Politik-Experte im tz-Interview

Wird der Kaukasus-Terror international?

München - Uwe Halbach, Tschetschenien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin spricht im tz-Interview über die Gefahren, die immer wieder aus dem schwelenden Kaukasus-Konflikt entsehen.

Bedeuten tschetschenische Täter, dass der Anschlag auf den Marathon von Boston einen islamistischen Hintergrund hat?

Uwe Halbach, Tschetschenien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin: Im Moment ist natürlich noch alles Spekulation. Aber wenn sich die tschetschenische Spur bestätigen sollte, ist ein islamistischer Hintergrund wahrscheinlicher als ein Zusammenhang mit der tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung. Auch in Syrien sollen in geringer Zahl Tschetschenen gegen Assad kämpfen, die einen religiös-sunnitischen Hintergrund haben. Nach dem zweiten Tschetschenienkrieg 1996 hatte sich die nationale Unabhängigkeitsbewegung, die anfangs kaum religiös motiviert war, in Richtung Dschihad, heiliger Krieg, gewandelt. Dieser Dschihad griff dann im Nordkaukasus über Tschetschenien hinaus. Auch im globalen Dschihad treten Tschetschenen zusammen mit Untergrundkämpfern anderer Nationalität in Erscheinung, spielen in diesem Zusammenhang aber keine herausragende Rolle.

Der Hauptfeind der tschetschenischen Aufständischen war bislang ja Russland. Warum nun die USA?

Halbach: Wir wissen noch nicht, ob sich die Täter von Boston irgendeiner Organisation oder Bewegung zuordnen. 2007 wurde im Nordkaukasus ein Kaukasisches Emirat ausgerufen, geleitet vom ehemaligen Untergrundpräsidenten Tschetscheniens, Doku Umarow. Es richtet seine Kampfansage zwar in erster Linie gegen Russland, aber auch gegen die „Ungläubigen“ schlechthin. Das hat sich gezeigt bei Anschlägen auf den internationalen Teil des Flughafens von Domodjedowo im Januar 2011 mit 35 Toten. Russische Medien spekulieren derzeit über mögliche Anschläge auf die Olympiade in Sotschi 2014. Es ist also nicht auszuschließen, dass ein Terrorismus tschetschenischer oder nordkaukasischer Provenienz die internationale Bühne sucht.

Wie gefährlich ist dieses kaukasische Emirat?

Halbach: Die Zahlenangaben über die bewaffneten Kämpfer schwanken beträchtlich, es ist also schwer einzuschätzen, wie stark das militärische oder terroristische Potenzial dieser Gruppierung tatsächlich ist. In erster Linie treten sie mit Propaganda im Internet auf. Aber Anschläge in Russland zeigen, dass sie durchaus in der Lage sind, Terror außerhalb des Kaukasus zu verbreiten.

Wie ist die derzeitige Lage in Tschetschenien?

Halbach: Die Hauptstadt Grosny ist im Vergleich zu den Kriegsjahren kaum wiederzuerkennen: Es wurden prächtige Kulissen in der bis vor kurzem noch zerbombten Stadt errichtet, um einen Eindruck von Wiederaufbau und Modernisierung zu vermitteln. Der regierende Autokrat Ramsan Kadyrow stellt zwar Putin-Ikonen in Grosny aus, hat aber Tschetschenien mittlerweile effektiver aus der Oberherrschaft Russlands herausgelöst, als es die militanten Separatisten je geschafft hätten. Es gibt dort zwar immer noch Kämpfe und Tote, aber es bildet nicht mehr das Epizentrum von Gewalt im Nordkaukasus.

Interview: Klaus Rimpel

Rubriklistenbild: © dpa-mm

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