"NRW: Nicht Röttgen wählen" - Kommentare zur Wahl

Berlin - Für das Wahl-Debakel der CDU in NRW ist vor allem Norbert Röttgen verantwortlich: In diesem Punkt sind sich die meisten Kommentatoren einig. Lesen Sie hier die Pressestimmen.

Münchner Merkur (München): "Im Westen der Republik hat nicht nur die neue starke Frau der SPD, Hannelore Kraft, triumphiert. (...) Dort ist vor allem das System Merkel gegen die Wand gefahren, aber anders als vom Verlierer Röttgen behauptet: Gescheitert ist in Wahrheit der Versuch, die CDU programmatisch und personell zu entkernen und zu einem von grauen Apparatschiks getragenen Verein zum Erhalt der Kanzlerinnenmacht zu reduzieren. Sinnbildlich für das historische Desaster an Rhein und Ruhr steht der Untergang Röttgens, des Funktionspolitikers auf Durchreise: profilarm, windschnittig, an der Karriere orientiert (mit der es nun vorbei ist) – ,Muttis Klügster' ist/war ein Prototyp aus Merkels Zwergenschule. Die erträgt starke oder gar wertkonservative Typen (Merz, Koch, Bosbach) nicht und züchtet lieber die Schavans, Pofallas und Altmaiers. So lassen sich aber keine Wählermilieus binden."

tz (München): "Politische Siege werden ja oft als Ergebns einer Persönlichkeitswahl gesehen - Nordrhein-Westfalen zeigt, das es auch Persönlichkeitsniederlagen gibt. Norbert Röttgen ist mit seinem 26-Prozent-Waterloo nicht nur in Nordrhein-Westfalen krachend gescheitert. Er ist auch als Bundesumweltminister geschwächt. Wegen der Kritik an der Energiewende war Röttgen ohnehin angeschlagen. die Fehler (,bedauerlicherweise entscheidet der Wähler') und die Lustlosigkeit seiners Wahlkmapfs waren nun der Todesstoß für seine Kanzlerambitionenen."

Hannoversche Allgemeine Zeitung (Hannover): "Landesweit gaben drei Viertel der Wähler dem Kürzel NRW eine neue Bedeutung: nicht Röttgen wählen... Zu warnen ist indessen vor bundespolitischen Überhöhungen des NRW-Ergebnisses, wie sie gelegentlich aus der SPD zu hören sind. Übertrieben wäre es beispielsweise, nun Frau Kraft gleich zur neuen potenziellen Kanzlerkandidatin auszurufen. Sie hat, ein bisschen wie weiland Johannes Rau, eine Art ,Wir in NRW'-Gefühl geweckt. Aber sie wurde in diesem Wahlkampf gegen den sich selbst nach unten schraubenden Röttgen nicht wirklich geprüft."

Westdeutsche Zeitung (Düsseldorf): "Norbert Röttgens fehlendes Bekenntnis zu NRW und viele unglückliche Äußerungen vermittelten stets das Gefühl, dass ihm der Siegeswille fehlte. Der Preis des katastrophalen Wahlergebnisses für ihn ist, dass er sich seine bundespolitischen Ambitionen abschminken kann. Die Koalition in Berlin hingegen ist wegen des CDU-Desasters in NRW nicht gefährdet, weil die Schuld primär beim Spitzenkandidaten liegt."

Frankfurter Allgemeine Zeitung (Frankfurt): ",Wir in Nordrhein-Westfalen', das Wahlkampfmotto des Jahres 1985, wurde zum geflügelten Wort für die Übereinstimmung von Partei und Lebensgefühl, von Personen und Programm und - nicht zu vergessen - von Rheinländern und Westfalen. Seit diesem Wahlsonntag ist ,Wir in NRW' nicht mehr nur Geschichte. Sieben Jahre nach der Niederlage gegen die CDU von Jürgen Rüttgers und zwei Jahre nach dem schlechtesten Wahlergebnis in Nordrhein-Westfalen seit einem halben Jahrhundert hat die SPD einen Sieg errungen, der Maßstäbe setzt. Denn kaum einmal seit dem Wahlsieg Schröders in der Bundestagswahl 1998 war der Glaube der SPD an sich stärker als zwischen Rhein und Weser in den vergangenen Wochen."

Süddeutsche Zeitung (München): "Innerhalb von acht Wochen ist aus dem glänzenden Politiker Röttgen, der viel erreicht, noch mehr gewollt und sich alles zugetraut hat, ein Kanzlerkandidat in spe a.D. geworden. Für die Zukunft der CDU ist das Ausmaß der Niederlage auch deswegen bitter, weil Röttgen eigentlich für eine moderne, aufgeklärte, grün angehauchte CDU steht. Nun werden die Konservativen in der CDU Oberwasser kriegen. Eine CDU freilich, die noch immer gegen Mindestlöhne ist und den Frauen Herdprämien zahlt, hat in einem Deutschland mit wachsenden halblinken Mehrheiten schlechte Chancen. Diese halblinken Mehrheiten kommen derzeit nur deshalb nicht machtvoll zum Zug, weil sie auf mittlerweile vier Parteien aufgeteilt sind - SPD, Grüne, Piraten und Linkspartei. Das erleichtert es der Union, den Ernst ihrer Lage zu verkennen."

Rubriklistenbild: © dapd

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