tz-Sommerinterview mit OB Christian Ude

So will OB Ude in die Staatskanzlei

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Im letzten Teil des tz-Sommerinterviews beantwortet Münchens OB Christian Ude (SPD) die Fragen von Redakteurin Barbara Wimmer.

München - Im letzten Teil des tz-Sommerinterviews beantwortet Münchens OB Christian Ude (SPD) die Fragen von Redakteurin Barbara Wimmer zur SPD, ihren Sympathisanten und ihrer Strategie – sowie zu Horst Seehofer.

Wie sehen die letzten Umfrageergebnisse aus?

Christian Ude: Bescheiden, aber für alle. Die SPD kann mit 20 bis 23 Prozent nicht zufrieden sein. Aber vor einem Jahr lagen wir zwischen 15 und 17 Prozent, das heißt, es geht immerhin aufwärts. Im vergangenen Sommer waren die Grünen im Zenit, das ist allerdings auch schon wieder vorbei. Genauso wie die Blütezeit der Piraten übrigens. Ich schließe zwar nicht aus, dass die Piraten in den Landtag einziehen, aber sie werden mit der Fünf-Prozent-Hürde kämpfen müssen. Bescheiden sind ja auch die Umfrageergebnisse für das Regierungslager in Bayern. Die FDP muss mit ihrem Ableben rechnen, was eher ein Trauerfall ist als ein Anlass zu Jubelarien von Herrn Dobrindt. Und die CSU ist sogar nach den von ihr selbst in Auftrag gegebenen Umfragen schwächer als die Summe der Opposition.

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Warum will sich Horst Seehofer erst nach Ihnen nominieren lassen?

Ude: Ich vermute, dass er erstens eine gleichzeitige Nominierung verhindern möchte, weil das den Duellcharakter noch verstärken würde. Vielleicht will er sich auch Handlungsspielräume verschaffen, um personalpolitische Weichen und auch Bedingungen stellen zu können, sowohl an die eigene Partei als auch die Schwesterpartei CDU.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Seehofer entwickelt? Vor Ihrer Kandidatur war es doch ganz gut!

Ude: Es war ausgesprochen entspannt. Ich finde auch persönliche Begegnungen mit ihm immer durchaus angenehm und habe es sogar als Akt der politischen Kultur gewürdigt, dass er der bayerischen SPD zu ihrer 120-Jahr-Feier die Reverenz erwiesen hat. Zu dieser Geste wären Strauß oder Stoiber nicht in der Lage gewesen.

Es war nicht der geglückte Versuch, sich beim politischen Gegner ins Bild zu rücken?

Ude: Natürlich hat Seehofer beim sozialdemokratisch orientierten Publikum Punkte gesammelt. Aber er hat inhaltlich wichtige Aussagen gemacht, die im konservativen Bayern bisher eher unter den Teppich gekehrt worden sind: Über die Anfänge der Arbeiterbewegung, über die Ausrufung des Freistaats oder die Rolle Wilhelm Hoegners bei der bayerischen Verfassung und vor allem über die Rolle der Sozialdemokratie als Bollwerk gegen die Hitler-Bewegung.

Glauben Sie, dass er in Ihrer Kandidatur eine reelle Gefahr sieht, trotz aller Gelassenheit?

Ude: Man muss sich doch nur anschauen, wie viele Kabinettsmitglieder täglich auf mich eindreschen müssen, um das ganze Ausmaß der Gelassenheit zu erkennen. Es ist merkwürdig, wenn jemand regelmäßig betont, wie entspannt er ist.

Es heißt, die CSU habe 26 Millionen Euro für den Wahlkampf in der Kasse, die SPD zwei. Stimmt das?

Ude: Das ist leider richtig, wobei die 26 der CSU ein Erfahrungswert aus den zurückliegenden Landtagswahlen sind. Die zwei Millionen sind unsere jetzige Haushaltssituation, das können mit Spenden auch noch zweieinhalb werden, aber die Größenrelation ist im besten Fall 1:10.

Wie sieht Ihre Strategie aus?

Ude: Wir setzen nicht nur auf Arbeitnehmer- und Sozialverbände, sondern auch auf ein kulturelles und kreatives Publikum, auf liberale Kreise, die sich für einen Wechsel in Bayern engagieren, ohne parteipolitisch gebunden zu sein. Das hat es in München in den vergangenen Jahrzehnten immer gegeben. Im Moment bündeln wir auch in Nürnberg und Bamberg, in Würzburg und Regensburg entsprechende Initiativen.

Bilder vom Sommerempfang des Bayerischen Landtags

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Wie sieht es im ländlichen Raum aus, wo es zum Teil gar keine SPD-Ortsvereine mehr gibt?

Ude: Da gibt es unbestritten einen riesigen Handlungsbedarf. Die SPD entwickelt aber wieder Anziehungskraft. Wir haben volle Bierzelte. Wir können Sympathisanten mobilisieren, die mit Mundfunk und Internet arbeiten, so dass sich immer mehr Menschen anschließen. Das ist meine Vorstellung, und die hat sich bei den letzten Kommunalwahlen von Aschaffenburg über Bamberg bis Lindau auch verwirklicht. Und es gibt auch einen kleinen Mitgliederzuwachs.

Jetzt steht Ihre Bierzelttournee an. Da reicht „Ozapft is!“ nicht aus. Waren Sie auch schon immer ein Bierzeltredner?

Ude: Eindeutig Nein. Ich habe zwar nie Probleme gehabt mit freier Rede oder großem Publikum, aber das Bierzelt hat eigene Gesetzmäßigkeiten. Man muss zehn Jahre Oberbürgermeister sein, um mit dem nötigen Selbstbewusstsein und Anspruch im Bierzelt aufzutreten.

Spüren Sie Wechselstimmung?

Ude: Nicht in dem Sinne, dass die Bevölkerung grundlegend andere Lebensumstände haben möchte. Ich verspüre aber bei den Bürgern den Wunsch nach mehr Demokratie, mehr sozialer Gerechtigkeit, weniger Filz, weniger Machtmissbrauch. Die CSU hat in der letzten Zeit immer mehr Fehler gemacht, von der Landesbank über den Transrapid und die Bayernwerke bis zum vermurksten Gymnasium.

Steigen die Chancen der Opposition mit dem Ergebnis der jüngsten Bildungsanalyse?

Ude: Das reiche Land Bayern ist Schlusslicht in der Frage der Ganztagsbetreuungsangebote, das ist nicht zu verantworten. Es ärgert viele Leute, dass Bayern die größten Probleme hat, das Gymnasium in einer sinnvollen Weise zu modernisieren. Und dass die CSU jetzt noch für ein Betreuungsgeld kämpft, das gerade wirtschaftlich schwache Familien davon abhalten wird, die Chancen der Kinderbetreuung in Anspruch zu nehmen, ist widersinnig. Ich setze auf wachsende Kritikfähigkeit. Bayern hat nach 55 Jahren des Verschleißes eine neue Regierung verdient.

Kreiert für SPD-Spitzenkandidaten: Der "Ude-Schoppen"

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Wie steht’s mit Ihren Fortschritten in Landeskunde?

Ude: Ich bin mit meinen erdkundlichen Fortschritten recht zufrieden. Das Fach gehörte aber schon in der Schule nicht zu meinen Stärken. Es stimmt, dass ich einmal Aschaffenburg dem falschen Bezirk Frankens zugeordnet habe.

Wird man auf solche Fehler angesprochen?

Ude: Überhaupt nicht. Ich blödel bewusst selber rum, auch um das lächerlich zu machen. Die Einzigen, die sich aufregen, sind Leute aus der Jungen Union im Internet – und Journalisten, die Glossen darüber schreiben.

Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die Entwicklung der Freien Wähler?

Ude: Mit gemischten. Ich kenne die Freien Wähler aus 15 Jahren Zusammenarbeit im Bayerischen Städtetag und bin mir sicher, dass wir in sehr vielen Punkten übereinstimmen. Der einzige Problembereich ist die Euro-Politik. Nun muss es zwischen konkurrierenden Parteien Meinungsverschiedenheiten geben dürfen, die gibt es sogar innerhalb der CSU, ja sogar innerhalb der Person des Parteivorsitzenden, der anders redet als er handelt. Schwierig wird es, wenn die Tonart so populistisch und europafeindlich wird, dass es Rechtsextreme anzieht.

Wie sehen die Freien Wähler die Chancen für eine Entscheidung Richtung Rot-Grün?

Ude: Bei denen gibt es durchaus Konservative, denen ein Bündnis mit den Grünen, die sind wohl milieumäßig am weitesten weg, schwerfallen würde. Ich baue darauf, dass die Freien Wähler, wenn die FDP jetzt aus dem Landtag rausfliegt, genau anschauen, wie es früheren CSU-Koalitionspartnern gegangen ist: Die Bayernpartei hat es nicht überlebt, der FDP droht das gleiche Schicksal.

Bekommen Sie Wahlkampfunterstützung von Sigmar Gabriel?

Ude: Darum habe ich ihn gebeten, und er hat sie zugesagt. Ich halte Sigmar Gabriel für einen hervorragenden Parteivorsitzenden. Er hat jetzt auch mit der Kritik an den Banken und der Forderung nach stärkerer Regulierung den richtigen Weg eingeschlagen: Wir sollen nach der Finanzkrise nicht europäische Völker gegeneinander aufwiegeln, sondern müssen den Finanzmarkt in den Griff kriegen.

Aber Gabriel ist nicht Ihr Favorit in der K-Frage?

Ude: Meine Bewertung von Steinmeier, Steinbrück und Gabriel ist gleichermaßen positiv. Die Stones haben aber bessere Umfragewerte, und wir müssen über die SPD-Stammwähler hinaus Zustimmung finden. Das ist die Aufgabe in Bayern, und erst recht im Bund.

Würden Sie auch als Ministerpräsident Kabarett machen?

Ude: Das ist für mich eine Frage der Ehre! Nach meinem ersten Auftritt Anfang der Neunziger hat Klaus-Peter Schreiner in der SZ geschrieben: Das traut er sich als OB nicht. Das habe ich widerlegt – und dabei bleibe ich auch!

Interview: Barbara Wimmer

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