Model und Schauspieler Mesut Kaya

"Darum demonstriere ich gegen Erdogan"

+
Mesut Kaya verdient seinen Lebensunterhalt als Schauspieler und Model

München - Wenn auf dem Taksim-Platz im Zentrum Istanbuls die Massen gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan auf die Straße gehen, ist der Münchner Deutsch-Türke Mesut Kaya dabei.

„Wir wollen in einem modernen Land leben“, sagt der 35-Jährige, der in Istanbul als Model und Schauspieler erfolgreich ist.

Mesut Kaya auf dem Taksim-Platz in Istanbul

Obwohl die Stimmung unter den Demonstranten friedlich sei, hat sich Kaya mit einer Atemschutzmaske ausgestattet. „Als Schutz gegen das Pfefferspray, das die Polizei in die Menge schießt. Ich habe mir jetzt auch noch eine Taucherbrille zugelegt, um meine Augen zu schützen“, erklärt Kaya im Gepräch mit der tz. „Die Polizei hat Tränengas und Pfefferspray eingesetzt und hat auf wehrlose Menschen, die sich schon ergeben hatten, eingeschlagen“. Auf dem Taksim-Platz engagieren sich die unterschiedlichsten Menschen. Im Zenrum der Rebellion entwickelt sich ein Gefühl von Freiheit und Zusammengehörigkeit – unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Weltanschauung. So haben sich die in tiefer Feindschaft verbundenen Anhänger der großen Fußballclubs Galatasaray, Besiktas und Fenerbahce zu Istanbul United zusammengeschlossen.

Doch was treibt die Menschen Tag für Tag auf den Taksim-Platz? „Erdogan hat einfach das Maß überschritten. Da kam vieles zusammen“, erklärt Kaya. „Die Menschen haben das die ganze Zeit hingenommen und nichts gesagt.“ Dabei geht es nicht nur um die großen politischen Fragen, der Ministerpräsident versucht, ermutigt durch unglaublich gute Wahlergebnisse, immer konkreter in das alltägliche Leben der Menschen in seinem Land einzugreifen. Er hat genaue Vorstellungen davon, wie viele Kinder eine Frau bekommen sollte („vier bis fünf“), zuletzt hat die Regierung ein neues Alkoholgesetz verabschiedet, das die Werbung und den Verkauf von Alkohol reglementieren soll. „Das alte Alkoholgesetz wurde von zwei Säufern durchgesetzt, sollen wir da nicht lieber das Gesetz Gottes vorziehen“, hatte Erdogan im Parlament gewettert.

Einer der von ihm gescholtenen: Staatsgründer Kemal Atatürk. Und so demonstrieren jetzt Kemalisten Seit’ an Seit’ mit Studenten, Künstlern, Kurden, Anarchisten und Umweltschützern. „Der Protest gegen die Bebauung des Gezi-Parks mit einem Einkaufszentrum hat das Fass dann zum Überlaufen gebracht. Ein paar Leute haben sich getraut, da zu demonstrieren. Dann sind immer mehr dazugekommen“, erinnert sich Kaya. Und alles, was sich über die Jahre angestaut hat, kommt auf einmal zur Sprache. „Die Menschen wollen frei sein, sie wollen keine islamisierte Türkei“, ist er sich sicher. Allerdings befürchtet Kaya auch, dass Erdogan bei den nächsten Wahlen trotz allem wieder gewählt werden könnte. Trotzdem wollen sich die Demonstranten ihren Alltag nicht von ihrem Ministerpräsidenten vorschreiben lassen.

So schnell aufgeben werden die Demonstranten nicht: „Ich habe gestern Leute gesehen, die mit Zelten und Matrazen angerückt sind. Die Türken sind hartnäckig“, schmunzelt Kaya.

„Erdogan kann nach zwei Toten und über tausend Verletzten nicht einfach sagen: ihr habt genug demonstriert, geht nach Hause!“ Kaya selber will heute wieder demonstrieren. „Ich bin wieder dabei, keine Frage!“

Marc Kniepkamp

Auch interessant

Meistgelesen

23 Tote in Manchester: Das sind die ersten Reaktionen
23 Tote in Manchester: Das sind die ersten Reaktionen
AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
Impeachment-Verfahren: Steht die Amtsenthebung Trumps bevor?
Impeachment-Verfahren: Steht die Amtsenthebung Trumps bevor?
SPD-Parteizentrale evakuiert - Polizei gibt Entwarnung
SPD-Parteizentrale evakuiert - Polizei gibt Entwarnung

Kommentare