Opferentschädigung: Kirche wille eigenen Wege gehen

Berlin - Vor einem Jahr erschütterten Fälle sexuellen Missbrauchs die Republik. Die katholische Kirche will die Opfer nun entschädigen. Doch: Der Runde Tisch der Regierung droht zu einer Farce zu werden.

Der Runde Tisch zur Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle droht zu einer Farce zu werden: Die katholische Kirche kündigte am Mittwoch an, zunächst eigene Wege bei der Entschädigung der Opfer gehen zu wollen. Als Grund führte sie an, der vor einem Jahr eingesetzte Runde Tisch der Bundesregierung komme mit seiner Arbeit nicht voran. “Wir verstehen die wachsende Ungeduld der Betroffenen“, erklärte die Deutsche Bischofskonferenz in einer Pressemitteilung. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und die Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann, freut das wenig: Sie streben gemeinsame Fondslösungen an.

Opfern, die zum Zeitpunkt des Missbrauchs minderjährig waren, sollen nach dem Vorschlag der Kirche bis zu 5000 Euro Entschädigung bekommen. Zudem ist die Kirche bereit, die Kosten für eine Psychotherapie oder Paarberatung zu übernehmen. Auch will sie einen Präventionsfonds schaffen und mit 500 000 Euro ausstatten. Die Opfervertretung “Eckiger Tisch“ hatte durchschnittlich rund 80 000 Euro pro Betroffenen gefordert. Die Gruppe besteht aus ehemaligen Schülern des Berliner Canisius-Kollegs, wo der Missbrauchsskandal vor einem Jahr öffentlich gemacht wurde.

Der Runde Tisch hat sich bislang nur am Rande mit dem Thema Hilfen und Entschädigung beschäftigt. Die in dem Gremium zusammengefassten 60 Teilnehmer aus Politik, Kirchen und Verbänden warten vor allem auf Vorschläge von Bergmann, die täglich mit Opfern zu tun hat, die sich über Telefon oder schriftlich an sie und ihr Team wenden.

Zwar schließt die Kirche eine Beteiligung an Modellen, die noch am Runden Tisch erarbeitet werden, nicht aus: “Unsere jetzige Vorgehensweise bedeutet keine Absage an möglicherweise vom Runden Tisch noch zu entwickelnde Lösungen.“ Allerdings könnten nun weitere Institutionen abspringen. Kocht aber jede Einrichtung ihr eigenes Süppchen, besteht die Gefahr, dass Opfer höchst ungleich behandelt werden. Zudem blieben dann die Opfer von Missbrauchsfällen, die sich innerhalb von Familien abspielten, sehr wahrscheinlich außen vor. Dabei war der Runde Tisch ausdrücklich angetreten mit dem Ziel, sich auch um Missbrauchsfälle in Familien zu kümmern.

Und auch bei einer Fondslösung gibt es noch viele offene Fragen: Wer soll sich mit wie viel Geld beteiligen? Kommt der Staat auch mit ins Boot? Welches Opfer bekommt nach welchen Kriterien Geld? Geht es um Geld für Prävention, oder um Hilfen für Beratungen und Therapien der Opfer? Betroffene fordern laut Bergmann vor allem bessere und zeitnahe Beratungs- und Hilfeangebote. Nach den Erfahrungen ihrer Anlaufstelle ist sexueller Missbrauch keine Randerscheinung der Gesellschaft. “Wir müssen davon ausgehen, dass Missbrauch in nahezu jeder Einrichtung und in vielen Familien stattfindet“, sagt Bergmann. Das unterstreiche die gemeinsame Verantwortung.

Opfer kritisieren das Angebot der katholischen Kirche als unzureichend. Aber eine gemeinsame Lösung des Runden Tisches ist auch noch nicht in Sicht. Bislang ziehen die Beteiligten des Gremiums bei diesen heiklen Themen jedenfalls nicht an einem Strang. Die katholische Kirche deutete an, nicht an einem Fonds zur Zahlung von Beratungsangeboten interessiert zu sein - denn hier gebe es ja bereits innerkirchliche Regelungen. Nicht nur vielen Opfern, sondern auch dem Runden Tisch droht somit die Zeit davonzulaufen: Ende des Jahres soll er seine Arbeit abschließen.

dpa

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