"Putin wird mich töten!"

Nemzow-Mord: Kreml-Experte Reitschuster im tz-Interview

+
In Moskau trauern Menschen um den ermordeten Kreml-Kritiker Boris Nemzow.

Moskau - Nach dem Mord an Kreml-Kritiker Boris Nemzow rätselt die Welt über die Hintermänner der tat. Die tz sprach mit einem Freund des Ermordeten, dem Russland-Experten Boris Reitschuster.

Russland-Experte Boris Reitschuster

Russland unter Schock: 16.000 (so die Polizei-Angabe) bis 70 000 (so die Veranstalter) Menschen demonstrierten am Sonntag in Moskau, um ihre Trauer für den ermordeten Kreml-Kritiker Boris Nemzow zu bekunden. Der Intimfeind von Wladimir Putin, der unter Boris Jelzin Vize-Regierungschef war, war am späten Freitagabend durch vier Schüsse in den Rücken getötet worden. Der Kreml bezeichnete die Tat als eine gegen die Regierung gerichtete „Provokation“. Aus Polizeikreisen verlautete, eine Spur führe ins rechtsextreme Milieu. Die Ermittler sehen in Nemzows Kritik an der russischen Ukraine-Politik ein mögliches Mord-Motiv. Augenzeugin der Tat war die Freundin des 55-Jährigen, das ukrainische Model Anna Durizkaja. Die tz sprach mit einem Freund des Ermordeten, Boris Reitschuster.

Was für ein Mensch war Boris Nemzow?

Russland-Experte Boris Reitschuster: Wir waren erst vor wenigen Monaten gemeinsam im Chiemgau in der Nähe von Frasdorf beim Wandern. Nemzow war ein Symbol für das, was man die russische Seele nennt: sehr emotional, sehr einnehmend, dabei humorvoll und charismatisch. Mit all diesen Eigenschaften war er eine Gegenfigur zu Wladimir Putin und all den Männern, die heute im Kreml das Sagen haben, die verschlossene graue Apparatschiks mit KGB-Vergangenheit sind.

Welchen Einfluss hatte Nemzow in Russland?

Reitschuster: In Russland insgesamt war er gar nicht mehr wichtig. In den offiziellen Medien kam Nemzow überhaupt nicht mehr vor. Aber für die sehr kleine Opposition war er die entscheidende Galionsfigur. Bei diesem Häufchen von Kreml-Kritikern herrscht jetzt blankes Entsetzen.

Demonstranten am Tatort in Moskau haben Schilder hochgehalten, auf denen zu lesen ist: „Putin hat unseren Freund ermordet“. Glauben die Russen, dass ihr Präsident hinter diesem Mord steckt?

Reitschuster: Die Mehrheit glaubt das nicht, will das auch nicht glauben. Ich denke aber, Putin hat ganz eindeutig die politische Verantwortung für diesen Mord, denn er hat ein Klima des Hasses und der Gewalt geschaffen, wo Kreml-Kritiker wie Nemzow als „Verräter“ oder „Saujuden“ beschimpft werden. Was mich zudem sehr, sehr skeptisch stimmt, ist die Art und der Ort des Mordes: Kein gewöhnlicher Krimineller würde sich für einen Mord einen der bestbewachten Orte der Welt direkt am Kreml aussuchen! Dort ist alles mit Kameras gespickt, dort wimmelt es von zivilem und uniformiertem Sicherheitspersonal. Auch die Tatsache, dass die Mörder die Zeugin – die Freundin Nemtsows – am Leben gelassen haben, spricht dafür, dass das kein normaler Mord war. Das heißt nicht, dass Putin direkt den Auftrag gegeben hat. Es kann beispielsweise sein, dass die Täter aus dem Umfeld korrupter Beamter kommen, die Nemzow sehr stark bekämpft hat. Aber die wussten offensichtlich, dass sie sich im Putinschen Russland sicher sein konnten, dass sie für ihre Tat nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Wie war das Verhältnis zwischen Nemzow und dem russischen Präsidenten?

Reitschuster: Putin, der klein und verdruckst ist, ist schon rein optisch das krasse Gegenbild zu Nemzow, der ein fast zwei Meter großer Hüne und Frauenschwarm war. Beim letzten Spaziergang in den Alpen sagte mir Nemzow, er glaube, Putin sei eifersüchtig auf ihn.

War Nemzow bewusst, dass er in Lebensgefahr schwebt?

Reitschuster: Nemzow hat mir selbst gesagt, dass er Angst hatte, umgebracht zu werden. Er hatte Putin bei einem Interview im ukrainischen Fernsehen mit einem der schlimmsten russischen Schimpfworte belegt: „Putin ist gefickt“ – was übersetzt soviel bedeutet wie: Putin sei verrückt. Dieser Tabubruch war Nemwzow im Eifer des Gefechts so rausgerutscht. Nachher sagte er zu mir: „Damit habe ich mein Urteil selbst unterzeichnet.“ Aber Nemzow war ein Draufgänger, der trotz dieser Angst mutig war und meinte: Ich muss tun, was getan werden muss. Wenn er geschwiegen hätte, wäre er heute ein hochbezahlter Kreml-Beamter.

Für Sonntag war ja ohnehin eine Anti-Putin-Demonstration geplant. Durch den Mord an Nemzow bekam diese Demo viel mehr Zulauf. Spricht das nicht für die Unschuld Putins, der einen Märtyrer Nemzow doch nicht brauchen kann?

Reitschuster: Das ist eine sehr westliche Denkweise. In Russland funktioniert das ganz anders! Putin braucht vor einer Straßenrevolution keine Angst zu haben, dafür steckt seit Stalin die Angst viel zu sehr in den Menschen. Wovor Putin allerdings enorme Angst haben muss, ist eine Palastrevolte. Denn die russische Oberschicht hat Putin zum großen Teil satt, weil er ihnen die Geschäfte mit dem Westen verdirbt. Bei dieser Oberschicht wird dieser Mord, egal wer dahintersteckt, ganz klar als Signal wahrgenommen: Es ist gefährlich, Putin zu kritisieren. Die russische Gesellschaft wird von der Angst beherrscht – und Putin spielt virtuos mit diesen Ängsten.

Es wird ja in die Richtung ermittelt, dass Islamisten hinter der Tat stecken könnten, weil sich Nemzow mit Charlie Hebdo solidarisiert hatte ...

Reitschuster: Das ist ein typisches Beispiel für die alte KGB-Taktik, jetzt massenhaft Nebelkerzen zu zünden. Diese Theorie ist ähnlich hanebüchen wie die, es handele sich um einen Liebes-Mord. Ich bin sicher, dass dieser Mord nie aufgeklärt wird. Man wird einen Sündenbock finden, vielleicht sogar den Auftrags-Killer. Aber die Hintermänner werden im Dunkel bleiben.

Haben Sie selbst Angst, wenn Sie in Russland unterwegs sind?

Reitschuster: Ich bekam wiederholt Morddrohungen. Der Hass, der einem jeden Tag, auch in E-Mails aus Deutschland, entgegenschlägt, ist bedrückend. Die Angst ist ein ständiger Begleiter. Aber das stachelt mich umso mehr an, bei meiner Arbeit: Aufklären!

Interview: K. Rimpel

Kreml-Experte Reitschuster schrieb das Buch „Putins Demokratur“ (Econ Verlag, 14,99 €)

Auch interessant

Meistgelesen

Darum musste das Ordnungsamt bei Laschets Wahlparty einschreiten
Darum musste das Ordnungsamt bei Laschets Wahlparty einschreiten
Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern: CDU will weiter mit SPD regieren
Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern: CDU will weiter mit SPD regieren
In Frankreich bahnt sich eine Art "Groko" an
In Frankreich bahnt sich eine Art "Groko" an
Wahl 2017 in den Niederlanden im Ticker: Ministerpräsident Rutte hängt Wilders ab
Wahl 2017 in den Niederlanden im Ticker: Ministerpräsident Rutte hängt Wilders ab

Kommentare