Beide Reden in der Analyse

David Ude gegen Goliath Seehofer

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Kontrahenten: Ministerpräsident Horst Seehofer (l.) und sein Herausforderer Christian Ude.

München - Die Partteitage von CSU und SPD in Bayern wurden von den Auftritten von Ministerpräsident Horst Seehofer und dem nun offiziellen Herausforderer Christian Ude geprägt. Wir haben die Reden verglichen.

Als die SPD seinen Herausforderer kürte, wollte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) am Sonntag erstmal einen Schnaps trinken – nicht vor lauter Aufregung, sondern als Abschluss eines Mittagessens mit der Familie in Ingolstadt, sagte er der tz. „Bestimmt nicht!“ wollte der Amtsinhaber den den Nürnberger Parteitag der Sozialdemokraten und die Kür von Münchens OB Christian Ude beachten. „Ich werde mich mit allem beschäftigen – nur nicht mit Politik.“ Motto: Nicht einmal ignorieren.

Umso mehr rackerten die Roten und schwenkten Fahnen mit „Genau! Ude.“ Einen elf Monate langen „Höllenritt“ bis zur Wahl kündigte SPD-Landeschef Florian Pronold an, einen „Kampf gegen das große Geld und die Arroganz der Macht“. CSU-Chef Horst Seehofer sei der „schnellstdrehende Wetterhahn Deutschlands“, kommentierte er die CSU-Wende in der Euro-Krise. Ude gab sich siegesbewusst – trotz der Umfragen, wonach das Dreierbündnis aus SPD, Grünen und Freien Wählern bei 38 Prozent steht und die CSU von der Alleinherrschaft träumen kann: „Umfragen kann man kaufen, Wahlen nicht.“

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Während Christian Ude die SPD mit einer kämpferischen Rede auf Wahlkampftemperatur brachte, heizte Horst Seehofer seine eigene Nachfolgediskussion an. Er wolle zwar noch fünf Jahre in der Verantwortung stehen, dann aber eine „organische Lösung“ für sein Erbe vorbereiten: „Es gibt drei, vier, fünf Nachfolgekandidaten“, erklärte der CSU-Chef und nannte erstmals Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner, Sozialministerin Christine Haderthauer, Finanzminister Markus Söder, Innenminister Joachim Herrmann - „und der fünfte ist der Joker“.

Nach der Wahl wolle Seehofer Karl-Theodor zu Guttenberg fragen, „was er für politische Ambitionen hat“. Der Joker sei aber offen und könne wechseln. Elf Monate vor der Landtagswahl haben sich die Parteien in Stellung gebracht: Die SPD mit Angriff, die CSU mit Verteidigung des Erreichten.

Wir analysieren das Auftreten der politischen Kontrahenten Christian Ude und Horst Seehofer.

Udes Reden-Analyse

Der Auftritt

Christian Ude beim Parteitag der bayerischen SPD in Nürnberg

Keine Hymne und kein Pomp: Der OB steigt einfach aufs Podium. „Mein Name ist Christian Ude“, sagt er. „Ich bin seit 22 Jahren mit befristeten Verträgen bei der Stadt München beschäftigt und ich bemühe mich jetzt um einen Aufstieg beim Staat.“ Den ersten Lacher hat er auf seiner Seite. Ganz demütig steht er da, ganz Genosse unter Genossen, inklusive roter Krawatte. Die Ärmel krempelt er nicht auf, das Sakko bleibt an, Ude redet ruhig bis zum Schluss. Fast wie im Stadtrat.

Die Attacken

Weite Teile seiner Rede arbeitet sich Ude an der CSU ab – wobei er Ministerpräsident Seehofer nicht namentlich nennt. Macht-Arroganz wirft er der Partei vor. Für sie sei Bayern nur ein Erbhof. In Wahrheit regiere sie mit „Skandalen, Affären und serienmäßigem Machtmissbrauch“. Die CSU habe jede Orientierung verloren: „Die Kehrtwende ist zu ihrer typischen Fortbewegungsart geworden.“

Die Pointen

Anders als sonst strotzt Udes Rede nicht vor Witzen und Sprüchen. Das würde wohl nicht zu dem Staatsmann passen, der da auf der Bühne steht und bayerischer Ministerpräsident werden will. „Es geht nicht um eine Person, sondern darum, dass die bayerische SPD es wirklich ernst meint.“

Die Themen

„Genau hier. Genau heute. Genau Ude!“, steht auf der Bühne. Ude-Show? Es wäre leicht gewesen, jetzt den Heilsbringer zu geben, den Revoluzzer, der die Staatspartei nach Jahrzehnten aus den Palästen vertreibt, indem er die Bayern mit Verheißungen lockt – Ude tut das nicht. „Wir versprechen kein Schlaraffenland“, sagt er – sondern nur Verbesserungen, die er auch halten will. Da taucht auf der Bühne der Schriftzug auf: „Eine Politik, die Wort hält.“

Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Wahrheit: Um diese Vokalbeln drehen sich weite Teile seiner Rede. Ude will sie nicht nur für die SPD wieder herstellen, sondern für die ganze Politik, sagt er. Freilich tut er das mit Verweis auf die CSU – auf Fehler, miese Bilanzen und falsche Versprechen. Seit der Bundestagswahl habe die Union die Steuern nicht wie angekündigt gesenkt, außerdem werde Bayern garantiert nicht bis 2030 schuldenfrei, dafür würden die staatlichen Wohnungen verhökert.

Da brauche die SPD den Streit um die Themen nicht zu fürchten: Ein konkretes Programm führt Ude nicht aus, das werde die ganze Partei bis Mai nächsten Jahres abliefern. Der Kandidat liefert nur einige Grundsätze: „Bayern ist ganz unbestreitbar ein Land mit Stärken – aber auch ein Land im Ungleichgewicht.“ Er wolle gegen die Landflucht kämpfen – gegen die Zentralisierung, für Ausgleich. Dazu brauche es neben Jobs auch Kinderbetreuung und Gemeinschaftsschulen.

In drei Bereichen nannte der SPD-Kandidat konkrete Absichten: Bei der Bildung sollen die Studiengebühren weg. Bei der Arbeit werde Ude mit dem Freistaat im Bund für Mindestlöhne und gegen den Missbrauch der Leiharbeit kämpfen. Bei der Energie will er die Öko-Wende zu Ende bringen. „Wir wollen kein anderes Bayern, aber wir wollen Bayern sozialer und gerechter, demokratischer machen.“

Die Reaktionen

Mit seiner 77-minütigen Rede reißt Ude die Genossen buchstäblich nicht aus den Sitzen. Aber sie unterbrechen ihn immer wieder mit Applaus, schwenken Ude-Schals, Ude-Fahnen, und eine Art Ude-Pappteller. Aber die Genossen belohnen ihn mit einem Traumergebnis: Von 289 Delegierten stimmt nur einer gegen ihn – 99,7 Prozent für Ude!

Seehofers Reden-Analyse

Der Auftritt

Seehofer präsentiert sich nicht als pöbelnder Parteichef, sondern als seriöser Ministerpräsident: Vor seiner Rede lässt er einen Film über die Einheitsfeiern am 3. Oktober in München abspielen. Er trägt dunklen Anzug mit einer blassen schwarz-grau-blau-weiß-gestreiften Krawatte. Er strahlt Ruhe aus, redet über weite Strecken mit der linken Hand in der Hosentasche, die er nur im Notfall herausholt. Er belehrt die Delegierten gerne mit zum „O“ geformten Daumen und Zeigefinger.

Die Attacken

Herausforderer Christian Ude erwähnt Seehofer mit keiner Silbe. Stattdessen schießt er lieber gegen andere Bundesländer und gegen den SPD-Kanzlerkandidaten: „Peer Steinbrück hat in drei Jahren als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen mehr Schulden gemacht als Bayern in 60 Jahren!“ Seehofers Kurz-Analyse: „Überall, wo Sozialdemokraten regieren, geht es den Menschen schlechter.“ Mit seinem Satz, dass Deutschland natürlich weiter für die Euro-Rettung zahlen müsse, habe sich Steinbrück entlarvt: „Da lebt die vereinigte linke Internationale wieder auf: Schuldenmacher aller Länder, vereinigt euch!“

CSU-Parteitag: Hier spricht der Chef

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Wenn der Berliner Klaus Wowereit seine Stadt „arm, aber sexy“ nenne, stelle Bayern mit Blick auf die Klage gegen den Finanzausgleich entgegen: „Wir sind solidarisch, aber nicht dumm.“ Und überhaupt, die Berliner: „Die können ja nicht einmal einen Flughafen bauen!“ So kündigte Seehofer an, im Landtag über die Finanzausgleichsklage abstimmen zu wollen: „Ich möchte mal sehen, wo die Patrioten sitzen!“ Und überhaupt, ergänzt Seehofer unter großem Applaus: „Mit mir wird es keine islamischen Feiertage geben.“ Wer Bayern liebe, müsse für die CSU sein.

Die Pointen

Seehofers auffallend rar gesäte Humor­attacken gehen zulasten von Kirche, Kindern und CSU-Kandidaten: „Bei Anwesenheit von Bischöfen sage ich: Bayern ist zwar nicht das Paradies, aber die Vorstufe zum Paradies.“ Über sich und seine Kinder, die munter Betriebswirtschaft studierten, sagt er ironisch: „Das hätte ich mir als Herz-Jesu-Sozialist einst nicht träumen können.“ Eine andere Pointe kommt allerdings nicht so gut an: „Ich sitze oft stundenlang im Landtag. Das soll jetzt kein Mitleid erregen.“ Umso bitterer klingt das Lachen in der Halle beim Satz: „Die Ilse Aigner geht das Abenteuer ein, sich in meine Nähe zu begeben nach München.“

Die Themen

Seehofer gibt lieber den Mahner statt den Macker. Auch angesichts der guten Umfragewerte solle die Partei „bürgernah und ohne Überheblichkeit“ sein. „Wir üben keine Herrschaft aus, sondern leisten Dienst für die Menschen und unser Land.“

Seehofer stellt sich als der bessere Sozialdemokrat dar, nicht nur weil er selbst aus einem Arbeiterhaushalt komme, wo jede D-Mark zweimal umgedreht worden sei. Schließlich glänze seine Regierung vor allem bei Bildung und Familie: „Ich habe 13 Prozent Krippenplätze übernommen, jetzt haben wir fast 40 Prozent.“ Und nirgendwo sonst seien Frauen „berufstätiger“ als in Bayern. Und er mahnt, auch Arbeitslosen beim Thema Geld zu vertrauen: „Es gibt auch Kinderliebe in Hartz-IV-Haushalten!“

Kanzlerin Merkel beim CSU-Parteitag

Kanzlerin Merkel beim CSU-Parteitag

Das Thema der Gerechtigkeit deutet Seehofer mit Blick auf die Staatsverschuldung: „Es gibt nicht nur die Frage von Arm und Reich. Es gibt auch Gerechtigkeit zwischen Heute und Morgen.“ Die CSU hinterlasse dem Land Chancen statt Schulden: „Vermeidung von Schulden, Rückzahlung von Altschulden, gleichzeitig Vorsorge für die Beamten-Pensionen: Das gibt es nur in Bayern.“

Seehofer fordert „Ruhe an der Bildungsfront“. Immerhin habe der Freistaat bei 13 von 15 Bildungsvergleichen den 1. Platz gewonnen, weil er nicht auf Gleichmacherei setze. Seehofers Zusammenfassung: „Diese CSU ist bärenstark und sie ist wieder da. Das müssen wir in den nächsten Tagen hinaustragen.“

Die Reaktionen

Seehofer erhält für seine 84 Minuten lange Rede 51 Mal Applaus, davon vier Mal länger als fünf Sekunden und sieben Lacher. Den Schluss-Beifall bricht er nach 1,5 Minuten ab: „Letzter Befehl: Applaus einstellen, stehen bleiben, Bayernhymne, Deutschlandlied!“

David Costanzo, Walther Schneeweiß

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