Ex-Kanzlerkandidat: "Ich war etwas blind"

Steinbrück rechnet mit sich und der SPD ab

+
Der Ex-Kanzlerkandidat der SPD arbeitete seine Niederlage bei der Wahl 2013 in einem Buch auf. „Vertagte Zukunft“ (Hoffmann & Campe, 22 Euro) erscheint am Mittwoch.

Berlin - Peer Steinbrück hat die Gründe des enttäuschenden Abschneidens der SPD bei der Wahl 2013 analysiert. Die tz fasst zusammen, was er sich selbst und anderen vorwirft.

Seit dem Abend der Bundestagswahl 2013 hat man wenig vom gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück gehört. Der 68-Jährige, immer noch Abgeordneter, hat die Zeit genutzt, die Gründe des enttäuschenden Abschneidens der SPD und seinen eigenen Anteil daran zu analysieren. Eine wesentliche Erkenntnis: „Meine Kandidatur war ein Fehler.“ Er habe sich selbst überschätzt und die Befindlichkeit der Bürger falsch eingeschätzt: „Ich war etwas blind.“ Das Gesamtresultat der ausführlichen (Selbst-)kritik ist ab Mittwoch, 11. März, in Buchform nachzulesen. In "Vertagte Zukunft" nimmt Steinbrück auch die bisherige Bilanz der GroKo unter die Lupe, insbesondere das Agieren seiner Partei. Die tz fasst zusammen, was Peer Steinbrück sich selbst und anderen vorwirft.

Selbstkritik und fataler Start

Peer Steinbrück konstatiert rückblickend, er habe eine unzutreffende Vorstellung von seiner Popularität in der Bevölkerung gehabt. Als Ex-Finanzminister der vorherigen großen Koalition habe er, u. a. durch sein Buch Unterm Strich, „ziemlichen Zuspruch auf öffentlichen Veranstaltungen“ erfahren, erklärt er im aktuellen Spiegel diese Einschätzung. Monatelang vor September 2012 die „SPD-Troika“ aus der der Kanzlerkandidat hervorgehen sollte. Nachdem Frank-Walter Steinmeier in einem Hintergrundzirkel seinen Verzicht auf die Kandidatur hatte durchblicken lassen, kam es am 28. September 2012 zur „Sturzgeburt“. Steinbrück: „Damit waren alle Schleusentore geöffnet, und ich musste schwimmen, bevor ich mir auch nur eine Badehose anziehen konnte.“ Gleich anschließend folgte die Diskussion über die Vortragshonorare – für die es keine „Sprachregelung“ gegeben habe. Von der „Beinfreiheit“, die sich der Sozi mit oft eigenen Vorstellungen für eine Kandidatur auserbeten hatte, konnte keine Rede mehr sein. „Ich musste nahe an die SPD heranrücken, und plötzlich war Steinbrück nicht mehr Steinbrück.“

Falsche Einschätzung der deutschen Befindlichkeit

Plakate der Kanzlerbewerber im Sommer 2013.

Im Nachhinein erkannte Steinbrück, es sei falsch gewesen, dass die SPD den Eindruck vermittelte, „das Land stehe am Abgrund und bestehe aus einer Ansammlung von Opfern“, wenn 75 Prozent der Bundesbürger recht zufrieden mit der Situation im Lande waren. Die Kanzlerin „als Mutter aller deutschen Porzellankisten traf genau diese Stimmungslage der Republik“. Im Frühjahr 2013, schreibt der Ex-Kandidat, sei die Wahl verloren gewesen. Es war vorherzusehen, dass ein Bündnis mit den Grünen niemals eine Mehrheit bekommen könnte. „Da können Sie nur noch in Würde zu Ende spielen.“ Miese Umfragen seien durch „straffe Körperhaltung, Dauerlächeln und die ständige Wiederholung von Sprechblasen“ überspielt worden. Ein SPD-Problem sei auch eine „gewisse Verklemmung gegenüber dem Erbe der Agenda 2010“.

Die SPD in der GroKo

Der GroKo wirft Steinbrück viel „Halbzeug“ vor. Seiner SPD gibt er den Rat: „Wenn ihr nur den Koalitionsvertrag abarbeitet, landet ihr in einer Verwaltungsgemeinschaft.“ Die SPD müsse Zukunftsfragen „befeuern“. „Da dürfen auch mal die Fetzen fliegen. Dann mischen sich die Bürger ein.“ Er breitet sein ganz persönliches Regierungsprogramm für eine „selbstzufriedene Republik“ aus, etwa für ein besseres Steuersystem und für viel mehr Geld für die marode Infrastruktur. Auf eine Frage des Spiegel antwortet Steinbrück: „Nein, ich träume nicht davon, Kanzler zu sein, weiß Gott nicht.“

BW

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

V-Mann soll Anschläge forciert haben - auch im Fall Amri? 
V-Mann soll Anschläge forciert haben - auch im Fall Amri? 
Kunst und Musik für Kinder: Bildung der Eltern entscheidend
Kunst und Musik für Kinder: Bildung der Eltern entscheidend
Steuerfahnder-Affäre: Schweizer könnte Bewährung bekommen
Steuerfahnder-Affäre: Schweizer könnte Bewährung bekommen
Steinmeier appelliert: RAF-Täter sollen ihr Schweigen brechen
Steinmeier appelliert: RAF-Täter sollen ihr Schweigen brechen

Kommentare