Unter Tränen: May verkündet emotional Rücktritt - Schwere Folgen erwartet

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Exklusiver Auszug aus dem Buch „Putins Russland“

Putin entkam durch Deutschunterricht der Armut - und hatte Todesangst in Dresden

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Ob Wladimir Putin noch oft an seine DDR-Jahre und den Umsturz 1989 zurückdenkt? 

Am Dienstag erschien das Buch „Putins Russland“, in dem auch die Vergangenheit des russischen Präsidenten in der DDR reflektiert wird. In einem exklusiven Auszug lesen Sie hier das Kapitel „Der Deutsche im Kreml“. 

In „Putins Russland“ beleuchtet die Politikwissenschaftlerin und Politikberaterin Angela Stent das Verhältnis Russlands mit seinen Nachbarstaaten. Sie hinterfragt, wie Wladimir Putin als russischer Staatspräsident und Ministerpräsident die Politik seines Landes geprägt hat - und was nach ihm kommen könnte. 

Stent ist Direktorin des „Center for Eurasian, Russian and East European Studies“ und Professorin für „Government and Foreign Service“ an der Georgetown University. Im Jahr 2000 erschien ihr Buch „Rivalen des Jahrhunderts. Deutschland und Russland im neuen Europa“. In ihrem aktuellen Buch beleuchtet sie erneut das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland - und bezeichnet Wladmimir Putin als den „Deutschen im Kreml“. Der Rowohlt Verlag stellte der Ippen-Digital-Zentralredaktion einen exklusiven Auszug aus diesem Kapitel zur Verfügung. 

Die deutsche Sprache wird für Wladimir Putin der Ausweg aus der Armut

Putin wurde von Alexander Rahr, einem seiner frühen, ihn bewundernden Biographen, "der Deutsche im Kreml" getauft. Tatsächlich war die deutsche Sprache in vielerlei Hinsicht Putins Weg aus der Armut und in den KGB. Er hatte eine schwere Kindheit, er wuchs in der Nachkriegszeit in einer Leningrader kommunalka (Gemeinschaftswohnung) mit Eltern auf, die zwei Söhne verloren hatten, davon einen während der 900-tägigen Blockade der Stadt durch die Nazis, die eine Million Zivilisten das Leben kostete. 

Der mittelmäßige Schüler, der oft in Prügeleien verwickelt war und in Schwierigkeiten geriet, begann schließlich, sich auf seine Studien zu konzentrieren, vor allem auf die deutsche Sprache. Seine erste Deutschlehrerin, Wera Gurewitsch, wurde für die offizielle Biographie interviewt, die erschien, als Putin im Jahr 2000 das Präsidentenamt übernahm. Sie lobte seine Sprachfähigkeiten und seine harte Arbeit: "Er hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis und einen wachen Verstand."

„Putins Russland“ von Angela Stent

Nachdem er sein Jurastudium an der Staatlichen Universität von Leningrad abgeschlossen hatte und dem Leningrader KGB beigetreten war, setzte er seine Deutschstudien fort, um nach Deutschland geschickt zu werden. Aber welches Deutschland? Putin behauptet, dass er, um nach Westdeutschland gehen zu können, noch ein paar Jahre in der UdSSR hätte bleiben und "in der entsprechenden Abteilung des Zentralapparates" hätte arbeiten müssen. Stattdessen habe er sich für Ostdeutschland entschieden, weil er "gleich" habe gehen wollen. Der 33-jährige KGB-Agent machte sich also nach Dresden auf, das damals als provinzielles, rückständiges DDR-Nest galt, obwohl Hans Modrow, der Erste Sekretär der Bezirksleitung der SED in Dresden, ein führender Politiker der reformorientierten Richtung war. Eine Entsendung nach Ostberlin, die Hauptstadt, wäre prestigeträchtiger gewesen. 

Das Ehepaar Putin in der DDR: Saubere Straße und ein eigenes Auto

Doch Putin genoss es offensichtlich, in Ostdeutschland zu sein, das im Vergleich zur Sowjetunion ein Verbraucherparadies war. Seine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in einem tristen Gebäude in der Angelikastraße war eine entschiedene Verbesserung gegenüber der kommunalka seiner Kindheit, und er konnte sich ein Auto kaufen. Putins Ex-Frau Ljudmila erinnerte sich später, dass sich das Leben in der DDR stark vom Leben in der UdSSR unterschieden habe. Es gab "saubere Straßen" und "blitzende Fenster, die einmal in der Woche geputzt wurden".

Was tat Wladimir Putin in Dresden während seines fünfjährigen Aufenthalts? In dieser Frage herrscht keine Einigkeit, was vor allem daran liegt, dass es nur sehr wenige Informationen über diese Jahre gibt. Putins eigener Bericht hierzu ist minimalistisch. Er sagte, seine Arbeit habe in ganz "normaler" Aufklärungstätigkeit bestanden: "Anwerben von Informationsquellen, Erhalt, Bearbeitung und Weiterleitung von Informationen an die Zentrale … Alles Routinearbeit." Er war ein hoher KGB-Führungsoffizier. 2001 ging er etwas näher auf seine Ausbildung ein, als er sagte, die wichtigste Eigenschaft eines guten Führungsoffiziers sei die Fähigkeit, mit Menschen und mit großen Mengen von Informationen zu arbeiten. 

Putin hat das Ausmaß seiner Aktivitäten in der DDR heruntergespielt. Hochrangige sowjetische und ostdeutsche Geheimdienstler haben bestätigt, dass er nicht auf ihren Radarschirmen war; das Gleiche gilt für Geheimdienstler aus dem Westen. Andere haben angedeutet, dass Putins KGB-Aktivitäten in der DDR umfangreicher gewesen sein könnten. Laut Rahr umgibt ein "dichter Nebel des Schweigens" Putins Dresdener Jahre. Außerdem, so Rahr, sei es nicht im Interesse der deutschen Regierung, zu enthüllen, was sie wisse.

Einige behaupten, Putin sei Teil der Operation Lutsch ("Strahl") gewesen. Bei diesem KGB-Projekt ging es darum, westliche Technologiegeheimnisse zu stehlen. Andere sagen, Ziel dieser Operation sei es gewesen, hochrangige Partei- und Stasifunktionäre in der DDR zu rekrutieren, um mit ihrer Hilfe das reformfeindliche, reaktionäre Honecker-Regime abzulösen. Tatsächlich wurde Lutsch nach Putins Machtantritt zum Gegenstand einer Untersuchung der deutschen Behörden, weil sie fürchteten, er könne in Ostdeutschland ein Netzwerk aufgebaut haben, das den Fall der Mauer überlebt habe.

1989 in Dresden: Putin verbrennt Akten und fühlt sich im Stich gelassen 

Offensichtlich hatte er tatsächlich begonnen, Leute zu rekrutieren, um dann ihre Enttarnung erleben zu müssen, als die Stasi-Akten nach der Wiedervereinigung offengelegt wurden. Welches Ausmaß seine Aktivitäten in der DDR auch gehabt haben mögen, Putin verstand Dresden vielleicht als ersten Meilenstein einer internationalen Karriere. Doch seine Zeit dort endete völlig anders, als er es erwartet hatte. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, im Wesentlichen, weil der ostdeutsche Polizeistaat am Ende war und Gorbatschow angesichts der friedlichen Massenproteste die Entscheidung traf, keine Gewalt anzuwenden, um unpopuläre kommunistische Regierungen an der Macht zu halten.

Als ein wütender Mob vor dem Stasi-Hauptquartier in Dresden auftauchte – dort war auch der KGB im Dezember 1989 untergebracht – und Zugang zu den voluminösen Akten verlangte, musste Putin das Gebäude verteidigen und die Dokumente verbrennen, "um das Leben der Menschen zu retten, deren Akten auf meinem Schreibtisch lagen". Tatsächlich barst der Ofen, weil er nicht alle Akten schnell genug verbrennen konnte. 

In Aus erster Hand. Gespräche mit Wladimir Putin beklagt Putin sich bitterlich, dass es keine Instruktionen aus Moskau gab, dass Moskau geschwiegen habe. "Wir waren ernsthaft bedroht … Aber uns würde niemand schützen" vor der Menge draußen. In diesem Moment fürchtete er um sein eigenes Leben.

Angela Stent ist eine Russlandkennerin. Sie schrieb das Buch „Putins Russland“.

Einen Monat später verließ ein niedergeschlagener Putin Dresden. Zum Abschied schenkten seine deutschen Freunde seiner Familie eine 24 Jahre alte Waschmaschine, die sie mit nach Leningrad nahm. Neun Monate später war die DDR verschwunden, und zwei Jahre später folgte die UdSSR. Putins Kommentar aus dem Jahr 2000 zur deutschen Wiedervereinigung war kritisch, aber unsentimental: "Im Grunde genommen wusste ich, dass es unvermeidlich war. Ehrlich gesagt tat es mir nur leid um die verlorene Position der Sowjetunion in Europa, obwohl mir mein Verstand sagte, dass eine Position, die nur auf Mauern basiert, nicht ewig bestehen kann. Es wäre zu wünschen gewesen, dass auf diese Ereignisse ein Wechsel folgte. Aber es war nichts Neues vorgesehen … Sie haben einfach alles hingeschmissen und sind gegangen."

Putin reist mit einem alten Kühlschrank und neuen Erkenntnissen in die Sowjetunion zurück

Putin war während der fünf Jahre in der DDR nicht nur zu einem tiefen Verständnis der ostdeutschen Gesellschaft gelangt, er hatte auch eine Grundlage erworben, die sich für seine postsowjetische Karriere als wichtig erweisen sollte. 

Ein Ostdeutscher, der später ein wichtiges Mitglied seines inneren Zirkels wurde, war Matthias Warnig. Nach dem Mauerfall wurde Warnig 1991 Chef der Sankt Petersburger Dependance der Dresdner Bank und 2002 Präsident der Dresdner Bank AG Russland.30 Später wurde er Geschäftsführer von Nord Stream. Die fünf Jahre in Dresden beeinflussten Putin auch auf andere Weise. Er erlebte den plötzlichen Zusammenbruch eines rigiden, repressiven Systems, das nicht mit Dissens umgehen konnte. 

Putin und der Mob auf der Straße: So etwas dürfte in Russland nie passieren

Die Erfahrung, den Mob beim Stasi-Hauptquartier abwehren zu müssen, rief bei ihm allem Anschein nach eine lebenslange Aversion hervor, mit feindseligen Mengen umgehen zu müssen. Sie verstärkte auch sein Bedürfnis nach Kontrolle, vor allem über Oppositionsgruppen. So etwas sollte nie wieder passieren, schon gar nicht in Russland. Gedemütigt durch Russlands Unwilligkeit und Unfähigkeit, ihn während seiner schwierigsten Stunde zu unterstützen, verließ er die DDR, ohne zu wissen, was ihn in der UdSSR, die sich während seiner fünfjährigen Abwesenheit dramatisch verändert hatte, erwarten würde.

Das Buch „Putins Russland“ von Angela Stent ist seit dem 23. April im Buchhandel und im Online-Handel erhältlich. Es ist im Rowohlt-Verlag erschienen und kostet 25 Euro (eBook 22,99 Euro).

Gipfeltreffen: Nordkorea hat ein Treffen von Machthaber Kim Jong Un und Russlands Präsident Wladimir Putin am Donnerstag bestätigt. 

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