Alles nur geklaut?

Merkels Raute gibt's schon seit 564 Jahren

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Links: Der Märtyrertod des Johannes, um 1450, mit Rauten-Handhaltung - wie bei Angela Merkel, hier mit Ronald Pofalla.

München - Alles nur geklaut? Erstaunlich: Die berühmte Raute von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Gibt es schon seit 564 Jahren.

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Zwei Persönlichkeiten, eine Geste – in höchst unterschiedlicher Situation. Unten sehen Sie Bundeskanzlerin Merkel (CDU) mit Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) – und ihrer Geste, der Raute. Das große Gemälde zeigt den Apostel Johannes, der gerade den Märtyrertod stirbt, gemalt um 1450 im Oberrheinischen. Raute inklusive. Die Kunstgeschichte spricht von einer Handhaltung großer Ruhe – sozusagen Aussitzen in der Antike, dargestellt in der deutschen Spätgotik. Wir wollten von Menschen, die schon rein berufsmäßig eine gewisse Gelassenheit mitbringen müssen, wissen, was sie von der Parallele zwischen Johannes und Angela halten …

Alles nur geklaut?

Der Münchner Komponist Moritz Eggert – er schrieb u. a. die Eröffnungsmusik für die Allianz Arena zur Fußball-WM 2006 – hat Folgendes beizutragen: „Die Geste richtet die Aufmerksamkeit auf den Bauch und beschwört somit das vielzitierte ,Bauchgefühl‘, das einem in Momenten höchster Not und Bedrängnis sowie bei Krisen den richtigen Weg zeigt. Damit ist man sogar gegen den wöchentlichen getürkten Doktortitel bestens gewappnet.“

Ganz anders deutet die Kabarettistin Luise Kinseher die Aktion: „Die Banken machen weiter wie bisher, die Amerikaner haben ganz Deutschland verwanzt, und Pofalla darf zur Bahn. Merkel köchelt schön brav im Süppchen. Die Raute heißt: Bin weichgekocht!“

Als „antike Einladung zum Flashmob“ empfindet Pfarrer Rainer Maria Schießler (St. Maximilian, Heilig-Geist-Kirche) die „Johannes-Raute“: „Wie kann man seinen Gegner noch wütender machen, als damit, ihn zu missachten? Oder, wie der Wiener sagt: Ich ignorier ihn nicht mal.“

Für zufällig hält Medien-Psychologe Jo Groebel die Koinzidenz, aber die Parallele ist durchaus vorhanden: „Menschen haben nun mal ein großes Repertoire an Gesten. Für mich bedeutet sie Einkehr, Besinnung, konzentrierte Ruhe. Das drückt meiner Meinung nach auch Angela Merkel mit dieser Handhaltung aus.“

Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers fällt zu dem Foto von Merkel und Ronald Pofalla eine Art Stoßgebet der Kanzlerin ein: „Lieber Gott, der Mann neben mir kann noch nicht mal die Raute formen! Verschaffe ihm bitte einen Posten bei der Deutschen Bahn.“

Metaphysischer geht’s da Josef E. Köpplinger an. Der Intendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz schreibt uns: „Erst die Buddhisten, dann die Christen und nun auch die Bundeskanzlerin: Alle konzentrieren sich auf das Sonnengeflecht – besser bekannt als das Bauchgefühl. In der Kunst wird das schon lange als Inspirationsquelle verwandt. Kunst bedarf aber auch des Handwerks, daher ist die ideale Kombination Handwerk und Inspiration. Das wünsche ich mir auch von der Politik.“

Kabarettist Helmut Schleich, der einzig wahre zeitgenössische Franz Josef Strauß, macht sich Gedanken über die Positionierung der Hände an sich: „Wohin mit den Händen? Das war schon damals die Frage. Johannes steht zwar bis zum Bauchnabel im Kochtopf, aber die Finger verbrennen will er sich nicht. Geradezu symbolhaft für die politische Haltung der Kanzlerin.“

Kurz und prägnant bringt Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) die Parallele auf seine Sichtweise: „Die Geste zeigt an, dass die Kanzlerin bald gar ist.“

Der Münchner Komponist Wilfried Hiller dichtet:

"Frau Merkel ist ’ne kluge Frau
Und kennt das Meisterwerk genau.
Bei Hoch und Tief,
Bei Sturm und Flaute
Gibt’s die
Johannes-Merkel-Raute."

Matthias Bieber

Die Abbildung stammt aus dem Buch Zwischen Himmel und Hölle. Kunst des Mittelalters von der Gotik bis Baldung Grien (Hirmer, 256 Seiten, 19,90 Euro).

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