Syrien-Krieg: 46 Tote bei Anschlag in Türkei

Scholl-Latour: "Das ist ein Flächenbrand"

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Peter Scholl-Latour

München - Die türkische Stadt Reyhanli ist nach der Explosion von zwei Autobomben schwer getroffen. 46 Menschen sind gestorben. Im tz-Gespräch erklärt Nahost-Experte Peter Scholl-Latour, wie er die Lage bewertet.

Es ist, als wäre der Krieg über die Grenze gekommen: Die türkische Stadt Reyhanli ist nach der Explosion von zwei Autobomben schwer getroffen. Die belebte Hauptstraße gleicht einem Trümmerfeld, 46 Menschen sind gestorben. Die Armee schickt Verstärkung in das Grenzgebiet.

Für die türkische Regierung ist die Frage nach den Schuldigen klar: Die Spuren des Anschlags in Reyhanli wiesen nach Syrien. Neun türkische Staatsbürger wurden als Verdächtige festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, die Tat geplant und die Autos beschafft zu haben. „Wenn es bewiesen ist, dass (der syrische Präsident Baschar) al-Assad verantwortlich ist, werden wir das Nötige tun“, so der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bülent Arinc.

Jüngst hat Ankara die Vorwürfe an die Adresse Assads nochmals verstärkt. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte Washington zum Handeln auf: die von den USA gezogene rote Linie zum Einsatz von Chemiewaffen sei von Syriens Regime längst überschritten. Im tz-Gespräch erklärt Nahost-Experte Peter Scholl-Latour, wie er die Lage bewertet.

 

Wer steckt Ihrer Ansicht nach hinter den Anschlägen in der Türkei?

Peter Scholl-Latour, Autor und Orientexperte: Man hat es jetzt furchtbar eilig, diesen Anschlag sofort der syrischen Regierung in die Schuhe zu schieben. Ich stelle mir aber die Frage „Cui bono?“ – wem nützt dieser Anschlag? Die syrische Regierung hat nun wirklich das geringste Interesse daran, dass die Türkei in den Konflikt hineingezogen wird. Wenn die Türkei drei Divisionen auf Marsch nach Süden setzt, sind die in einer Woche in Damaskus. Vor diesem Hintergrund halte ich die These, dass Aufständische hinter diesem Anschlag stecken könnten, für sehr viel wahrscheinlicher.

Was wäre denn das Ziel der Aufständischen?

Scholl-Latour: Man will die Türkei provozieren, militärisch gegen Syrien vorzugehen. Und dass der türkische Ministerpräsident Erdogan sofort alles der syrischen Regierung in die Schuhe schiebt, ist nur schwer nachzuvollziehen. Der Anschlag nützt den Aufständischen und schadet der syrischen Regierung.

Was treibt Erdogan dazu?

Scholl-Latour: Erdogan hat natürlich seine eigenen Probleme. Er will sich zum Staatspräsidenten wählen lassen und die Verfassung ändern, um die Vollmachten des Staatspräsidenten erweitern zu lassen. Dafür braucht er eine Zwei-Drittel-Mehrheit, deshalb macht er im Moment Konzessionen an die Kurden.

Die USA halten sich in Syrien immer noch stark zurück …

Scholl-Latour: Na Gott sei Dank! US-Präsident Barack Obama lässt sich bisher nicht von den Kriegsheulern vereinnahmen. Eine militärische Intervention der USA mit Truppen am Boden wird es, wie übrigens auch in Libyen, nicht geben. Und eine Flugverbotszone würde zu erheblichen Reibungen mit Russland führen. Die Russen verlangen lediglich, dass bei Verhandlungen auch die Assad-Regierung vertreten ist – was ja auch normal erscheint.

Welche Chancen geben Sie solchen Friedensverhandlungen?

Scholl-Latour: Da stellt sich ja schon die Grundfrage, wer überhaupt die Aufständischen vertreten soll? Sind das die Exil-Politiker, die sich seit 20 Jahren ein gutes Leben im Ausland geleistet haben oder sind es die Leute, die an Ort und Stelle gekämpft haben? Das ist an erster Stelle nicht die Freie Syrische Armee, die ein ziemlich zerrütteter Haufen ist, sondern es sind die Islamisten, die bereit sind zu sterben.

Fast 50 Tote bei Bombenanschlag in Türkei

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Wäre eine verstärkte Bewaffnung der Rebellen eine Wiederholung der Fehler der Vergangenheit?

Scholl-Latour: Bisher haben die Europäer da zum Glück die Finger von gelassen. Wer die Rebellen aber massiv bewaffnet, sind Saudi-Arabien und Katar, die über die Türkei und Jordanien Waffen ins Land bringen.

Wie lässt sich der syrische Konflikt lösen?

Scholl-Latour: Ich sehe da überhaupt keine Lösung, im Gegenteil: Die Lage verschlimmert sich stetig. Dass sich Israel jetzt auch noch eingemischt hat, halte ich nicht gerade für der Weisheit letzten Schluss. Wir reden immer von einem drohenden Flächenbrand, dabei ist der Flächenbrand längst da! Ich war vor Kurzem im Irak bei den Großajatollahs, dort können Sie ohne Schutz nicht mehr von Karbala nach Bagdad reisen. Bagdad ist eine weit gefährlichere Stadt als Kabul mittlerweile. Das einzig sichere Land in der Region ist der Iran.

Wohin steuert die Region?

Scholl-Latour: In Syrien erleben wir einen nackten Überlebenskampf. Den Alawiten droht, wenn sie von der Opposition wirklich niedergewalzt werden, nicht einfach der Verlust ihrer Privilegien und ihrer Position, sondern sie werden umgebracht.

Interview: Marc Kniepkamp

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