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SPD-Umweltexperte über Greta Thunberg und die Energiepolitik: „Ich bin kein Freund von ...“

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Von: Sabine Schwinde

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Greta Thunberg © AFP / JONATHAN NACKSTRAND

Der Rechtsanwalt und Politologe Axel Berg (SPD) setzt sich für die Energiewende ein. Zu Greta Thunberg und der Fridays-for-Future-Bewegung hat er eine ganz eigene Meinung.

München - Fast 70 Prozent des deutschen Energiebedarfs wird durch Importe gedeckt – die globalen Energiekonzerne reiben sich die Hände. Der Verbraucher zahlt die Rechnung. Aber Rohstoffe sind endlich und die Folgen des Klimawandels sind längst vor unserer Haustür angekommen. „Was wir jetzt brauchen, sind saubere Energien, die dezentral, also vor Ort, erzeugt und genutzt werden“, so Doktor Axel Berg (SPD)*. In seinem aktuellen Buch Energiewende einfach durchsetzen beschreibt der Münchner Rechtsanwalt und Politologe, wie eine Vollversorgung mit erneuerbarer Energie gelingen kann. Und er deckt auf, welche Machtstrukturen den längst fälligen Wandel verhindern. Dabei will Berg keine Ängste schüren. „Ich bin kein Freund von Alarmismus, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. 

München: Rechtsanwalt über Greta Thunberg und die Energiepolitik

Sie setzen sich seit 30 Jahren für einen Wechsel zu erneuerbaren, dezentralen Energien ein. Ein Kampf gegen Windmühlen?

Axel Berg: Ein bisschen hat man tatsächlich das Gefühl, allein gegen die Mafia unterwegs zu sein. Auf der anderen Seite ist es ein Vorteil des Alters, dass man bilanzieren kann. Ich bin schon als Student gegen Atomkraft aufgestanden als alle noch dafür waren. Und heute hat wirklich der Letzte kapiert, dass sie keine Zukunftsoption ist. Max Weber sagte schon: Politik ist das Bohren von kleinen Löchern in dicke Bretter. Weiter bohren! Ich bin sicher, dass sich jetzt etwas tut.

Nicht zuletzt auch durch die Bewegung „Fridays for Future“ rund um die Klimaaktivistin Greta Thunberg*?

Axel Berg: Im Politikbetrieb erleben wir nur, dass das sogenannte politisch Machbare getan wird. Die Fridays-for-Future-Kids benennen, was tatsächlich notwendig ist. Dadurch werden diese Jugendlichen zum seriösesten Akteur in der ganzen Debatte. Für diese Generation habe ich auch mein Buch geschrieben und die relevanten Themen zur Energiewende durchdekliniert. So haben Jugendliche, die sich noch nicht 30 Jahre lang mit der Materie beschäftigen, belegbare Fakten an der Hand, wenn sie im Unterricht sitzen oder mit Politikern diskutieren. Sie müssen sich nicht mehr über den Tisch ziehen lassen. In der Energiepolitik wird nämlich gelogen, dass sich die Balken biegen.

Sind wir jahrzehntelang zu sorglos mit Ressourcen umgegangen?

Axel Berg: Mit dieser Frage haben sich schon Soziologen beschäftigt. Die kamen zu dem Ergebnis, dass der Mensch dazu neigt, Reserven so lange auszuschöpfen, bis nichts mehr da ist. Wir agieren erst, wenn wir ein Problem sehen. Es ist anstrengend und unnatürlich, langfristig vorauszu­denken. Wir müssen es jetzt aber tun, weil unsere Systeme nicht reversibel sind.

München: Kampf für die Energiewende ist ein Kampf, „allein gegen die Mafia“

Wir haben das Know-how, das Geld und die Mehrheit der Bevölkerung auf unserer Seite, wie Sie schreiben. Warum ist die Energiewende nicht längst vollzogen?

Axel Berg: Eine Energiewende hinterlässt Gewinner und Verlierer. Verlierer sind die Hersteller altmodischer Rohstoffe

Bayerns einziger SPD-Direktabgeordneter Axel Berg
Bayerns einziger SPD-Direktabgeordneter Axel Berg © SPD dpa/lby

sprich die Produzenten von Öl, Kohle, Gas, Uran. Die nächsten Verlierer sind die großen Kraftwerke, die aus Kohle, Gas oder Öl Strom gewinnen. Und dann sind da noch die Hersteller der entsprechenden Technologien. Diese Woche traf es Siemens, doch es geht bis hin zum Verbrennungsmotor. Diese Konzerne sind in unserer Gesellschaft ungeheuer reich und mächtig.

Was könnte man dagegen tun?

Axel Berg: Versorgt sich die Welt mit erneuerbaren, dezentralen Energien, dann machen sie kein Geschäft mehr. Bereits heute ist es billiger, sich eine Photovoltaik-Anlage aufs Dach zu nageln und eine Batterie in den Keller zu legen, als am Strom- und Wärmenetz angeschlossen zu sein. Die Kosten der Erneuerbaren gehen gegen null. Eine Tankfüllung würde nur noch wenige Cent kosten, wenn Öl in den letzten Jahren eine ähnliche Preisentwicklung durchlaufen hätte wie Photovoltaik. Mit der Produktion von Strom lässt sich bald kein Geld mehr verdienen. Deshalb ist es die Strategie der großen Konzerne und der ihr hörigen Regierungen, den Ausbau der erneuerbaren, dezentralen Energien im Heimatmarkt so gut wie möglich zu verhindern. Bevor die Verbraucher als potenzielle Gewinner also anfangen, sich selbst zu versorgen, versuchen die großen Konzerne, die Erzeugung der erneuerbaren Energien möglichst weit weg vom Kunden zu legen – beispielsweise nach Spanien oder in die Nordsee. Dann verdient man das Geld eben mit den Leitungen.

München wird „eine der letzten Städte sein, in denen es noch stinkt“

Auch ein Problem in unserer Stadt?

Axel Berg: Es gibt keinerlei Pläne, wie München in der Zukunft durch eigene Kraft mit erneuerbaren Energien versorgt werden soll. Wenn wir so weitermachen, werden wir in zehn Jahren eine der letzten Städte sein, in denen es noch stinkt.

Dezentral, nah am Verbraucher: Was wäre Ihrer Meinung nach ein Konzept für München?

Axel Berg: Wir haben jede Menge Dachflächen, die man für Photovoltaik-Anlagen nutzen könnte. Andere Städte sind da weiter. Frankfurt hat beispielsweise schon vor Jahren durchgerechnet, dass 30 Prozent der Dachflächen ausreichen, um die ganze Stadt mit Strom zu versorgen – inklusive Flughafen und Chemieindustrie.

Kritiker führen hohe Kosten als Argument gegen die Energiewende an.

Axel Berg: Das ist ein Permanent Fake. Deutschland subventioniert wettbewerbsverzerrend umweltschädliches Verhalten mit 60 bis 100 Milliarden pro Jahr. Wenn diese Summen in die Energiewende umgeleitet würden, könnten wir sie innerhalb von zehn Jahren schaffen. Teuer ist es nur, die Wende zu verzögern und parallel das zentrale Versorgungssystem aufrechtzuerhalten; zum Beispiel durch Nord Stream 2 oder die geplanten Hochspannungsleitungen.

Woher nehmen Sie die Energie weiterzukämpfen?

Axel Berg: Ich bleibe positiv, das ist mein Naturell. Es wird für die Energiekonzerne immer schwieriger, ihr Verhalten zu rechtfertigen. Ein Beispiel ist Datteln 4. Wie kann man heutzutage vertreten, ein Kohlekraftwerk ans Netz gehen zu lassen, wenn man den gleichen Strom billiger und ohne Umweltverschmutzung zu Hause erzeugen kann? Deshalb bin ich überzeugt, dass wir die Wende schaffen. Ich werde sie noch erleben – und ich freue mich darauf.

Video: Was geben die Deutschen auf Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Bewegung

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