Alle Fakten, die offenen Fragen

Nemzow-Mord: Was weiß seine Lebensgefährtin?

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Eiskalt erschossen: Boris Nemzow (†55).

Moskau - Wer hat den russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow (55†) eiskalt ermordet? Es gibt jede Menge Spekulationen über mögliche Hintermänner, das Mordmotive und die Rolle von Nemzows schöner Lebensgefährtin.

Drei Millionen Rubel (rund 45 000 Euro) Belohnung haben die Ermittlungsbehörden in Moskau für Hinweise auf den Täter ausgesetzt. Aber eine heiße Spur gibt es noch nicht. Dafür umso mehr Spekulationen  – über mögliche Hintermänner, das Mordmotive und die Rolle von Nemzows schöner Lebensgefährtin Anna Durizkaja (23) in diesem Morddrama.

Alle Fakten – alle Fragen:

Die Tat: Nemzow wurde feige von hinten erschossen. Der Täter feuerte sechs Patronen ab, vier trafen das Opfer – ein Schuss zerfetzte das Herz. Nemzows Lebensgefährtin, das ukrainische Model Anna Durizkaja (23), mit der er vor der Tat noch im Kaufhaus GUM am Roten Platz bummeln und anschließend im Bosko-Café essen war, blieb unverletzt.

Warum der Täter sie verschonte, ist eines der Rätsel dieses Falles. Die 23-Jährige konnte zwar gegenüber den Ermittlern eine Beschreibung des Mörders abgeben (1,70 bis 1,75 Meter groß, schwarze Haare, blaue Jeans, brauner Pullover), doch darunter falle die Hälfte der Moskowiter, witzelten gestern Moskauer Zeitungen.

Die schöne Anna, die aus der Ukraine stammt, wurde nach ihrer Vernehmung unter Hausarrest gestellt. Obwohl sie offiziell „nur“ als Zeugin gilt. Sie wohnt bei einem Freund in Moskau und darf die Stadt nicht verlassen. Gegenüber Medien beklagte sie sich gestern, dass ihr niemand sage, wann sie freigelassen und warum sie festgehalten werde. Ihre Mutter appellierte deshalb an den ukrainischen Präsidenten, sich für die Rückkehr ihrer Tochter einzusetzen.

Nach Angaben von russischen Zeitungen soll ein Video existieren, das Anna und Nemzow im Kaufhaus zeigt – und auf einen Streit zwischen den beiden schließen lässt. In Spekulationen um den Täter wird deshalb auch immer wieder Annas Ex-Freund ins Spiel gebracht.

Videoaufnahmen spielen auch bei allen anderen Spekulationen eine Rolle. An der Kremlmauer gibt es Hunderte Kameras. Zunächst hieß es, diese seien ausgeschaltet gewesen, gestern meinten die Behörden dann, die Bilder müssten noch ausgewertet werden.

Für die Ermittlungen wurde eine zwölfköpfige Sonderkommission gebildet. Ihr Chef ist General Igor Krasnow, der schon die politischen Morde an dem kremlkritischen Anwalt Stanislaw Markelow und der Journalistin Anastasia Baburowa aufgeklärt hat.

Sein Team geht von einem Auftragsmord aus. Ermittelt wird angeblich in vier Richtungen mit unterschiedlichen Tatmotiven: Destabilisierung des Landes, Rache durch Islamisten, Mord durch ukrainische Extremisten und Mord aus kommerziellen Gründen.

Dass Nemzows Kritik an Putin etwas mit der Tat zu tun haben könnte, schließen die Ermittler aus – obwohl das viele Oppositionelle und westliche Politiker anders sehen.

Nemzows Sarg sollte gestern Abend im Sacharow-Menschenrechtszentrum aufgebahrt werden, für heute ist die Beisetzung auf dem Prominentenfriedhof Trojekurowo geplant.

Das sagt die Welt über die Tat

Pressestimmen aus aller Welt zum Mord in Moskau:

Corriere della Sera, Mailand: „Die Natur des russischen Regimes – keine klassische Gewaltherrschaft, aber eine autoritäre Demokratie – hat sich durch den Mord an Nemzow wieder auf brutale Art und Weise gezeigt.“

Die Moskauer Tageszeitung Wedomosti schreibt: „Der Mord ist nicht einfach nur ein großes politisches Verbrechen. Er ereignet sich zu einem Moment, da in der Gesellschaft ein kalter Bürgerkrieg aufkeimt.“

Die Neue Zürcher Zeitung kommentiert: „Der Kremlchef kann seine Hände nicht in Unschuld waschen. Er hat ein Klima des übersteigerten Nationalismus geschürt…“

Der Independent, London, meint: „Demonstrationen in Russland wurden oft als Vorboten des Niedergangs des Putin-Systems gepriesen. Die unliebsame Wahrheit ist jedoch, dass die meisten Russen die Unterstützung des Kreml für die Separatisten in der Ostukraine als fast heiligen Kampf gegen ‚ukrainische Faschisten‘ betrachten.“

Die Pravo aus Tschechien schreibt: „Der Mord wird zur Mahnung, wohin Intoleranz und blinder Hass führen können.“

Politiken aus Kopenhagen meint: „Nemzow war etwas Besonderes, weil er Format und Mut hatte, den er trotz seiner Machtlosigkeit bewahrt hat, und weil er die Hoffnung auf eine Alternative zu Putins Kreml symbolisiert hat.“

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