Alexander Kissler

Interview nach Terror in Paris: "Hier muss Toleranz ein Ende haben!"

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Der salafistische Prediger Pierre Vogel bei einer öffentlichen Kundgebung in Hamburg. Im Interview erklärt Alexander Kissler, wo unsere Toleranz nach den Anschlägen von Paris ein Ende haben muss.

München - "Keine Toleranz den Intoleranten", heißt das aktuelle Buch des "Cicero"-Kulturchefs Alexander Kissler. Im Interview erklärt er, wo unsere Toleranz nach dem Terror in Paris ein Ende haben sollte.

Alexander Kisslers Buch "Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss" (184 Seiten, 17,99 Euro) ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen.

Es ist eine Streitschrift für unsere Werte, für Presse-, Kunst-, Religions- und vor allem für Meinungsfreiheit. "Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss" erschien als Reaktion auf das Massaker in den Redaktionsräumen der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Ein Dreivierteljahr später gewinnt das Buch durch die Terroranschläge in Paris am 13. November eine besondere Aktualität. Für Alexander Kissler steht fest: Der Westen, also wir alle, müssen unsere Werte in der Auseinandersetzung mit dem mörderischen Islamismus verteidigen. Kissler fragt: Muss man wirklich Verständnis dafür haben, dass besonders Fromme besonders reizbar sind? Wollen wir die Freiheit opfern für die Illusion, dadurch die Freiheitsfeinde zu besänftigen? Im Interview mit unserer Onlineredaktion fordert Alexander Kissler nach dem Terror von Paris: Mit salafistischen Werbeaktionen auf öffentlichen Plätzen muss es endlich ein Ende haben. Ebenso dürfen wir eine Missachtung von Frauen und eine Verachtung von Christen in Asylbewerberheimen nicht länger dulden.

Herr Kissler, trägt Europa eigentlich auch eine Mitschuld an islamistischen Terroranschlägen?

Für Terror gibt es keine Rechtfertigung, keine mildernden Umstände, keine psychosozialen oder weltpolitischen Relativierungen. Schuld am Terror sind die Terroristen. Wer nun, wie es hie und da geschieht, die westliche Selbstanklage fortsetzt und auf ein Sündenregister aus Kolonialismus und Imperialismus, missglückter Intervention und einseitiger Interessenpolitik verweist, wertet einen perversen Massenmord auf. Die Geschichte Europas und des Westens ist hochambivalent, aber Schuld ist eine individuelle Kategorien. Schuld ist jener Mensch, der aus freien Stücken Schuld auf sich lädt und Leid verursacht.

Sie haben Ihr Buch als Reaktion auf die Anschläge gegen die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 geschrieben. Gleich zu Beginn erklären Sie: "Ich sehe die Welt mit anderen Augen seit dem 7. Januar 2015." Wie sehen Sie denn die Welt nach den Anschlägen vom 13. November?

Voll Trauer und Zorn. Traurig macht es mich, dass die Verwundbarkeit der freien Welt ebenso gewachsen ist wie der Hass, den sie in den Hirnen solcher Mörderbanden wie des „Islamischen Staates“ auf sich zieht. Die Verblendeten sterben nicht aus. Das Leben wird in viel zu vielen Weltregionen nicht als das wunderbare Geschenk angesehen, das es doch ist. Ideologien können alles vergiften. Zornig bin ich auf diese radikalislamischen Blutsäufer. Mit ihnen kann es keine Verständigung, keinen Ausgleich geben.

Terror in Paris: Was sind eigentlich unsere westlichen Werte?

Sie fordern in Ihrem Buch, dass der Westen seine Werte verteidigen muss. Was sind eigentlich unsere westlichen Werte?

Salman Rushdie hat in seiner Rede auf der Frankfurter Buchmesse die Meinungsfreiheit als Mutter aller Freiheiten herausgestellt. Ich sehe im Westen ein Prinzip, das nicht regional beschränkt ist, und ein Freiheitsversprechen. Der Westen hält den Menschen für freiheitsfähig: kann es eine schönere Zusage, ein größeres Zutrauen geben? Damit individuelle Freiheit an möglichst vielen Stellen wachsen kann, braucht es Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung, die Freiheit der Religion und der Künste und der Wissenschaften, aber auch ein Grenzenbewusstsein. Toleranz darf nicht mit Ignoranz verwechselt werden. Wir müssen Unterschiede klar, aber friedlich benennen und dürfen dem Andersmeinenden nie die Menschlichkeit absprechen. Der Westen braucht die Unterscheidung der Geister.

Wenn man Ihr Buch liest, hat man den Eindruck, dass die Deutschen noch so viel Ahnung von unseren westlichen Werten haben, wie sie die Frage beantworten könnten, was denn an Pfingsten gefeiert wird...

Das eine scheint mit dem anderen zusammenzuhängen. Der Westen, wie ich ihn skizziere, hat drei entscheidende Pfeiler: die griechische Frage nach dem Guten, die römische Frage nach dem Gerechten und die biblische Frage nach dem Wahren. Er begann mit der Säkularisierung des Diesseits, wie sie sich im Judentum vollzog, und ist ohne das Christentum nicht zu denken. Man muss natürlich weder Jude noch Christ sein, um die Freiheitswerte des Westens verteidigen zu können. Bildungskatastrophe und Traditionsabbruch aber münden in eine allgemeine Sprachlosigkeit, die den Westen im globalen Wettstreit der Ideen gewaltig zurückwirft.

Was ist eigentlich die größere Bedrohung für den Westen, also für uns? Der Islamische Staat? Oder unser mangelndes Verständnis für unser eigenes kulturelles Erbe?

Der britische Historiker Niall Ferguson äußert sich in diesem Sinne und fürchtet Letzteres mehr. Wie immer man die Herausforderung durch den Islamismus sehen mag: Ein Westen, der nicht weiß, woraus er gemacht ist, hat schlechte Karten. Deshalb braucht es heute beides, den entschlossenen, auch militärischen Kampf gegen die Terroristen und eine ebenso entschlossene Rückbesinnung auf unsere geistigen Wurzeln.

Ihr Buch trägt den Titel: "Keine Toleranz den Intoleranten". Dann bitte ich Sie mal um konkrete Beispiele: Wo muss unsere Toleranz denn jetzt bein Ende haben?

In Berlin darf jährlich beim Al-Quds-Tag zur Vernichtung Israels aufgerufen werden. Das sollte man ebenso unterbinden wie salafistische Werbeaktionen auf öffentlichen Plätzen. Ich habe kein Verständnis dafür, dass Neugeborene in Deutschland „Dschihad“ genannt werden dürfen oder dass mit Rücksicht auf besonders reizbare Muslime Ausstellungen abgesagt und Symbole oder Produkte von Hinweisen auf Israel oder das Christentum gesäubert werden. Es kann nicht sein, dass in Asylbewerberheimen aus falsch verstandener Toleranz die Missachtung der Frau und die Verachtung der Christen als arabische Spezialfolklore abgetan werden. Der Ruf des Muezzin ist in Deutschland ein falsches Signal, markiert er doch den Geltungsbereich der Umma, der islamischen Welt. Zu tolerieren sind natürlich der Bau von Moscheen und die öffentliche Ausübung von Frömmigkeit. Für Christen wie für Muslime kann Religion nie nur Privatsache sein. Absolut intolerabel sind auch sämtliche Gewaltakte oder Hassreden gegen Muslime.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch, dass das Recht auf Religionskritik ebenfalls zu unserem kulturellen Erbe gehöre. Aber gibt es da nicht auch Grenzen? Papst Franziskus sagte ja in einem Interview zu Anfang des Jahres: "Jede Religion hat ihre Würde, jede Religion, die das menschliche Leben und die menschliche Person achtet. Und ich darf sie nicht bespötteln."

Das sehe ich anders. Religionen müssen Spott ertragen. Wie umgekehrt Religionskritiker damit leben müssen, dass man sie kritisiert. Entscheidend ist die Form der Kritik. Sie muss auf beiden Seiten friedlich erfolgen.

Sollten wir die Muslime nach dem Terror in Paris denn zu einem "Aufstand der Anständigen" auffordern, wie ihn Kanzler Schröder von den Deutschen im Hinblick auf den Rechtsextremismus forderte?

Mit solchen Forderungen tue ich mir schwer. Ich begrüße aber die Initiativen aus der muslimischen Gemeinschaft, eine Friedensdemonstration zu organisieren. Klar ist: Es darf nicht noch einmal, wie vor dem „Brandenburger Tor“ nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“, zur Selbstfeier der politischen Klasse und ihrer vermeintlichen Toleranz kommen. Schulterklopfer und Verharmloser haben wir genug. Viele Muslime des Westens haben selbst ein Interesse, die antisemitische Versuchung und die Gewaltgeneigtheit ihrer Religion aufzuarbeiten. Das lässt mich hoffen.

Alexander Kisslers Buch "Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss" (184 Seiten, 17,99 Euro) ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen.

Interview: Franz Rohleder

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