Im Auftrag seiner Enkel

Norbert Blüm im tz-Interview: Auf der Suche nach Anworten

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Norbert Blüm.

München - So einen wie Opa Norbert Blüm kann man sich eigentlich nur wünschen. Er ist lustig, für seine 79 Jahre noch ziemlich neugierig, und was seine sechs Enkel angeht die perfekte Anlaufstelle für alle Fragen des Lebens. Im tz-Interview verrät Blüm, welche Erkenntnisse er gewonnen hat.

So einen wie Opa Norbert Blüm kann man sich eigentlich nur wünschen. Er ist lustig, für seine 79 Jahre noch ziemlich neugierig, und was seine sechs Enkel angeht die perfekte Anlaufstelle für alle Fragen des Lebens. Die Tatsache, dass er einer der prominentesten Politrentner der Bundesrepublik ist, bringt Blüm aber auch durchaus kritische Fragen in Familie ein. Die Welt, die der Opa, der Jahrzehnte an den Schaltstellen der Macht saß, hinterlassen hat, sei ziemlich marode. Ein Vorwurf, den Blüm ernst nimmt. Für die WDR-Dokumentation Im Auftrag meiner Enkel machte sich der Ex-Politiker auf Entdeckungsreise quer durch die Republik, auf der Suche nach ehrlichen Antworten erkundet er die Zukunft. Im tz-Interview verrät Blüm, welche Erkenntnisse er gewonnen hat.

Herr Blüm, Sie sind sechsfacher Großvater mit Enkeln zwischen elf und 19 Jahren. Werfen die Ihnen wirklich vor, einen Scherbenhaufen hinterlassen zu haben?

Norbert Blüm: Nein. Es handelt sich hier nicht um eine Art Gerichtsverhandlung zwischen den Generationen. Der Film ist der Versuch, die Welt, in der wir leben, den Enkeln zu erklären. Und dabei habe ich festgestellt, dass ich das gar nicht kann. Wenn ich die Dinge so erklären soll, dass sie Kinder und Jugendliche verstehen, dann verstehe ich sie selbst nicht mehr. Wir werden ja täglich eingelullt durch eine Fachterminologie, die um den heißen Brei herumschwätzt.

Geben Sie doch mal ein Beispiel …

Blüm: Es geht zum Beispiel um die simple Frage: Was ist Geld? Klar, da kann man einiges aus dem Lexikon vorbeten, aber dass man mit Geld reicher als mit Arbeit werden kann, lässt sich nur schwer erklären. Porsche hat beispielsweise in einem Jahr drei Milliarden Euro mehr Gewinn als Umsatz erwirtschaftet. Wie das geht, lässt sich leicht erklären: Die haben durch Finanzgeschäfte mehr verdient als durch den Verkauf ihrer Autos. Da fängt doch die Welt an, verrückt zu werden.

Was haben Sie auf Ihrer Reise an der Frankfurter Börse erlebt?

Blüm: Ich habe gestaunt wie ein Kind. Da läuft ein Hochfrequenzgeschäft, bei dem in Millisekunden entschieden wird, wer gerade die Nase vorn hat. Eine Maschinerie, die von autistischen Computern und nicht von Menschen gesteuert wird. Wir verstehen zum Teil selbst nicht mehr, was da abläuft. Dummerweise betrifft das nicht nur mich, sondern, wie ich feststellen musste, auch die Fachleute. Selbst die größten Experten haben ­Probleme, die Mechanismen der Weltwirtschaft zu erklären.

Aber Sie probieren es im Film?

Blüm: Zunächst einmal bin ich durch die Gegend gefahren wie ein tumber Tor, der Fragen stellt. Ich war bei ­Thyssen-Managern, bei Reedern und eben an der Börse, ich habe mit Leuten Nächte verbracht, die ihr Essen aus Müllcontainern beziehen, und hab’ auf fremden Sofas geschlafen.

… um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo wir heute stehen und wie unsere Gesellschaft funktioniert. Wie sieht Ihr Fazit aus?

Blüm: Ich habe den Verdacht, dass die Wahrheit ganz einfach ist. Dass wir uns haben einseifen lassen von all den Wohlstandsversprechen. Dabei gibt es eine alte Wahrheit, die ich gern meinen Enkeln weitergeben würde.

Und wie lautet die?

Blüm: Dass Geld eben doch nicht alles ist. Natürlich ist das ein großväterlicher Rat von vorgestern, aber dumm ist er deshalb nicht.

Jetzt steigen Sie in die Werte-Diskussion ein. Werte, die wir aus den Augen verloren haben?

Blüm: Ich glaube schon. Wir dürfen uns nicht von einer Welt verrückt machen lassen, die mit ungeheurem Imponiergehabe Fortschritt verkündet und dabei gar nicht weiß, wohin er geht. Ich glaube nicht, das Egoismus glücklich macht.

Also Couchsurfing statt Karriere?

Blüm: Vielleicht nicht ganz so radikal – auch wenn so ein Experiment spannend ist. Trotzdem kommt das ­Modell Teilen der Zukunft, die ich mir für meine Enkel wünsche, näher als Haben und Raffen.

Teilen im karitativen Sinne?

Blüm: Nicht nur. Ich meine damit das Leben teilen. Das ist wie in der Liebe: Du gibst und wirst reicher. Das sind alles ganz alte Weisheiten, zu denen ich zurückkehre. Geteiltes Glück ist doppeltes Glück, geteiltes Leid ist halbes Leid. Uns ist der Blick fürs Wesentliche etwas verstellt. Wenn ich Schlagwörter wie Wettbewerbsfähigkeit höre, frage ich mich, ob da nicht ein Mittel zum Ziel stilisiert wird. Wenn alle wettbewerbsfähiger werden, dann ist das so, als wenn sie im Stadion vom Sitzplatz aufstehen, um besser sehen zu können. Wenn alle anderen auch aufstehen, hätten sie auch sitzen bleiben können. So ähnlich ist das mit der Wettbewerbsfähigkeit. In so Situationen gibt es nichts Besseres, als sich dumm zu stellen und auch mal zu ­fragen: Wo soll das hinführen?

Eine Frage, die sich immer mehr Menschen stellen…

Blüm: Ja, ich glaube auch, dass sich eine Trendwende anbahnt. Werte wie Freundschaft, Familie und Heimat werden wieder wichtiger. Sein wird wichtiger als ­Haben. Es wächst eine Generation heran, die beim Tanz ums Goldene Kalb nicht mehr mitmacht.

Sie werden am 21. Juli 80 Jahre alt. Würden Sie noch einmal in die Politik gehen, wenn Sie jung wären?

Blüm: Ja, ich finde bis heute, dass ­Politiker ein schöner und auch spannender Beruf ist. Einer, bei dem man es mit Menschen zu tun hat, in dem man etwas bewegen kann. Auch wenn die Schritte manchmal nur klein sind.

Interview: Astrid Kistner

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