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Nato „war nie für diese Art von Krieg gerüstet“: Droht nun Waffenknappheit im ganzen Bündnis?

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Von: Patrick Mayer

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Ein nicht präzisierter Ort in Osteuropa: Zwei US-Soldaten entladen zwei schwere Haubitzen M777.
Ein nicht präzisierter Ort in Osteuropa: Zwei US-Soldaten entladen zwei schwere Haubitzen M777. Das Foto stammt aus dem Mai 2022. © IMAGO/U.S. Air Force

Der Nato geht laut einem Bericht bei der Unterstützung der Ukraine die Munition aus. Gegenmaßnahmen sind wohl eingeleitet – lahmen aber noch. 

München/Brüssel – Wie lange wird der Ukraine-Krieg noch andauern? Erst Anfang der Woche hat die Regierung in Kiew den Kriegszustand und die Mobilisierung der Armee um weitere 90 Tage verlängert. Die ukrainischen Streitkräften wollen weiter nachsetzen, nachdem sie die Großstadt Cherson im Südosten von den russischen Invasionstruppen zurückerobert haben. Das versichert Präsident Wolodymyr Selenskyj gebetsmühlenartig.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Dafür ist die Ukraine ungebrochen auf westliche Waffenlieferungen angewiesen. Währenddessen verstärkt die Nato ihre Ostflanke zwischen Baltikum, Polen und Schwarzem Meer seine Truppenstärke zur defensiven Absicherung. Auch dafür müssen Waffen stationiert werden. Zum Beispiel am Militärflughafen Rzeszow in Ostpolen, der nach Informationen von Merkur.de zu einer regelrechten Festung ausgebaut wurde.

Unterstützung der Ukraine im Krieg mit Russland: Bericht über Munitionsengpässe der Nato

Doch offenbar geht der Nato nun die Munition aus. Das berichtet das Magazin für Außenpolitik Foreign Policy und beruft sich dabei auf einen namentlich nicht genannten Insider aus dem Umfeld der Militärallianz. Ihm zufolge ringen Kiews westliche Partner damit, die Versorgung der Ukraine mit Waffen und Munition aufrechtzuerhalten. Ein Risiko wollen sie demnach aber nicht eingehen. Jenes, dass die Bündnisverpflichtungen leiden, weil die eigenen Munitionsvorräte den Vorgaben nicht mehr gerecht werden, heißt es in dem Bericht.

Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News im Russland-Ukraine-Krieg

„Ich denke, jeder ist jetzt ausreichend besorgt“, sagte ein NATO-Beamter demnach. Ferner erzählte die Quelle, die Verbündeten hätten westliche Rüstungsunternehmen aufgefordert, die Produktion von Waffen hochzufahren. „Die Relevanz der Bevorratung ist zurück“, zitierte Foreign Policy den Insider weiter. Allerdings gibt es dem Bericht zufolge bei der Rüstungsindustrie Vorbehalte: Gefordert seien Garantien auch über längerfristige Bestellungen – etwa in Form von Verträgen.

Nato im Ukraine-Krieg: Verteidigungsbündnis diskutiert offenbar über Munitionsvorräte

Das Bündnis erörtere mögliche Unterstützung für Mitglieder, deren Lagerbestände unter das Niveau sinken, das zur Erfüllung der Verteidigungsverpflichtungen gemäß Nordatlantikvertrag erforderlich ist, erklärte der Beamte weiter.

„Die NATO plant nicht wirklich, solche Kriege zu führen. Und damit meine ich Kriege mit einem superintensiven Einsatz von Artilleriesystemen und vielen Panzer- und Kanonengeschossen“, erklärte zudem Frederick Kagan, Senior Fellow am American Enterprise Institute, dem Magazin zufolge: „Wir waren von Anfang an nie für diese Art von Krieg gerüstet.“

Wir waren von Anfang an nie für diese Art von Krieg gerüstet.

Frederick Kagan, Senior Fellow am American Enterprise Institute

Die US-Regierung unterstützt die von Moskau angegriffene Ukraine seit dem Überfall der russischen Armee am 24. Februar mit Rüstungshilfen in Milliardenhöhe. Bis Anfang September flossen so Hilfen in Höhe von 15 Milliarden Euro aus Washington nach Kiew.

Zwischen August und Oktober lieferten die USA laut Pentagon vor allem zusätzliche Munition für die Raketenwerfersysteme Himars und Nasams sowie 1000 Panzerabwehrraketen vom Typ Javelin. Ende August etwa schnürte die US-Regierung ein Militärpaket über rund drei Milliarden Dollar für Luftabwehr- und Artilleriesysteme.

Liste deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine (unter anderem/Beispiele):

Quelle: Website der Bundesregierung, Krieg in der Ukraine, Militärische Unterstützungsleistungen für die Ukraine, Stand 18. November, 12.30 Uhr

Damit nicht genug: Deutschland wird bis Ende des Jahres Militärhilfen in Höhe von bis zu zwei Milliarden Euro insgesamt bereitstellen. Das schreibt die Bundesregierung auf ihrer Website unter dem Punkt „Militärische Unterstützungsleistungen für die Ukraine“. „Die Bundesregierung unterstützt das ukrainische Militär in enger Abstimmung mit ihren Partnern und Verbündeten. Diese Aufstellung (...) umfasst Lieferungen aus Beständen der Bundeswehr – und solche der deutschen Industrie“, heißt es dort. Wie aus der Auflistung hervorgeht, hat Deutschland zum Beispiel gemeinsam mit den Niederlanden mittlerweile 14 schwere Panzerhaubitzen 2000 sowie fünf Mehrfachraketenwerfer Mars II samt Munition geliefert. Hinzu kommen 30 Flugabwehrpanzer Gepard mit 6000 Schuss Munition.

Ukraine-Krieg: Laut Analyse gehen Russland Raketen und Präzisionswaffen aus

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte wiederholt betont, seine Regierung könne nur so viel zusichern, dass die Ausrüstung der deutschen Bundeswehr für die Nato-Verpflichtungen nicht gefährdet werde. Aber nicht nur die westlichen Partner ringen wohl um Munition in einem immer länger dauernden Konflikt.

Nach Einschätzung des US-amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) verbraucht Russland aktuell große Teile seines Munitionsvorrats. Das ISW verweist in einer aktuellen Analyse auf die massiven Raketenangriffe am 15. und 17. November. „Wie das ISW bereits früher festgestellt hat, verbrauchen solche Raketenangriffe Russlands bereits erschöpfte Bestände an Präzisionsmunition“, teilte die US-amerikanische Denkfabrik mit. (pm)

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