Israel-Experte im tz-Interview

Raketen als Netanjahus Wahlkampf-Helfer

+
Fast unentwegt schlagen israelische Raketen in Gaza-Stadt ein

München - Über die jüngste Eskalation im Nahost-Konflikt und die Hintergründe sprach die tz mit Stephan Vopel. Er ist Israel-Experte der Bertelsmann-Stiftung.

Von wem ging die jüngste Eskalation im Nahost-Konflikt aus: Von Israel oder von den Palästinensern?

Stephan Vopel, Israel-Experte der Bertelsmann-Stiftung: Den Anlaß lieferten die Palästinenser mit ihren vermehrten Raketenangriffen. Aber die dramatische Eskalation kam durch die Entscheidung der israelischen Regierung, den Hamas-Militärchef zu liquidieren.

Warum eröffnet Israel nun auch noch eine Front mit dem Gazastreifen? Haben Sie mit Syrien und dem Iran nicht schon genug hochexplosive Konflikte am Hals?

Vopel: Kritische Kommentatoren in Israel stellen da einen klaren Zusammenhang mit der bevorstehenden israelischen Wahl im Januar her. Die ganzen sozialen und wirtschaftspolitischen Probleme Israels werden nun in den Hintergrund gedrängt.

Warum hat ihrerseits die Hamas Israel mit den vermehrten Raketenangriffen provoziert?

Vopel: Die Hamas steht spiegelbildlich vor der gleichen Herausforderung wie Netanjahu: Sie hat keine politischen Erfolge vorzuweisen. Die Lebenssituation der Palästinenser hat sich seit der Regierungsübernahme durch die Hamas nicht verbessert. Aber auch das Ziel, Israel empfindlich zu treffen, hat sie nicht erreicht. In den letzten zwei Jahren hat es eine Art faktischen Waffenstillstand zwischen der Hamas und Israel gegeben. Durch den Erfolg der Muslimbruderschaft in Ägypten wurden nun aber militante Kräfte unter den Palästinensern gestärkt, die die Hamas kaum kontrollieren kann.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas will am 29. November vor der UN die Anerkennung Palästinas als Nicht-Mitglieds-Staat einbringen. Hängt die jetzige Eskalation damit zusammen?

Vopel: Ich glaube nicht. Das von Abbas und der PLO kontrollierte Westjordanland und der von der Hamas regierte Gazastreifen gehen politisch nicht koordiniert vor.

Seit zwei Jahren gibt es Stillstand im Nahost-Friedensprozess. Glauben Sie, dass die Gewalteskalation nun wieder Bewegung auf der Verhandlungsebene bringen kann?

Vopel: Für Obama hat des Thema Iran Vorrang, weil viele sagen, dass sich dort das Zeitfenster in 2013 schließt. Deshalb vermute ich, dass die internationale Gemeinschaft zwar verhindern will, dass es eine humanitäre Katastrophe in den Palästinensergebieten geben wird, aber sich ansonsten primär um Syrien und den Iran kümmern wird.

Operation "Säule der Verteidigung": Israel greift Hamas an

Operation "Säule der Verteidigung": Israel greift Hamas an 

Heißt das, dass die Palästinenser gar nicht mehr anders als mit Gewalt auf sich aufmerksam machen können?

Vopel: Zynisch betrachtet könnte man das so sagen. Aber es ist völlig klar, dass Gewalt die Lösung nicht bringen wird. Ich bin überzeugt, dass das was der palästinensische Premier Fayyad im Westjordanland versucht, der richtige Weg ist: Erst eine funktionierende Infrastruktur und ein funktionierendes Staatswesen aufbauen, um dann einen eigenen Staat zu bekommen – so haben die Zionisten einst auch den Staat Israel vorbereitet. Aber Netanjahu und der Westen haben diesen Weg bislang zu wenig unterstützt.

Klaus Rimpel

Hier tötet Israel den Hamas-Militärchef

Hier tötet Israel den Hamas-Militärchef

Auch interessant

Meistgelesen

23 Tote in Manchester: Das sind die ersten Reaktionen
23 Tote in Manchester: Das sind die ersten Reaktionen
AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
Impeachment-Verfahren: Steht die Amtsenthebung Trumps bevor?
Impeachment-Verfahren: Steht die Amtsenthebung Trumps bevor?
SPD-Parteizentrale evakuiert - Polizei gibt Entwarnung
SPD-Parteizentrale evakuiert - Polizei gibt Entwarnung

Kommentare