2. Tag im NSU-Prozess

Die widerliche Show der Nazi-Zwillinge

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André E. vor Gericht

München - Am 2. Tag des NSU-Prozesses sorgten vor allem André E. und sein Zwillingsbruder Maik E. für Gesprächsstoff, etwa mit einem Stinkefinger.

Es ist ganz klar eine Inszenierung. Ein stummes Zeichen der braunen Solidarität für die Freunde unten auf der Anklagebank. Auf die Angehörigen und Beobachter dagegen wirkt diese demonstrativ zur Schau getragene Verbundenheit wie eine einzige, ärgerliche Provokation.

Das Tattoo von André E.

Und so geht der Ärger am zweiten Prozesstag gleich draußen vor der Tür schon los: Beim Betreten des Gerichtsgebäudes zeigt Maik E. – Zwillingsbruder des Angeklagten André E. (33) – der internationalen Presse mit grimmiger Mine den Stinkefinger. Sein Outfit: Braune Turnschuhe und ein T-Shirt der Hard-Rocker AC/DC. Deren Markenzeichen – die stilisierte Rune – wirkt an diesem Ort auf ganz böse Weise zweckentfremdet. Als der angeklagte Bruder André E., später den Gerichtssaal betritt, trägt er das gleiche T-Shirt und sorgt dafür, dass seine tätowierten Finger mit den Schriftzügen „Frei“ und „Heit“ von den Fotografen nicht übersehen werden.

Zurückhaltung dagegen auf den hinteren Bänken. Holger G. (38) und Carsten S. (33) verbergen sich wie gehabt hinter Aktendeckeln bzw. unter dem Kapuzenpulli. Ralf Wohlleben (38) nimmt still in der Mitte Platz. Und dann kommt sie, die mutmaßliche Rechts-Terroristin Beate Zschäpe (38), angeklagt wegen zehn Morden in Mittäterschaft, 15 bewaffneten Raubüberfällen, zwei Nagelbombenanschlägen und Brandstiftung. Wieder nutzt sie die große Bühne, diesmal im mausgrauen Hosenanzug, zartrosa Bluse, silbernes Kleeblatt-Kettchen, die langen Haare zum Zopf gebunden. Noch sehr viel artiger geht’s nicht. Was den Grünen-Politiker Mehmet Kilic später zu der giftigen Anmerkung veranlasste: „Sie kümmert sich sehr um ihr Aussehen und ob sie gut ins Bild kommt. Ich glaube, sie will nach diesem Prozess eine Karriere in Hollywood machen.“

NSU-Prozess geht weiter: Bilder vom zweiten Verhandlungstag

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Der Nebenkläger-Raum wirkt leer. Von den ehemals annähernd 90 Angehörigen sitzen nur noch sieben neben ihren Anwälten. Ausdruck der maßlosen Enttäuschung über den des Prozessverlauf, der sich auch am Mittwoch wie erwartet zunächst in Anträgen und kurzen Scharmützeln zwischen dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl und den Zschäpe-Verteidigern Heer, Sturm und Stahl verlor. Eine Kostprobe: Anwalt Wolfgang Heer zum Richter: „Ich beabsichtige nicht, hier jedes Mal ums Wort zu bitten.“ Antwort von Götzl: „Das werden Sie aber müssen. Die Sitzungsgewalt liegt bei mir.“

Ein langatmiger Antrag, der auf Unterbrechung und Verlegung der Hauptverhandlung an einen geeigneteren Ort zielt, wird nach der Mittagspause abgewiesen. Begründung von Richter Götzl: „Das Gerichtsverfassungsgesetz sagt nicht, dass jedermann jederzeit in den Saal kommen muss.“ Ab 15.35 Uhr wird dann doch noch die 35 Seiten starke Anklage verlesen – ohne eine erkennbare Reaktion der Angeklagten.

Dorita Plange

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