Politischer Aschermittwoch

Strauß-Show statt Schnickschnack

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47 %? 50 %? Ach was, Seehofer hält sich für Mister 76 %!

München - Beim Politischen Aschermittwoch mischt Gauweiler wie sein Ziehvater Strauß bildungshuberische Latein-Zitate mit Populismus. Und Horst Seehofer lobt natürlich viel lieber sich selbst.

Irgendwie schafft’s die CSU doch immer, den „größten Stammtisch der Welt“ spannend zu machen: Der geschickte Schachzug Horst Seehofers, den lange von der Parteimacht verbannten Peter Gauweiler zu seinem Vize und nun zum zweiten Hauptredner beim Politischen Aschermittwoch zu machen, verhinderte, dass der berühmt-berüchtigte Polit-Zirkus in diesen GroKo- und Kriegsangstzeiten fad wird.

Gauweiler, der von der CSU-Spitze lange nur noch als nervender Querulant wahrgenommen wurde, war in den letzten 20 Jahren nicht in Passau dabei – der nach seiner Kanzleiaffäre am Aschermittwoch 1994 zurückgetretene Ex-Umweltminister ging an diesem für ihn schmerzlichen Tag alljährlich lieber Skifahren.

Doch jetzt ist er wieder da – und wurde von der mit gut 4000 CSU-Fans randvollen Dreiländerhalle bejubelt. Gauweiler inszenierte sich als die gute alte FJS-CSU, ohne US-Politshow-Schnickschnack, wie es die „moderne“ CSU heute so gern zelebriert. Eine CSU im Trachtenjanker, nicht im edlen Zweireiher. Und dieser Rolle entsprechend machte Gauweiler seine Rede zur Franz-Josef-Strauß-Weihestunde.

Auch im Trend: Gauweiler mischt wie sein Ziehvater Strauß bildungshuberische Latein-Zitate mit Populismus – wobei Gauweiler betont, dass solche Volksnähe die richtige Politik sei, nicht die „Vernissagen mit Wachtelbrüstchen“ der „anderen“.

Über diese „anderen“ wolle er gar nicht reden – das Wort SPD nimmt Gauweiler gar nicht in den Mund und umgeht so Große-Koalitions-Zwänge.

Gauweiler konzentriert sich auf die beiden Themen, mit denen er in der CSU so lange isoliert war: den Euro und die Auslandseinsätze der Bundeswehr: „Deutschland wird in der Münchner U-Bahn verteidigt und nicht am Hindukusch!“ Er haut auf die CDU-Ministerin Ursula von der Leyen ein, denn deren Forderung nach „mehr militärischer Verantwortung heißt auch mehr Krieg“.

Da wird Peter Gauweiler angesichts der aktuellen Ukraine-Krise ganz ernst – und begrüßt ausdrücklich den russischen Generalkonsul in der Stadt Passau: „Wir sind an einer guten Zusammenarbeit mit Russland genauso interessiert wie an einem guten Verhältnis zur Ukraine.“

Nach einem Schluck aus seinem Masskrug („Eigentlich war ausgemacht, dass da Wasser drin sein soll“) wendet er sich dem Euro zu. Fast schon wie ein Kabarettist spielt Gauweiler da seine Abgeordnetenkollegen nach, die mit englischem „Sprachschleier einen Riesenschmarrn“ erzählen. Seine Klage vor dem Verfassungsgericht für die Euro-Entscheidungsgewalt des Parlaments habe dazu geführt, dass „Deutschland sich nicht abschafft“, so Gauweiler unter Riesenbeifall.

Seehofer rühmte Gauweiler in seiner Rede dann als „bayerischen Löwen“ und strickt auch ein bisserl an der FJS-Gedenkstunde mit: „Ich bin sicher, dass Franz Josef heute mit Wohlgefallen auf uns schaut.“

Ansonsten lobt Seehofer natürlich viel lieber sich selbst: Auch wenn die „fanatischen Anhänger des methodischen Zweifelns“ (also die Journalisten) es nicht wahrhaben wollten: 76 Prozent der Bayern fänden seine Arbeit gut. „Merkt euch nicht 48, 49 oder 50 Prozent, merkt euch 76!“, ruft er seinen Fans in der Dreiländerhalle zu.

Seehofer verteidigte sich gegen die „Drehhofer“-Vorwürfe: Er entschuldige sich nicht dafür, dass er seine Politik nach dem Mehrheitswillen ausrichte, „im Gegenteil, ich werde das noch verstärken!“

Seehofer löst in seiner Rede das GroKo-Problem, indem er speziell auf die Bayern-SPD einhaut, die „immer noch nicht gemerkt hat, dass wir jetzt zusammen in Berlin regieren“.

Aber auch der Ministerpräsident mied das nicht wirklich Aschermittwochs-taugliche Thema Ukraine nicht: Schließlich sei er „Ehrendoktor der Uni Kiew mit lebenslangem Wohn- und Verpflegungsrecht“. Jetzt sei die Stunde Europas, die Stunde der Diplomatie, die „der Stoßdämpfer der Weltpolitik“ sei.

Seehofer hatte in seiner Rede nicht nur mit seiner Stimme, die ihm zu versagen drohte, zu kämpfen. Auch inhaltlich wollte der Funke nicht so überspringen wie bei Gauweiler.

Das war auch der Eindruck vieler CSU-Fans, die in der Dreiländerhalle Zuhörer waren: Alfred Kuttenbacher etwa, CSU-Ortsvorsitzender von Eching, brachte das so auf den Punkt: „Der Seehofer muss halt Rücksicht auf die Koalition in Berlin nehmen. Der Gauweiler, der war rhetorisch einfach brillant!“

Klaus Rimpel

SPD: Verwirrt auf Bairisch

Es war der erste Aschermittwoch nach den Auftritten von OB Christian Ude in den vergangenen Jahren. Der SPD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Martin Schulz, sollte die Genossen in Vilshofen von den Bänken reißen – doch ein verunglückter Dialektversuch der Bundes-SPD stellte seine Rede in den Schatten.

Bei Twitter wollte die Online-Redaktion des SPD-Parteivorstands auf die Veranstaltung hinweisen – wie es sich gehört auf Bairisch. Dabei ist dann das herausgekommen, was passiert, wenn Berliner versuchen, Bairisch zu reden: „Mia o‘fangn mid zünftiga Blasmusi. Wa schunkelt mid?“ Die Reaktionen im Netz folgten auf dem Fuße: „Bayern seid Ihr keine“, erkannte ein User blitzschnell.

Auch CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer ließ sich nicht lumpen und spottete in Passau: „Die bayerische SPD kann nicht einmal Bairisch.“

Schulz, gebürtiger Rheinländer, hielt sich vom bairischen Dialekt fern und warb für die europäische Idee. Trotzdem warnte er vor Überregulierung: „Europa muss nicht jedes und alles machen“, so Schulz. „Wir brauchen keine Verordnung über Olivenölkännchen in Restaurants.“

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