NRW: Dioxin-Herkunft geklärt

Berlin - Die Quelle für das Dioxin im Tierfutter scheint drei Wochen nach dem Bekanntwerden des Skandals gefunden. Chemiker in NRW sind der Herkunft wohl auf die Spur gekommen.

“Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit stammt das Dioxin aus Vorstoffen, die zur Biodieselproduktion dienen“, sagte Nordrhein-Westfalens Agrarminister Johannes Remmel (Grüne) am Freitag auf der Grünen Woche in Berlin. Dabei würden Altfette wie Frittierfett gereinigt und destilliert. Remmel bezog sich auf neue Ergebnisse des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts (CVUA) in Münster. Die Futtermittelhersteller wollen ihr Kontrollsystem verbessern.

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“Ein Entwurf ist in Arbeit für einen erweiterten Prüfplan für Futterfette“, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Verbandes Tiernahrung, Bernhard Krüsken. Die Mindesthäufigkeit der Kontrollen sei offensichtlich nicht hoch genug. Der Verband distanzierte sich vom Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch in Schleswig-Holstein, der wegen der Vermischung von Futter- und Industriefett als Auslöser des Skandals gilt. Die Branche zeigte sich offen für eine erweiterte Zulassungspflicht, aber skeptisch gegenüber einer Meldepflicht von Testergebnissen und der Veröffentlichung überhöhter Grenzwerte im Internet. Dies sind Forderungen aus dem 14-Punkte-Plan von Bund und Ländern.

Aigner will Dioxin-Aktionsplan schnell umsetzen

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) will den Aktionsplan möglichst schnell in die Tat umsetzen. “Ich habe schon den ersten Teil in die Ressortabstimmung gegeben. Wir werden das Schritt für Schritt zügig umsetzen“, sagte Aigner bei ihrem traditionellen Rundgang auf der Grünen Woche. Die Messe öffnete am Freitag für Besucher. Die Veranstalter erwarten bis 30. Januar rund 400 000 Besucher. Mehr als 1600 Aussteller aus 57 Ländern präsentieren ihre Produkte und Dienstleistungen.

Bei diesen Lebensmitteln wird geschummelt

Pesto Basilico (Buitoni) ohne 100 Prozent Pesto (Pesto alla genovese). Stattdessen Olivenölanteil laut Zutatenliste unter zwei Prozent, minderwertiges Cashewkernpulver statt Pinienkernen (unter zwei Prozent) und kostengünstiger Hartkäse ersetzt zu Dreiviertel den Wert gebenden Pecorino. © Verbraucherzentrale Hamburg
Hähnchenschnitten Wiener Art (Vossko-Tiefkühlkost) - es fehlt Hähnchenschnitzel aus einem Stück gewachsenem Fleisch. Stattdessen: Verschnitt von kleinen Stücken aus Hähnchen- und Putenfleisch. © Verbraucherzentrale Hamburg
Mucci Vanilleeis (Aldi Nord) ohne echte Vanille und 100 Prozent Milchfett. Stattdessen: überwiegend synthetisches Vanillin und Kokosfett. © Verbraucherzentrale Hamburg
Bio-Vollkorn-Toastbrötchen (Proback); ohne Vollkorntoast-Brötchen mit Vollkornmehl hergestellt. Statt 90 Prozent Vollkornmehl im Mehlanteil wie in den Leitsätzen für Brot gefordert, sind im Produkt nur 60 Prozent enthalten; gestreckt wird mit Weizenmehl, gefärbt mit Gerstenmalzsirup. © Verbraucherzentrale Hamburg
Surimi-Garnele ohne echte Garnele. Stattdessen: Krebsfleischimitat aus Fischmuskeleiweiß geformt. © Verbraucherzentrale Hamburg
Fol Epi Nuss, Fromageries Rambol (mit Bild von Käse auf der Packung). Die sogenannte Schmelzkäsezubereitung besteht nur zu 65 Prozent aus Käse, ist zusätzlich mit Zusatzstoffen wie Schmelzsalzen (E452, E339: Phosphate) und Aromen versetzt. Bei Käse ist dies nicht erlaubt. © Verbraucherzentrale Hamburg
Du darfst Putensalat mit Joghurtdressing (Unilever) ohne Putenfleisch. Enthalten sind zusammengefügte Fleischreste: Das Fleisch im Produkt besteht nur zum Teil aus gewachsenem Putenfleisch, dazu kommt Form-Putenfleisch und das noch billigere Form-Hähnchenfleisch. © Verbraucherzentrale Hamburg
Combi Weiß in Salzlake 50 Prozent Fett (EfeFirat Feinkost) mit Bild eines Schafskäses auf der Packung. Tatsächlich enthalten sind billiges Pflanzenfett statt Milchfett und Magermilch aus Kuhmilch statt Schafsmilch. © Verbraucherzentrale Hamburg
Mini Keks Bolde „Schoko“ (Biscuits Delacre) - es fehlt Schkoladenfüllung im Keks. Stattdessen: Kakaocremefüllung mit billigem Schokoladenimitat, das u.a. aus fettarmem Kakaopulver (3,7%), Zucker und gehärtetem Pflanzenfett hergestellt wird. © Verbraucherzentrale Hamburg
Wasabi-Erdnüsse (Lorenz) - es fehlt Wasabi (japanischer Meerrettich). Geschmack: Spirulina-Konzentrat, Aroma, Geschmacksverstärker und Farbstoff, Algenkonzentrat. © Verbraucherzentrale Hamburg
Meeresfrüchte Cocktail mit Krebsfleischimitat (Kaufhof) ohne 100 Prozent Meeresfrüchte wie Muscheln, Garnelen, Tintenfische etc. Produkt ist mit billigem Surimi (Krebsfleischimitat aus Fischmuskeleiweiß) gestreckt. © Verbraucherzentrale Hamburg

Das Bundesagrarministerium und das niedersächsische Ressort haben keine Erkenntnisse über eine Ausweitung des Skandals. Die “Berliner Zeitung“ berichtete unter Berufung auf Messergebnisse des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), dass Harles & Jentzsch in viel größerem Ausmaß als bislang bekannt dioxinbelastete Fettsäuren ausgeliefert haben soll.

Das niedersächsische Agrarministerium erklärte, die Behörde habe alle Untersuchungsergebnisse zu Fettlieferungen veröffentlicht. An der bisher festgestellten Menge an verseuchtem Futterfett (2400 Tonnen) und dem Zeitraum, in dem die Lieferungen stattfanden, habe sich nichts geändert.

Nordrhein-Westfalen gab am Freitag die letzten gut 40 gesperrten Bauernhöfe wieder frei. “Wir haben keine Erkenntnisse über Produkte, die belastet in den Handel gegangen sind“, sagte Remmel. Nach Angaben des Abteilungsleiters im NRW-Agrarministerium, Peter Knitsch, wurden in dem Bundesland bei Eiern drei dioxinbelastete Proben entdeckt sowie eine bei Legehennenfleisch.

Trotz des Dioxin-Skandals wollen die meisten Bundesbürger keine Konzentration auf die Bio-Landwirtschaft. In einer Emnid-Umfrage für den Nachrichtensender N24 forderten nur 21 Prozent der rund 1000 Befragten eine möglichst weitreichende Umstellung auf Öko- Landwirtschaft. 76 Prozent wollen mehr Förderung der konventionellen Landwirtschaft, um möglichst günstige Lebensmittelpreise zu haben.

Die Kleinbauern in Ostdeutschland fordern ein Ende der “agroindustriellen Tierhaltung“ im Osten. Der Dioxinskandal und ein Fall von Antibiotika in Tierfutter in Sachsen-Anhalt zeigten, dass die arbeitsteilige Produktion ein Irrweg sei, sagte der Präsident des Deutschen Bauernbundes, Kurt-Henning Klamroth.

An diesem Samstag wollen mehr als 120 Organisationen aus ganz Deutschland in Berlin eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft fordern. Unter dem Motto “Wir haben es satt! Nein zu Gentechnik, Tierfabriken und Dumping-Exporten“ hat das Bündnis aus Bauern, Tierschützern und Lebensmittelunternehmen zur Demonstration aufgerufen. Die Veranstalter erwarten rund 5000 Teilnehmer.

dpa

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