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Corona-Expertenrat fürchtet „explosionsartige Verbreitung“ durch Omikron - „Notfallplan“ soll kommen

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Von: Andreas Schmid

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Corona-Gipfel
Michael Müller, Olaf Scholz und Hendrik Wüst auf dem Corona-Gipfel Anfang Dezember. Am Dienstag (21. Dezember) wollen sie erneut zusammenkommen. © Michael Kappeler/dpa

Die kritische Infrastruktur in Deutschland ist gefährdet, warnt der Corona-Expertenrat. Die Bundesregierung bereitet daher schon erste Notfallpläne vor.

Berlin - Der Corona-Expertenrat der Bundesregierung schlägt Alarm wegen Omikron. In einem Schreiben über die neue Coronavirus-Variante, das IPPEN.MEDIA vorliegt, ist die Rede von „der vierten und bislang stärksten Infektionswelle nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie“.

Durch Omikron droht „extreme Belastung des Gesundheitsytsems und der kritischen Infrastruktur“

Der 19-köpfige Expertenrat, der Kanzler Olaf Scholz* (SPD) und die Bundesregierung in der Pandemiepolitik unterstützt, warnt vor einer „neuen Dimension“ in puncto Pandemiegeschehen. Die Experten sehen „Handlungsbedarf“ bereits für die kommenden Tage. Denn: „Sollte sich die Ausbreitung der Omikron-Variante in Deutschland so fortsetzen, wäre ein relevanter Teil der Bevölkerung zeitgleich erkrankt und/oder in Quarantäne.“

Der Expertenrat befürchtet, dass „das Gesundheitssystem und die gesamte kritische Infrastruktur unseres Landes extrem belastet“ werden wird, sollte sich Omikron weiter so rasant ausbreiten. Mit der kritischen Infrastruktur, kurz KRITIS, sind jene Einrichtungen gemeint, die essenziell für das gesellschaftliche Leben sind. Darunter fallen Berufsfelder wie Krankenhäuser, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Telekommunikation, Strom- und Wasserversorgung sowie die entsprechende Logistik. Der Expertenrat befürchtet zudem „weitere Kollateraleffekte“ in der Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Menschen.

Kritische Infrastruktur gefährdet: Wüst spricht schon von „Notfallplan“

Die Politik dürfe die Augen vor dem drohenden Kollaps im Bereich der KRITIS nicht verschließen. Es brauche bereits „in den kommenden Tagen Vorkehrungen für die ersten Monate des Jahres 2022“. Dabei gehe es auch um die Einbindung von Bundeswehr, THW oder anderen Hilfsorganisationen.

Die Forderung des Expertenrats: „Aktivierungswege und Steuerungsmechanismen müssen kurzfristig verfügbar sein sowie ausreichende Testkapazitäten und Versorgungsketten sichergestellt werden. Die Krankenhäuser müssen eine hinreichende Vorratshaltung von Material und Medikamenten herstellen. Eine schnelle politische Handlungsfähigkeit muss zu jedem Zeitpunkt auch während der Feiertage gewährleistet sein.“

Vieles deutet daher auf eine Art Notfallplan hin. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sprach bereits von einem entsprechenden Szenario für den Fall, dass sehr viele Menschen zeitgleich an Omikron erkranken. „Es muss Notfallpläne geben, um einen stabilen Betrieb fortzusetzen von allem, was Daseinsvorsorge ist“, sagte er im „Morgenmagazin“ der ARD. Als Beispiele nannte er Strom- und Wasserversorgung, die Müllabfuhr und den Gesundheitssektor. Unterstützung im Notfall könnten hier die Bundeswehr und das Technische Hilfswerk leisten. Die Einsatz- und Arbeitsfähigkeit der Bundeswehr sei derzeit „absolut gewährleistet“, sagte ein Regierungssprecher am Montag.

Bezogen auf das Gesundheitssystem arbeitet die Bundesregierung aktuell offenbar bereits erste Notfallpläne aus. Wie die Bild berichtet, werden aktuell entsprechende Reservepläne vorbereitet für den Fall, dass Pflegekräfte durch Omikron ausfallen. Es müsse sichergestellt werden, dass das Gesundheitssystem nicht zum Erliegen komme.

Die neue Variante vereint mehrere ungünstige Eigenschaften.

Positionspapier des Corona-Expertenrates der Bundesregierung.

Corona-Expertenrat spricht von „explosionsartiger Verbreitung“ durch Omikron

Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen scheint die Omikron-Variante weitaus ansteckender zu sein. „Omikron zeichnet sich durch eine stark gesteigerte Übertragbarkeit und ein Unterlaufen eines bestehenden Immunschutzes aus“, schreibt der Expertenrat. „Dies bedeutet, dass die neue Variante mehrere ungünstige Eigenschaften vereint. Sie infiziert in kürzester Zeit deutlich mehr Menschen und bezieht auch Genesene und Geimpfte stärker in das Infektionsgeschehen ein.“

Es drohe eine „explosionsartige Verbreitung“, wie man an anderen Ländern wie Niederlande, Dänemark, Norwegen oder insbesondere Großbritannien gesehen habe. „Auch wenn in dieser frühen Phase der Omikronwelle die Krankheitsschwere nicht abschließend beurteilt werden kann, steigt die Hospitalisierung in Hotspots wie London bereits deutlich an.“

Corona-Expertenrat: Kontaktbeschränkungen unausweichlich

Die Omikronwelle erreicht Deutschland in einer ohnehin bereits angespannten Phase. „Neben einer konstant hohen Zahl von Covid-19-Patienten mit starker Belastung, insbesondere der Intensivbereiche, ist die Versorgung der nicht-Covid Erkrankten bereits in Teilen eingeschränkt. Schwerwiegende Verluste im Personalbereich der Krankenhäuser sind eingetreten und werden weiter zunehmen.“ Der Expertenrat warnt eindringlich, dass sich die Lage verschlechtern könnte und spricht von einer „neuen Qualität der Pandemie“.

Im Expertenrat, in dem unter anderem die Virologen Christian Drosten und Hendrick Streeck vertreten sind, sitzen auch Modellierer. Ihre Prognose: „Die in Deutschland angenommene Verdopplungszeit der Omikron-Inzidenz liegt aktuell im Bereich von etwa zwei bis vier Tagen. Durch die derzeitig gültigen Maßnahmen ist diese Verdoppelungszeit im Vergleich zu England zwar etwas langsamer, aber deutlich schneller als bei allen bisherigen Varianten.“

Der Expertenrat plädiert daher für eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen. Es brauche zügig Anpassungen der geltenden Regeln, etwa im Bereich Kontaktreduzierung. „Laut der mathematischen Modelle kann eine Überlastung des Gesundheitssystems und die Einschränkung der kritischen Infrastruktur nur zusammen mit starken Kontaktreduktionen eingedämmt werden.“ Am Dienstag soll Deutschlands Corona-Kurs an Weihnachten und Silvester bei einem kurzfristig einberufenen Gipfeltreffen zwischen Bund und Ländern diskutiert werden. Schon jetzt zeichnen sich Einschränkung ab - auch für Geimpfte. (as) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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