Nach langem Schweigen will sie reden

Zschäpe, zeig' endlich dein wahres Gesicht!

+
Beate Zschäpe schwieg bislang durchgehend im NSU-Prozess.

München - Es bahnt sich eine Sensation im NSU-Prozess an. Denn: Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe will in den kommenden Tagen aussagen - erstmals nach 247 Verhandlungstagen.

Es soll die Sensation im NSU-Prozess werden! Am Mittwoch will Beate Zschäpe (40) erstmals am Oberlandesgericht aussagen – nach 247 Verhandlungstagen. Sie ist die Hauptangeklagte der mutmaßlichen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), der zehn Morde, zwei Bombenanschläge und mehr als ein Dutzend Banküberfälle zur Last gelegt werden.

Mitte November wurde ihre Aussage bereits kurzfristig verschoben. Und am Montag beinahe wieder: Zschäpe erlitt einen Zusammenbruch im Knast. Trotzdem soll jetzt ihr Tag der Wahrheit kommen!

In unserem Ticker erfahren Sie alle Neuigkeiten zum NSU-Prozess.

Rund eine Stunde lang will Verteidiger Mathias Grasel am Mittwoch am OLG eine Erklärung für Beate Zschäpe verlesen. „Diese Erklärung wird sich mit allen angeklagten Punkten beschäftigen, und wir werden da auf jeden einzelnen Punkt eingehen“, sagte er. Konkret werde es darum gehen, was Zschäpe gewusst habe und in welche Taten sie verwickelt gewesen sei. „Schweigen ist nicht mehr die richtige Strategie ist“, sagte Grasel. „Das entspricht im Übrigen auch dem ursprünglichen Wunsch von Frau Zschäpe.“ Sie wollte angeblich bereits seit ihrer Verhaftung im März 2011 aussagen.

Auf Fragen des Gerichts wird Wahlverteidiger Hermann Borchert antworten – Zschäpe soll nicht sprechen. Den Nebenklägern räumt sie kein Fragerecht ein.

Der Prozess könnte nun viel länger als gedacht dauern, denn die Beweisaufnahme galt als nahezu abgeschlossen. Bislang war das Urteil für Frühjahr oder Sommer 2016 geplant. Jetzt muss das Gericht prüfen, ob Zschäpes Aussagen stimmen und welchen Wert sie haben. Die Hoffnung bleibt, dass jetzt die Wahrheit ans Licht kommt. Und Beate Zschäpe ihr wahres Gesicht zeigt!

Die NSU-Braut

Ganz Europa wird auf die 40-jährige Beate Zschäpe schauen, wenn sie im NSU-Prozess aussagt. Als einzige Überlebende des mutmaßlichen Terrortrios ist sie die zentrale Hauptfigur. Über ihr eigenes Leben ist dagegen wenig bekannt, seit sie 1998 gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in den Untergrund abtauchte.

Zur Welt kam sie am 2. Januar 1975 in Jena. Ihre Mutter studierte Zahnmedizin und wurde während eines Auslandsaufenthaltes in Bukarest schwanger, ihren Vater hat Zschäpe nie kennengelernt. Um die kleine Beate kümmerte sich die Familie eines Freundes, später die Großmutter. Sechsmal soll Zschäpe bis zum 15. Lebensjahr umgezogen sein. Es ist eine kalte Kindheit, die sie tief prägt.

Zschäpe legt die mittlere Reife ab, wird dann Malergehilfin. 1991 lernt sie Uwe Mundlos kennen, der schon damals als rechtsextrem galt.

Später ist Zschäpe dann mit Böhnhardt zusammen. Mit ihm soll sie bereits mehrfach straffällig geworden sein. Gemeinsam besucht das Trio Neonazi-Aufmärsche und taucht später in Chemnitz und Zwickau unter – 13 Jahre lang, bis sie 2011 auffliegen. Mundlos und Böhnhardt erschießen sich. Zschäpe stellt sich nach vier Tagen auf der Flucht und steht seit Mai 2013 vor Gericht.

Die Mordopfer

Zehn Menschen wurden Opfer der rechtsextremen Taten.

Kaltblütig erschossen, bei Bombenanschlägen verletzt – die Opfer der NSU-Verbrechen hatten massive Verletzungen und kaum eine Überlebenschance bei den abscheulichen Verbrechen. Acht türkisch- und einen griechischstämmigen Migranten hatten die Terroristen im Visier, außerdem wurde die junge Polizistin Michele Kiesewetter aus Thüringen ermordet.

Besonders leiden mussten die Familien aber auch wegen der andauernden Verdächtigungen durch die Polizei. Denn 2006, fünf Jahre vor dem Auffliegen des NSU, wurden die Terrortaten noch als „Dönermorde“ bezeichnet. Erst später kam die Wahrheit ans Licht.

In München gab es mit Theodoros Boulgarides und Habil Kilic zwei Opfer. Boulgarides († 41) war Grieche und Mitinhaber eines Schlüsseldienstes an der Donnersbergerbrücke. Er wurde am 15. Juni 2005 in seinem Geschäft erschossen, das erst zwei Wochen zuvor eröffnet hatte.

Habil Kilic († 38) besaß einen Obst- und Gemüseladen in Ramersdorf, dort wurde er am 29. August 2001 erschossen. Das Motiv in beiden Fällen: Ausländerhass. Beide wurden aus nächster Nähe ermordet.

Die neuen Anwälte

Zschäpes neuer Anwalt: Mathias Grasel (r.)

Auch Mathias Grasel (31) wird nun im Rampenlicht stehen, seit Juli Zschäpes vierter Verteidiger. Sein Jura-Examen legte er in München ab, war Referendar am Oberlandesgericht, hat als Strafrechtler aber kaum Prozesserfahrung. Im Gegensatz zu Hermann Borchert, der als Wahl-Verteidiger nur teilweise im Gericht auftritt.

Ihren bisherigen Pflichtverteidigern Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm vertraut Zschäpe nicht mehr. Mit dem Trio, das sie seit Prozessbeginn vertrat, spricht sie seit Monaten nicht, Zschäpe hatte sie sogar wegen des angeblichen Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht angezeigt.

Mitte November hatten Heer, Stahl und Sturm sogar ihre Entpflichtung beantragt. Ihre Verteidigungslinie hatten auf Aussage-Verweigerung beruht – mit Grasel und Borchert geht sie nun aber in die Offensive. Dass beide Zschäpe allein weiterverteidigen, ist unwahrscheinlich, weil sie große Teile des Prozesses verpasst haben. Das könnte Zschäpe als Revisionsgrund anführen.

Das Terror-Netzwerk

Zehn Morde, zwei Bombenanschläge, 15 Raubüberfälle. Diese Taten werden dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) vorgeworfen. Mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sind zwei mutmaßliche Täter bereits tot. Hauptbeschuldigte vor Gericht ist Beate Zschäpe (40). Neben ihr sind vier weitere Männer angeklagt. Ralf Wohlleben ist Ex-Funktionär bei der NPD und gilt als Schlüsselfigur für das Untertauchen von Zschäpe. André E., ein besonders extremer Rechter, soll ein Vertrauter des Terrortrios gewesen sein – ebenso wie Holger G., der auch eine Waffe und einen Pass beschafft haben soll. Carsten S. soll Beihilfe zu Morden geleistet haben. Er gestand und befindet sich im Zeugenschutzprogramm.

auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Trump radiert an "Day One" bereits Obamas Erbe aus
Trump radiert an "Day One" bereits Obamas Erbe aus
US-Presse sagt Donald Trump den Kampf an
US-Presse sagt Donald Trump den Kampf an
USA ziehen sich aus Handelsabkommen TPP zurück
USA ziehen sich aus Handelsabkommen TPP zurück
Millionen protestieren gegen Trump - Präsident greift Medien an
Millionen protestieren gegen Trump - Präsident greift Medien an

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion