Erhöhtes Anschlagsrisiko: Sonderschutz für Touristen

Washington - Nach dem Tod von Osama bin Laden warnen Sicherheitsbehörden weltweit vor Vergeltungsschlägen durch Al-Kaida. In Ägypten wurden Touristen bereits unter Sonderschutz gestellt.

Der Tod des Al-Kaida-Chefs Osama bin Laden könnte aus Sicht des Terrorexperten Prof. Werner Ruf zu Terroranschlägen überall auf der Welt führen. “Es könnte sein, dass es zu einem Aufschrei unter fanatischen Islamisten kommt und zu vermehrten Anschlägen“, sagte Ruf am Montag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Diese Racheakte würden wohl vor allem US-Einrichtungen treffen.

Ruf war von 1982 bis zu seinem Ruhestand 2003 Professor für Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Kassel.

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Diplomatische US-Vertretungen in Alarmbereitschaft

“Ein toter Bin Laden ist besser als ein gefangener“, sagte Ruf auf die Frage, welche Konsequenzen eine Gefangennahme des Terroristenführers für die USA gehabt hätten. Wäre Bin Laden vor ein Gericht gestellt worden, hätte er in einem öffentlichen Prozess auch “Unannehmlichkeiten für die USA ans Licht bringen können“, sagte Ruf: “Mit einem Toten lebt sich's besser.“ Inwieweit der Tod Bin Ladens das Terrornetzwerk Al-Kaida schwäche, bleibe abzuwarten, sagte Ruf. “Die Frage ist, ob Al-Kaida derart straff organisiert ist. Das bezweifle ich.“ Es gebe zwar kriminelle Organisationen, die Al-Kaida zugerechnet würden - “ob das dann religiös motiviert ist, ist zweifelhaft“. Der Tod bin Ladens könne aber zu einer weiteren Zersplitterung führen. Er gehe davon aus, dass Bin Laden zuletzt nicht mehr die Bedeutung gehabt habe wie zuvor. Der Zeitpunkt der Tötung Bin Ladens könne auch mit innenpolitischen Themen in den USA zu tun haben. “Auf jeden Fall stärkt es (US-Präsident Barack) Obama“, sagte Ruf.

Bayern überprüft Sicherheitslage

In Bayern wird nach dem Tod von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden die Sicherheit von US-Einrichtungen überprüft. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte am Montag in München: “Die Gefahr von Racheakten islamistischer Attentäter wächst.“ Deshalb werde der Schutz von amerikanischen Einrichtungen im Freistaat in Absprache mit den USA verstärkt, wenn dies erforderlich sei.

Herrmann betonte zugleich, die US-Operation gegen bin Laden sei “ein großer Erfolg im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus“. Die Gefahr von Anschlägen in Deutschland sei jedoch “nach wie vor groß“. Deshalb müssten die Anti-Terror-Gesetze auf jeden Fall verlängert werden.

AA rät bei Auslandsreisen zu erhöhter Vorsicht

Nach dem Tod von Osama bin Laden hat das Auswärtige Amt am Montag die Deutschen bei Auslandsreisen zu erhöhter Vorsicht aufgerufen. Die Vereinigten Staaten hatten zuvor ihre Staatsbürger vor möglichen Racheakten gewarnt. Nach Angaben des AA ist nicht auszuschließen, dass auch andere westliche Einrichtungen und Bürger davon betroffen sein könnten. Die entsprechenden Reisehinweise des Amts sollten entsprechend aktualisiert werden.

Vor der US-Botschaft in Berlin waren am Montag keine verschärften Sicherheitsvorkehrung erkennbar. Vor dem Botschaftsgebäude am Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor konnten Touristen flanieren wie an jedem anderen Tag. Die Sicherheitsvorkehrungen an der US-Vertretung sind jedoch immer sehr streng. Ob jetzt zusätzliche Maßnahmen getroffen wurden, wollte Botschaftssprecher Bruce Armstrong auf Anfrage nicht kommentieren.

Interpol warnt vor Al-Kaida-Vergeltungsschlägen

Die internationale Polizeiorganisation Interpol warnt nach der US-Kommandoaktion gegen Osama bin Laden vor einem erhöhten Anschlagrisiko. Die Sicherheitsbehörden der 188 Interpol-Mitgliedstaaten seien zu besonderer Wachsamkeit aufgerufen, ließ Generalsekretär Ronald K. Noble am Montag in Lyon mitteilen. Der meistgesuchte Terrorist der Welt sei tot, aber dies sei nicht gleichbedeutend mit dem Untergang von Al-Kaida.

Die Terrornetzwerk könnte nach Einschätzung von Interpol mit neuen Gewalttaten beweisen wollen, dass es trotz des Tods von Bin Laden weiter existiert. “Sie werden mit den Terroranschlägen in aller Welt weitermachen“, prognostizierte Noble. Der Kampf gegen Terroristengruppen müsse fortgesetzt werden.

Extra-Schutz für Touristen nach Tod von Bin Laden

Die ägyptische Polizei hat nach dem Tod von Al-Kaida-Anführer Osama bin Laden ihre Patrouillen in den Touristenzentren des Landes verstärkt. Ein Sprecher der Polizei in Oberägypten sagte am Montag: “Für uns ist es Routine, dass wir in solchen Situationen zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen treffen.“ Die Einsatzkräfte in Luxor und Umgebung seien in Alarmbereitschaft versetzt worden. Auch die Tempel und Ausgrabungsstätten würden stärker als sonst bewacht.

Konkrete Hinweise auf mögliche Racheakte islamistischer Terroristen gegen Ausländer lagen der ägyptischen Polizei nicht vor. Terroristen hatten 1997 in einem Tempel in der Nähe von Luxor 62 Menschen getötet - darunter 58 Touristen. Die Sicherheitsmaßnahmen, die nach diesem Blutbad getroffen worden waren, sind zum Teil auch heute noch in Kraft.

"Bedeutung darf nicht überschätzt werden"

Auch Sicherheitsexperten in Großbritannien gehen davon aus, dass das Terrornetzwerk Al-Kaida nach dem Tod seines Anführers Osama bin Laden “ohne Zweifel zurückschlägt.“ Der Triumph der Amerikaner könne zu ernsten Vergeltungsmaßnahme führen. Organisationen in aller Welt müssen nun voraussichtlich ihre Sicherheitsmaßnahmen aufstocken, sagte John Gearson vom Institut für Terrorismusstudien am Londoner Kings College. “Ich glaube, die Bedeutung dessen, was geschehen ist, kann nicht überschätzt werden“, sagte Gearson. “Ich erwarte, dass Botschaften und Militärstützpunkte in aller Welt für einige Zeit in hoher Alarmbereitschaft sein werden“, betonte er.

Man müsse damit rechnen, “dass Al-Kaida sehr wohl demonstrieren will, dass sie immer noch stark und im Spiel ist“, sagte der Wissenschaftler. Die größte Gefahr aus Gearsons Sicht ist mittelfristig, dass die USA ihren Fokus verlieren, dass sie sich zurücklehnen und damit den Überbleibseln von Al-Kaida eine Gelegenheit bieten, sich neu zu ordnen und wieder stärker zu werden. “Al-Kaida wird ein großes Sicherheitsanliegen bleiben“, sagte Gearson. Der frühere Kommandeur der britischen Truppen in Afghanistan, Oberst Richard Kemp, sagte der BBC: “Ich glaube, das ist auf keinen Fall das Ende von Al-Kaida. “Sie werden versuchen, sich zu erholen, sie werden ohne Zweifel versuchen zurückzuschlagen in irgendeiner Form.“ Er hält Al-Kaida jedoch für nicht in der Lage, einen großen Anschlag wie 2001 in New York und Washington zu verüben. ´

dpa/dapd

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