Zum 25. Todestag von Franz-Josef Strauß

Hohlmeier: Der Tag, an dem mein Vater starb

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Eng verbunden: Monika Hohlmeier (heute 51) mit ihrem Vater Franz ­Josef Strauß im Jahr 1985

München - Am 3. Oktober 1988 starb Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Zum 25. Todestag spricht seine Tochter und ehemalige Kultusminsterin Monika Hohlmeier in der tz.

Die Menschen in Bayern hielten den Atem an. Franz Josef Strauß zusammengebrochen, nicht ansprechbar, auf der Intensivstation. Mit dieser Nachricht begannen am Nachmittag des 1. Oktober 1988 dramatische Stunden und Tage. Am 3. Oktober stirbt Strauß 73-jährig. Kardinal Joseph Ratzinger würdigt den Toten: „Wie eine Eiche ist er vor uns gestanden, kraftvoll, lebendig, unverwüstlich, so schien es. Und wie eine Eiche ist er gefällt worden.“

Monika Hohlmeier erinnert sich

An diesen 1. Oktober 1988 erinnere ich mich, als ob es gestern war, ebenso wie an den Todestag meiner Mutter. Das sind emotionale Einschnitte, die man nie vergisst. Ich war mit meiner kleinen Tochter im Waldperlacher Wald spazieren. Michaela war damals eine ganz kleine Maus von nicht einmal zwei Jahren. Es war etwa 17 Uhr, als auf einmal meine beiden Sicherheitsbeamten auf mich zugerast kamen: „Monika, du sollst sofort im Lagezentrum anrufen, dein Vater hatte einen Herzanfall“, riefen sie.

An meine instinktive Reaktion konnte ich mich später nicht mehr erinnern, aber die Sicherheitsbeamten erzählten mir, dass ich sagte: „Jetzt ist es vorbei. Wenn mein Vater etwas macht, dann macht er’s g’scheit – auch einen Herzanfall.“ Leider war es wirklich so: Als ich im Lagezentrum im Bayerischen Innenministerium anrief, erfuhr ich, dass mein Vater aus dem Hubschrauber ausgestiegen und zusammengebrochen war. Er sei im Krankenhaus in Regensburg, es gehe ihm nicht gut. Ich fuhr sofort los – und wich dann bis zu seinem Tod zwei Tage später nicht mehr von seiner Seite.

Vor 25 Jahren: Bayern weint um Franz Josef Strauß

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Es war keine einfache Zeit, zumal ich im sechsten Monat schwanger war. Die engsten Freunde Wilfried Scharnagl und Gerold Tandler und mein Mann wichen nicht von meiner Seite, und ich war ihnen zutiefst dankbar dafür. Das Schwierigste war, als die Ärzte mich mit der Frage konfrontierten, ob mein Vater an medizinische Apparate angeschlossen werden sollte oder nicht. Wir hatten grundsätzlich über das Thema geredet, und ich wusste, dass er nicht an solchen Maschinen hängen wollte. Mein Vater war ja ein sehr gläubiger Mann. Sein Grundsatz war, dass das Leben einen natürlichen Anfang und ein Ende hat.

Joseph Kardinal Ratzinger, bisheriger Erzbischof von München und Freising, verabschiedet sich am 28. Februar 1982 auf dem Münchener Marienplatz von den Gläubigen (Archivbild). Im Hintergrund Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauss (CSU) mit seiner Frau Marianne.

Ich fühlte mich mit dieser Entscheidung dennoch überfordert, zumal meine Brüder nicht erreicht werden konnten: Franz Georg war über vier Jahre nach dem Tod meiner Mutter zum ersten Mal weiter weg in Urlaub gefahren und in einem Wohnmobil in den USA unterwegs, Max irgendwo in den Bergen bei Meran. Max erreichten wir, bei Franz war es schwieriger. Amerikanische Medien sendeten Such-Aufrufe, die US-Polizei versuchte, ihn aufzuspüren. Durch reinen Zufall erfuhr Franz von dem dramatischen Ereignis, weil eine Freundin nachts um 2 Uhr amerikanischer Zeit ihren Vater anrief, der sie wiederum fragte, ob Franz wisse, dass sein Vater einen Herzanfall erlitten habe. Franz musste sich damals erst ein Münztelefon suchen, und plötzlich war er am Telefon im Regensburger Klinikum. In dieser für ihn so bitteren Stunde erlebte er, was amerikanische Hilfsbereitschaft ist: Ein wildfremder Concierge eines Hotels half ihm mitten in der Nacht um 3 Uhr, den nächsten Flug nach München zu organisieren, ohne einen Cent zu verlangen. So kam er heim – aber er konnte unseren Vater nicht mehr lebend sehen.

Mein Vater kam nicht mehr zu Bewusstsein, er hatte noch zwei weitere Herzstillstände. Beim dritten war es vorbei … Das war am 3. Oktober um 11.47 Uhr.

Sprechen konnte ich also nicht mehr mit ihm – aber ich brauchte keine Antworten von meinem Vater, da ich wusste, dass er mich versteht.

Unmittelbar bevor er am 1. Oktober in den Hubschrauber eingestiegen war, hatten wir gegen 15 Uhr noch telefoniert – es war wohl das letzte Gespräch, das mein Vater überhaupt führte. Er sagte: „Ich bin so müde, ich bin so kaputt, ich wollte schon absagen.“ Ich sagte: „Na, dann sag’s doch ab und bleib zu Hause.“ Darauf sagte er: „Nein, aber ich komm’ heute bald heim.“

Wir Kinder hatten seit Längerem gemerkt, dass er sich nicht wohlfühlte. Aber weil er medizinisch sehr gut überwacht war, hatten wir nie an so etwas wie einen Herzinfarkt gedacht. Beim Frankreich-Urlaub Ende August, Anfang September mussten wir dann aufpassen, dass er wirklich Ruhe gibt, was er aber auch befolgte.

Was möglicherweise den Herz­infarkt mit ausgelöst hat, war ein Beinaheunfall im Flugzeug wenige Wochen vor seinem Zusammenbruch. Auf dem Rückflug aus Bulgarien fiel plötzlich der Druck ab. Die Passagiere und der Pilot wurden ohnmächtig. Mein Vater, der als Co-Pilot im Cockpit saß, war der Einzige, der bei Bewusstsein war. Er zog sich die Sauerstoffmaske über, und es gelang ihm, nach einem 3000-Meter-Sturzflug die Maschine abzufangen und sicher in München zu landen.

Meine Brüder und ich hielten in der schwierigen Zeit nach dem Tod meines Vaters wirklich gut zusammen. Keiner von uns hätte das allein geschafft. Aber auch den Mitarbeitern der Bayerischen Staatskanzlei bin ich noch heute dankbar, weil sie in dieser dramatischen Zeit perfekt, unaufgeregt und mit großer Präzision ein großes Staatsbegräbnis organisierten.

Wir riefen den damaligen Kardinal Ratzinger an, der sich sofort bereit erklärte, das Pontifikalrequiem mit Beerdigung in Rott am Inn zu halten. Im Münchner Dom zelebrierte der damalige Kardinal Wetter das Pontifikalrequiem. Auch in Regensburg gab es eine Messe, an der Tausende Menschen teilnahmen.

Im Gedenken an den Vater: Max Strauß, Franz Georg Strauß und Monika Hohlmeier mit Ehemann Michael Hohlmeier (von links).

Die Anteilnahme der bayerischen Bevölkerung war so gigantisch, wie es sich keiner von uns je hätte ausmalen können: Als der Leichnam meines Vaters von Regensburg nach München überführt wurde, gab es keine Kreuzung ohne Fackel. Die Menschen standen zu Tausenden an den Straßenrändern, sogar an der Autobahn. Als mein Vater im Prinz-Carl-Palais aufgebahrt wurde, standen die Menschen kilometerweit an, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Ein Bild, das ich nie vergessen werde, war eine vielleicht 25-jährige Frau mit einem kleinen Kind, die weinend vor dem Prinz-Carl-Palais auf die Knie sank und von Tränen geschüttelt nicht in der Lage war hineinzugehen!

Es berührte mich zutiefst, dass parteipolitische Gegner der SPD, der Grünen, aber auch wildfremde Leute, die ihn eigentlich kritisch gesehen hatten, uns zeigten, dass hier ein großer Nachkriegspolitiker und beeindruckender Mensch gestorben war. Diese Zeit war einerseits sehr belastend – andererseits hat es gutgetan zu sehen, wie sehr die Menschen ihn verehrt und wertgeschätzt haben.

Protokoll: Klaus Rimpel

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