Politischer Aschermittwoch

Sigmar Gabriel verspottet FJS-Veteranen der CSU

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SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel war gestern Hauptredner in Vilshofen.

Vilshofen - Die Koalition mit der Union hemmte am Aschermittwoch das Schwarzen-Bashing der SPD empfindlich. Dennoch blieb genug Spielraum, um kräftig über die Franz-Josef-Strauß-Veteranen zu lästern und zu sticheln.

Die SPD war schon immer stolz, dass sie den politischen Aschermittwoch in Vilshofen, dem wahren Geburtsort des Polit-Spektakels, abhält. Hier gibt’s die Polit-Show seit 96 Jahren, hier hielt Franz Josef Strauß im Wolferstetter Keller seine ersten Mammutreden, ehe die CSU in die weit größere Nibelungenhalle umzog. Und seit 1962 müht sich hier die SPD in der niederbayerischen Diaspora ab. Doch diesmal war der Stolz besonders groß: Erstmals nach 36 Jahren durfte mit Florian Gams wieder ein SPD-Bürgermeister den Aschermittwoch eröffnen – und er verwies gleich spöttisch darauf, dass in Passau bei der CSU ein Ex-Ministerpräsident, also „die Vergangenheit“ rede, in Vilshofen jedoch „die Zukunft“.

Nun, auf die Zukunft hat die SPD in Bayern schon ziemlich oft vergeblich gehofft. Die Gegenwart ist ein SPD-Vize-Kanzler einer Koalition mit der Union – und dieses Bündnis hemmt natürlich das übliche Aschermittwochs-Schwarzen-Bashing empfindlich.

Gabriel lästert über CSU-Veranstaltung: "Gedenkveranstaltung mit Veteranen-Reden"

Auch die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten bremsten die Lust auf Polemik sichtlich: „Der Humor bleibt einem im Hals stecken“, wie es der Hauptredner Sigmar Gabriel formulierte. Den größten Applaus bekam der SPD-Chef denn auch für seine Passage zum Ukraine-Krieg, als er Helmut Schmidt zitierte: „100 Stunden verhandeln ist besser als eine Minute schießen.“ Gabriel betonte, dass die Bundesregierung trotz des Bruchs der Minsker Vereinbarungen durch die prorussischen Separatisten weiter dabei bleibe, sich nicht an Waffenlieferungen an die Ukraine zu beteiligen. „Wir kommen aus dieser Krise nicht heraus, wenn wir aus dem Krieg in der Ukraine einen um die Ukraine machen.“ Die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz habe fast wieder den alten Namen „Wehrkundetagung“ verdient, da sich etliche Teilnehmer sichtlich über die Rückkehr zum Kalten Krieg zu freuen schienen, so Gabriels Eindruck.

Weil der Koalitionspartner ja geschont werden muss, wandte sich auch Gabriel wie die CSU in Passau der Vergangenheit zu: Dort sei der Aschermittwoch in diesem Jahr ja eine „Gedenkveranstaltung mit Veteranen-Reden“ zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß. „Strauß ist der Letzte, den ich meinen Kindern als Vorbild vorstellen würde“, wetterte Gabriel und erinnerte daran, dass der CSU-Übervater Verständnis für die Apartheid in Südafrika und für Diktatoren gehabt habe sowie an Filz und Günstlingswirtschaft unter der FJS-Herrschaft.

"Bei Strauß ging es wenigstens noch um Schützenpanzer, heute geht es nur noch um Spielzeugautos"

„Bei Strauß ging es wenigstens noch um Schützenpanzer, heute geht es nur noch um Spielzeugautos“, so verband der beste Redner dieses roten Aschermittwochs, SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher, FJS-Vergangenheit mit Seehofer- und Haderthauer-Skandalen der Gegenwart. Rinderspacher musste anders als Staatssekretär Pronold und Vize-Kanzler Gabriel keinerlei Rücksicht nehmen auf die Schwarzen. Und so geißelte er mit Wonne die CSU, die „heute in Passau eine Abschieds-Sause feiert, den Anfang vom Ende von Horst Seehofer“. Und die CSU grabe für diese Feier ausgerechnet Edmund Stoiber aus, für dessen Landesbank-Desaster Bayern noch immer täglich eine Million Euro an Zinsen zahle. Insgesamt habe die Landesbank so viel Steuergeld verschlungen, dass, „wenn man die Euro-Scheine nebeneinanderlegt, ein Band von Flensburg bis direkt in die Mafia-Hochburg Neapel entsteht – das kann bei der CSU kein Zufall sein“.

Für Rinderspacher ist Seehofer schon ein Mann der Vergangenheit – und so rieb er sich vor allem am wahrscheinlichen künftigen „Paten äh, Parteichef“ der CSU. Seehofer habe ja Markus Söder Schmutzeleien und schlechten Charakter bescheinigt: „Wir dürfen einen Mann mit den Eigenschaften, die ihm sein Chef attestierte, niemals die Verantwortung über Bayern überlassen“, schrie Rinderspacher den gut 2000 SPD-Anhängern im Vilshofener Festzelt unter großem Beifall zu. Der sonst so zurückhaltende SPD-Fraktionschef verausgabte sich in seiner Rede derart, dass Gabriel danach spöttelte: „Deine Frau hat mir gesagt, besser du schreist hier als zu Hause.“

Die Zuhörer nahmen es nicht übel, dass bei diesem Aschermittwoch mehr Ernsthaftigkeit als Spektakel geboten wurde: „Sie ham net so vui über die andern gschimpft, waren sachlicher. Aber gfallen hat‘s ma trotzdem“, meinte etwa Reinhold Ritzinger aus Pfarrkirchen. Und die Münchnerin Susanne Maltzahn, die gerade Urlaub in Niederbayern macht, resümierte: „Das war halt typisch Politiker: Alles wunderschön, was sie sagen. Aber uns Bürgern geht es nicht um die Reden, sondern um die Taten, die folgen.“

Klaus Rimpel

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