entsprechenden Beschluss fassten die knapp 500 Delegierten einstimmig.

Gewerkschaften monieren befristete Arbeitsverhältnisse

Nach Gewerkschaftsangaben wird bislang nur jeder vierte Azubi unbefristet übernommen, fast 75 Prozent der Nachwuchskräfte würden befristet für ein Jahr eingestellt und stünden anschließend auf der Straße; drei Prozent müsse gleich nach der Lehre das Unternehmen verlassen, moniert die Gewerkschaft. Dies bestritt der Arbeitnehmerverband Südwestmetall: Nach einer Verbandserhebung würden knapp 80 Prozent aller Auszubildenden unbefristet weiterbeschäftigt - entweder sofort oder nach einem befristeten Jahr.

Der Fachkräftemangel in Deutschland kann nach Überzeugung von Merkel nicht gelöst werde, indem die Arbeitgeber international Beschäftigte zu geringen Löhnen suchen. “Wir haben zu Hause noch viele Möglichkeiten.“ Insbesondere gelte es, die Qualifizierung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern. “Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland ist nach wie vor zu groß.“

Pfiffe für die Rente mit 67

Unter Pfiffen der Gewerkschafter verteidigte sie die Rente mit 67, die helfe, den Anstieg der Beitragssätze zu dämpfen und das Rentenniveau zu halten. Auf die Forderung der Metaller nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit ging sie nicht ein. Huber bekräftigte, es gehöre zu den Menschenrechten, dass Beschäftigte von ihrer Arbeit leben können. “Darauf haben sie einen Anspruch.“ Die Gewerkschaft fordert eine Gesetzesänderung, durch die die Beschäftigung von Leiharbeitnehmern zu geringeren Löhnen als die der regulär eingestellten Kollegen unterbunden wird. In der kommenden Tarifrunde will sie mehr Einfluss der Betriebsräte auf den Einsatz von Leiharbeitern durchsetzen.

Die Gewerkschaft will angesichts schwindender Tarifbindung die Spielräume für innerbetriebliche Regelungen generell erweitern - etwa zu Qualifizierung, Leiharbeitsquoten oder Arbeitszeiten. Der Anteil der Beschäftigten ohne tarifvertraglichen Schutz sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

dpa

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