„Wir haben daraus gelernt“

Politischer Aschermittwoch 2019: Polter-Pause am Passauer Stammtisch

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Mehr Ernst, weniger Attacke: Markus Söder (mit vorübergehendem Dreitagebart) bei seiner Rede in Passau.

Leiser und ernster als sonst, mit einem klar pro-europäischen Kompass, tritt die CSU-Spitze beim Aschermittwoch auf. Sogar die SPD wird geschont. Parteichef Söder attackiert nur die AfD wirklich grob.

Passau – Bei der CSU herrscht Ordnung in der Anarchie. Nach den Auftritten sollen begeisterte Zuhörer die Hallenbühne stürmen, die Redner umrahmen, am besten spontan. Damit da nix schiefgeht, hat die Partei ein wenig vorgesorgt: Die Junge Union wurde mit T-Shirts und Kapuzenpullis eingekleidet, bekam eigens gedruckte Jubelschilder, und sicherheitshalber wurde jeder mit Name und Geburtsdatum bei der Polizei angemeldet. Man soll es ja nicht übertreiben mit der Spontaneität.

Der Bühnensturm gelingt, Dutzende Plakate „Ein Bayer für Europa“ sind im richtigen Moment im Blickfeld der Kameras. Fürs Fernsehpublikum entsteht ein Eindruck von Euphorie. Nur wer genau hinschaut in die Gesichter der Protagonisten, liest anderes darin: ein kleines Stück Erschöpfung, ein großes Stück Erleichterung, dass dieser Aschermittwoch problemlos über die Bühne gegangen ist. Markus Söder, der Ministerpräsident, nimmt in einem unbeobachteten Moment einen riesigen Schluck aus dem vorher unberührten Bierkrug und schiebt eine Wurstsemmel hinterher.

Politischer Aschermittwoch: Söder hat sich grobe Töne abgewöhnt

Es ist ein schwieriger Auftritt in der nüchternen Passauer Messehalle, den sich die zwei Herren teilen. Manfred Weber, der Europa-Spitzenkandidat, will keine ruppige, scharfe Rede halten, wie sie das Publikum spätestens nach der ersten Maß am Vormittag so liebt. Auch Parteichef Söder hat sich grobe Töne abgewöhnt, will als verbindlicher Landesvater auftreten. Die Grundstimmung ist weniger aggressiv als früher, was an der 37-Prozent-Klatsche bei der Landtagswahl liegen dürfte. Selbst die Transparente an der Hallenwand, von der CSU-Zentrale gedruckt, sind seltsam moderat. „Wir. Ihr. Passt“, hängt da. Und: „Mia san mia. Wer sonst?“ Das klingt nach etwas zweifelnder Selbstvergewisserung. Am Hochamt der Konservativen ist sonst mehr Maulheldentum unterwegs.

Klare Ansage. Die Basis tat am politischen Aschermittwoch mit Plakaten und Schildern ihre Unterstützung kund.

Weber liegt genau das fern. Er tritt mit höflichem Lächeln auf die Bühne. Ein paar Takte redet er über sich, sogar sehr selbstbewusst. „Ich will, ich kann, ich werde Kommissionspräsident werden“, ruft er. Europa müsse „aus der Mitte, nicht von linken und rechten Dumpfbacken“ geführt werden. Dann aber hält der Niederbayer in seiner Heimat eine Anti-Aschermittwochsrede, genau das Gegenteil von Kraftmeierei.

Über „tiefsitzenden Hass auf dem Kontinent“ spricht er, über den Irrsinn des Krieges. Er wirbt dafür, kontingentiert und befristet „Menschen aus dem Bombenterror in Syrien“ zu holen, erklärt einen „Marschallplan für Afrika“ und sein großes Ziel eines europäischen Kampfes gegen den Krebs. Sanft brandet da Beifall in der Halle auf, eher ehrlich als orchestriert. Für Weber ist der Auftritt wichtig, ein von Dutzenden internationalen Journalisten beobachteter Stimmungstest vor der Wahl im Mai, ob er mit proeuropäischen Positionen das Herz der tief Konservativen erreicht. So wie Strauß, der Europa als Zukunft propagierte. Die CSU hat da speziell mit dem Gauweiler-Anti-Europa-Wahlkampf 2014 einige Steilkurven hingelegt (und bereut).

Aschermittwoch der CSU: Ekstase, Gesänge und Sprechchöre wie früher?

Manfred Weber wird herzlich beklatscht, nicht euphorisch. Es ist auch alles ein bisschen viel an Werbung, die Weber-Plakate, 3000 Schals, die Weber-Lebkuchenherzen, die bedruckte Schokolade und am Ende die Brezen in W-Form. Klar ist aber: Ihn trägt Sympathie durch den Vormittag. Die CSU, in den Vorjahren vom Söder-Seehofer-Machtkampf belastet, bemüht sich um ein geschlossenes Bild. „Es ist eine Manfred-Wahl, eine Schicksalswahl“, sagt Markus Söder, als er auf die Bühne tritt und ohne Wenn und Aber für Weber wirbt: „Wir sind nicht bereit, Europa Nationalisten, Populisten oder Extremisten zu überlassen.“

News-Ticker zum politischen Aschermittwoch: Söder und Weber im Attacke-Modus - AfD mit Rundumschlag

Söder weiß, dass er jetzt nicht nur in Moll und Pathos weitermachen kann, ein bisschen poltern muss er. Drei Gegner greift er sich heraus. Schroff wie nie attackiert er die AfD, unter begeistertem Echo in der Halle. Er ruft gemäßigt Konservative auf, sich von der Partei abzuwenden. „Kehrt zurück und lasst die Nazis in der AfD allein“, donnert er, ein Satz, der es in alle Hauptnachrichten schafft. Ein bisschen reibt sich Söder an den Grünen, schließt eine Zusammenarbeit wegen der Flüchtlingspolitik aus.

Politischer Aschermittwoch in Bayern: Manfred Weber und Markus Söder werden herzlich beklatscht, aber nicht euphorisch.

Und: Deutlicher attackiert er, ohne sie zu nennen, CDU-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Die Truppe müsse dringend besser geführt werden. „Es ist peinlich, wenn man schneller Ersatzteile beim Schrotthändler bekommt als bei der Bundeswehr.“ Grobheiten gegen die SPD unterlässt er, abgesehen von Kritik an expandierenden Sozialausgaben.

Auch Söder wird lauter beklatscht als nur pflichtschuldig. Die Halle geht mit, wenn er – ganz Passau-untypisch – über Artenschutz spricht („Rettet die Bienen – aber rettet auch die Landwirte“). Oder wenn er noch mal Demut anklingen lässt nach der Wahl. „Man kommt schneller runter als rauf. Wir haben im letzten Jahr manches falsch gemacht. Aber wir haben daraus gelernt.“

Ekstase, Gesänge und Sprechchöre wie früher? Nein. Ein leiserer Aschermittwoch. Auch die bunten, kantigen Figuren, die sonst die Halle beleben, sind stiller. Hier und da stehen Strauß-Puppen auf den Tischen oder ein Stoiber-Wimpel. Mancher Stimmungsmacher wird schwer vermisst: Andreas Spreng, auf dessen Plakate sich jedes Jahr die Fotografen stürzten, hat diesmal nur eine kleine Faltpappe „Weber for president“ dabei; seine Frau ist schwerst erkrankt und kann erstmals nicht an seiner Seite sein. Nur ein anderer, Hans Haag, hat ein großes Schild gebastelt: „CSU ist top!!!“ Er fordert von den Rednern „kräffdigge Addaggen“ – aber im Fürther Dialekt klingt auch das eher freundlich.

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