Ein Pokal mit Zauberwirkung

So profitieren Politik und Wirtschaft vom WM-Titel

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Das offizielle Jubel-Foto des Bundespräsidialamts: Gauck und Merkel in der Umkleidekabine des Maracana in Rio.

München - Sorgt der Titel bei der Fußball-WM auch in der deutschen Politik und Wirtschaft für einen Aufschwung? Die tz sprach darüber mit einem Experten.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hofft, dass der WM-Titel die deutsche „Miesepetrigkeit“ in den Hintergrund drängen werde. Es folgt nun „hoffentlich auch eine neue Phase der Zuversicht, der Freude, des Stolzes auch aufs eigene Land. Dann hätten wir viel erreicht.“ Seehofer versäumte nicht, auf den „gehörigen Anteil“ Bayerns am WM-Triumph hinzuweisen: Sieben Nationalspieler stammten aus dem Freistaat, darunter der Siegtorschütze sowie Manuel Neuer, „ein Torhüter, wie ihn wahrscheinlich die Welt noch nicht gesehen hat“. So wie Seehofer will natürlich auch die Bundesregierung von der Zauberwirkung des WM-Pokals profitieren. Gelingt das? Die tz sprach darüber mit dem Politikwissenschaftler Prof. Jürgen Falter.

Was bedeutet so ein Titel für das Ansehen Deutschlands in der Welt?

Prof. Jürgen Falter: Die Achtung vor den Deutschen steigt, aber die Liebe nicht unbedingt. Viele im Ausland denken: Die Deutschen sind auf allen Gebieten tüchtig – das ist ja zum Erschrecken. Es sind nicht unbedingt die Sieger, die man liebt.

Kann die Bundes­regierung vom WM-Titel profitieren?

Falter: So ein Weltmeister-Titel schafft eine gute Stimmung im Land. Und das kommt natürlich der Bundesregierung und vor allem der Bundeskanzlerin zu Gute, die ja die Gelegenheit genutzt hat, sich beim Spiel und mit der deutschen Mannschaft zu zeigen. Das ist so ein kleines, vielleicht sogar ein großes Sandkörnchen auf dem Berg der Zustimmung und der Sympathie, den eine Regierung zu nachhaltiger Popularität braucht.

Und wie lange kann die Bundesregierung von der WM-Euphorie zehren?

Falter: Der Alltag holt die Regierung schnell wieder ein. Ich bin sicher, dass unsere Misshelligkeiten mit den Vereinigten Staaten spätestens übermorgen wieder auf den Titelseiten landen werden. Regierungspopularität bedarf immer wieder eines Schubs. Das heißt, wenn die politischen Erfolge bei Arbeitslosenzahlen oder Wirtschaftslage ausbleiben, verpufft das schnell wieder.

Helmut Kohl stand 1990 nach dem WM-Titel ziemlich verloren in der Umkleide herum. Bei Merkel hat man hat den Eindruck, dass die Nationalspieler die Kanzlerin wirklich mögen. Was bedeutet das für ihre Popularität?

Falter: Dass Angela Merkel stärker davon zehren kann als Kohl ist keine Frage. Aber Helmut Kohl hat das damals ja auch gar nicht gebraucht, es war das Jahr der Wiedervereinigung und Kohl war der Kanzler der Einheit. Angela Merkel kommt deshalb so gut an, weil sie Zurückhaltung verbindet mit erstaunlich wenig Scheu vor hautnahem Kontakt mit den Spielern. Wobei Präsident Gauck allerdings die wesentlich emotionalere Figur gemacht hat.

Es gibt ja immer auch Kritik daran, ob es überhaupt sein muss, dass Politiker wegen eines Fußballspiels um die halbe Welt fliegen. Hätte das für Merkel bei einer Niederlage nach hinten losgehen können?

Falter: Nein, denn dann wäre die Kanzlerin da gewesen, um der Mannschaft in ihrer schwersten Stunde beizustehen – auch das wäre gut angekommen. Die Bundeskanzlerin wird immer mehr als Repräsentantin des Staates und nicht nur der Regierung angesehen. Der präsidiale Regierungsstil von Angela Merkel trägt dazu noch zusätzlich bei. Diese zweite Südamerika-Reise während der WM nimmt ihr wirklich niemand übel – wenn der politische Gegner das kritisieren wollte, würde er als Miesmacher abgestraft.

Int.: Klaus Rimpel

Börsianer im WM-Fieber

Ein wirtschaftlicher Gewinner der Fußball-WM steht fest: Adidas, Sponsor und Ausrüster der deutschen Elf, rechnet damit, 2014 allein mit Fußball-Produkten rund zwei Milliarden Euro einzunehmen! Die Adidas-Aktie sprang gestern mit plus 2,35 Prozent auf 73,21 Euro an die Dax-Spitze. Doch der WM-Triumph riss gestern auch insgesamt die Börse nach oben. „Börsianer feiern den WM-Titel“, so Analyst Wolfgang Albrecht von der LBBW.

Aber kann der WM-Titel der Wirtschaft auch dauerhaft nützen? Armin Falk, Professor an der Uni Bonn, meint Ja: „Wenn Millionen Menschen ein positives Erlebnis haben, kann sich das positiv auf das ökonomische Verhalten auswirken.“

Armin hatte beim Sommermärchen 2006 in Deutschland nach jedem Spiel der Nationalmannschaft Bundesbürger nach ihrer persönlichen ökonomischen Situation, der allgemeinen Wirtschaftslage sowie ihren Erwartungen dazu befragt. Das Ergebnis: Mit dem Erfolg der deutschen Mannschaft verbesserten sich die Werte. „Wenn alle Leute glauben, dass es aufwärtsgeht, kann das die ökonomische Stimmung positiv beeinflussen. Es entsteht ein sich selbst verstärkender Effekt“, sagt Falk.

Auch Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, rechnet mit positiven Folgen: Die Art, wie Deutschland das Turnier gespielt habe, mache das Land in der Welt sympathisch. Das werde abfärben auf deutsche Produkte und Dienstleistungen und der Wirtschaft zusätzliche Impulse geben.

So sieht es auch der Präsident der bayerischen Wirtschaft, Al­fred Gaffal: „Der Titelgewinn bedeutet einen Imagegewinn für unser Land, vor allem durch das sympathische und faire Auftreten unserer Mannschaft.“

KR

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