Doktorarbeit der Bildungsministerin

Neue Plagiatsvorwürfe gegen Schavan

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Bildungsministerin Annette Schavan

Augsburg - Bildungsministerin Annette Schavan muss sich gegen neue Plagiatsvorwürfe bei ihrer Doktorarbeit verteidigen. Der Gründer der Internetseite "Vroni-Plag" will Fehler entdeckt haben.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan schweigt zu den neuen Plagiatsvorwürfen im Zusammenhang mit ihrer Doktorarbeit. “Aus Respekt vor der Wissenschaft“ werde sie nicht näher zu den Anschuldigungen äußern, bis die Prüfung der Dissertation durch die Universität Düsseldorf abgeschlossen sei, sagte die CDU-Politikerin am Mittwoch in Berlin. Der Gründer der Internetseite “Vroni-Plag“, Martin Heidingsfelder, wirft der Ressortchefin vor, an deutlich mehr Stellen abgeschrieben zu haben als bislang bekannt.

Anfang Mai war Schavan erstmals mit den Plagiatsvorwürfen konfrontiert worden. Ein anonymer Blogger beschuldigt die Ministerin auf der eigens angelegten Internetseite “schavanplag“, vor 32 Jahren an mehreren Stellen ihrer Doktorarbeit abgeschrieben und Quellen nicht genannt zu haben. Der Titel ihrer philosophischen Arbeit lautet “Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“.

Heidingsfelder will nun weitere Schummeleien entdeckt haben. “Auf über 33 Prozent der Seiten finden sich Plagiate bei Frau Schavan“, sagte er der “Augsburger Allgemeinen“ nach einer Überprüfung der Dissertation. Heidingsfelder gilt als bekanntester deutscher Plagiate-Jäger und wirkte bereits bei der Aufdeckung ähnlicher Vorwürfe gegen mehrere Spitzenpolitiker mit.

Fall Schavan: Auch diese Promis haben abgekupfert

Annette Schavan soll bei ihrer Doktorarbeit getäuscht haben. Die Uni Düsseldorf entzieht ihr am 5. Februar 2013 den Titel. Doch in Politik, Literatur und Musik wird seit jeher abgekupfert, was das Zeug hält. Hier eine Übersicht: © dpa
Im Februar 2011 stürzt der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg über seine Doktorarbeit. Darin hatte er kräftig abgeschrieben. © dpa
Der umstrittene Berliner Rapper Bushido wurde 2010 wegen Urheberrechtsverletzungen gerichtlich verurteilt: Er hatte in 13 Liedern Songfragmente der französischen Gothic-Band Dark Sanctuary ohne Erlaubnis verwendet. © dpa
Die Ex-Brosis-Sängerin und „Dschungelshow“-Teilnehmerin wollte ihre kurzzeitig wiedergewonnene Prominenz mit einem Stimmungslied in klingende Münze umwandeln. „Hol de Radio“ heißt das Traktat. Doch es war der Song eines anderen: Comedian Chris Boettcher. © dpa
In der klassischen Musik sind Plagiate nichts Ehrenrühriges, sondern eine gebräuchliche Stilform. In den Epochen des Barock und der Wiener Klassik wird dies „Parodie“ genannt. Johann Sebastian Bach „veredelte“ fremde Werke und eigene Werke. © ddp
Jungautorin Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“) sah sich im vorigem Jahr mit dem Vorwurf des Plagiats konfrontiert, weil sie umfangreich aus dem Roman „Strobo“ des Berliner Bloggers Airen abgeschrieben hatte. Die 17-Jährige fand das „total legitim“. Immerhin: Sie würdigte den Textlieferanten in den folgenden Auflagen in der Danksagung. © dpa
Auch Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe käme heute in Erklärungsnot, würde man den Schluss seines 1774 erschienenen Briefromans „Die Leiden des jungen Werther“ unter die Lupe nehmen. In der Beschreibung des Endes seines Helden, der sich mit einer Pistole eine Kugel in den Kopf jagte, verwertete Goethe einen Brief seines Wetzlarer Freundes Johann Christian Kestner. © dpa
Als berühmtestes Plagiat der Musikgeschichte gilt derweil „My Sweet Lord“ von Ex-Beatle George Harrison. Das Stück erschien 1970 auf dem Album „All Things Must Pass“. Es klang verdächtig nach dem Titel „He’s so fine“ der US-Mädchenband „The Chiffons“ von 1963. Der Prozess zog sich über viele Jahre hin und endete mit einem Vergleich. © dpa

Er wirft Schavan vor, sie habe nicht nur auf 65 Seiten von anderen Autoren abgeschrieben und nicht korrekt zitiert, sondern unerlaubterweise auch eigene, bereits veröffentlichte Texte übernommen, ohne dies kenntlich zu machen. Heidingsfelder sprach von “Eigenplagiaten auf 55 Seiten der Dissertation“. Insgesamt seien damit auf 110 Seiten der Arbeit Plagiate enthalten.

Die Hochschule, an der Schavan damals promovierte, die Universität Düsseldorf, prüft derzeit, ob an den Anschuldigungen etwas dran ist. Die Arbeit der Kommission wird voraussichtlich Wochen oder sogar Monate in Anspruch nehmen. Nach Angaben der Uni müssen sich die Mitglieder des Gremiums nun sämtliche Literatur beschaffen, die Schavan damals für die Dissertation genutzt hat. Möglicherweise seien einige Bücher auch gar nicht in den örtlichen Bibliotheken verfügbar und müssten erst per Fernleihe beschafft werden.

Schavan fürchtet nicht um ihren Ruf

Die Ministerin sagte, sie selbst habe keine Hinweise, wie lange die Prüfung dauern werde. Die Kommissionsmitglieder in Düsseldorf hätten “die Zeit, die sie brauchen“. Eine Stellungnahme habe die Universität nicht von ihr angefordert, sagte Schavan. Um ihren Ruf in der Wissenschaft ist die Ministerin angesichts der Vorwürfe nicht besorgt, wie sie versicherte.

In den vergangenen Monaten waren mehrere Politiker über Plagiate in ihren Doktorarbeiten gestolpert. Der prominenteste Fall war Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der vom Amt des Verteidigungsministers zurücktrat, nachdem ihm Internet-Nutzer zahlreiche Plagiate nachgewiesen hatten. Schavan hatte damals in einem Interview gesagt, dass sie sich als Wissenschaftlerin, die vor 30 Jahren selbst promoviert habe, “nicht nur heimlich schäme“ für das, was passiert sei.

dapd

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