Abschlagsfrei in den Ruhestand

Rente mit 63 ein Knüller: Voraussetzungen und Folgen

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Für Handwerk und Industrie ist der vorzeitige Verlust erfahrener Mitarbeiter ein Problem. Die Betroffenen freuen sich über das Angebot.

München - Nach 45 Beitragsjahren mit 63 die volle Rente kassieren: Dieses besonders süße Zuckerl im Rentenpaket der Koalition wird zigtausendfach dankend angenommen.

Von den 163 000 Anträgen, die von Juli bis Ende Oktober gestellt wurden, seien bereits rund 110 000 bearbeitet und „fast ausnahmslos bewilligt“ worden, sagte ein Sprecher der Deutschen Rentenversicherung der Rheinischen Post. Die Antragswelle der vor 1952 Geborenen hat die Politik kalt erwischt. Für 2014 war nur ein Betrag von 900 Millionen Euro eingeplant, nun schnellen die Ausgaben auf 1,5 Milliarden hoch. Die tz gibt einen Überblick über die Voraussetzungen für die abschlagsfreie Rente und beschreibt die befürchteten Folgen für den Arbeitsmarkt.

Wer darf sich Hoffnung auf die volle Rente mit 63 machen? 

Alle, die vor dem 1. Januar 1952 geboren sind und 45 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt haben. Die derzeitigen Anwärter müssen dementsprechend spätestens im Alter von 18 Jahren ins Berufsleben eingetreten sein. Akademiker wird man in dieser Gruppe nicht antreffen.

Müssen die Antragssteller 45 Jahre durchgearbeitet haben? 

Kurzzeitige Unterbrechungen durch Arbeitslosigkeit (Bezug von Arbeitslosengeld I, nicht aber Hartz IV!), Zeiten der Pflege, sofern Versicherungspflicht bestand, Erziehung von Kindern bis zum 10. Lebensjahr sowie Schlechtwetter-, Insolvenz- oder Kurzarbeitergeld werden angerechnet.

Wie wurde der Streit um die Gefahr einer Welle von Frühverrentungen mit 61 gelöst?

Um einen Missbrauch zu verhindern, darf eine Arbeitslosigkeit in den letzten beiden Jahren vor dem Renteneintritt nicht mitgezählt werden. Das Verbot gilt nicht, wenn der Antragsteller wegen Insolvenz oder vollständiger Geschäftsaufgabe des Arbeitgebers arbeitslos wurde.

Wie viel Abschlag wird den Berechtigten erlassen?

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ist stolz auf ihr Rentenpaket.

Bisher mussten alle, die mit 63 vorzeitig in Rente gehen, für jeden Monat 0,3 Prozent Leistungsreduzierung in Kauf nehmen – für immer, und auch wenn sie 45 Jahre lang Beiträge gezahlt haben. Für die FAZ hat das Walter Eucken Institut an der Uni Freiburg errechnet, dass das neue Angebot nach 45 Jahren Beitragszahlung für einen Durchschnittsverdiener mit 3630 Euro brutto ca. 140 Euro mehr Rente bedeutet.

Welche Entwicklung wird erwartet?

Ein Drittel der geburtenstarken Jahrgänge 1950 bis 1963 erfüllte die Voraussetzungen der abschlagsfreien Frührente. In Zahlen heißt das: In den kommenden Jahren könnten 300 000 bis 450 000 Personen im Jahr anspruchsberechtigt sein, so Ulrich Walwei, Vize-Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die bisherigen Antragsteller waren zu zwei Dritteln Männer.

Welche Veränderungen sind geplant? 

Bis 2029 wird das Eintrittsalter für jeden neuen Rentnerjahrgang in Zwei-Monats-Schritten auf 65 Jahre angehoben (siehe Tabelle re.).

Was bedeutet der überraschende Ansturm für die Ausgaben der Rentenversicherung?

Das Sozialministerium schätzt die Beitragsausfälle mittlerweile auf rund 250 Millionen für 2014, die zusätzlichen Kosten durch mehr Rentenzugänge auf 100 Millionen. 2015 ist mit Kosten von drei statt der geplanten 1,5 Milliarden Euro zu rechnen.

Wie reagieren die Arbeitgeber, vor allem im Handwerk? 

Georg Schlagbauer, Präsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT), ist nicht überrascht, dass das attraktive Rentenangebot mit 63 so häufig in Anspruch genommen wird. „In den letzten Monaten haben sich auch im Handwerk viele Beschäftigte darüber informiert.“ Schlagbauer gönnt jedem grundsätzlich einen früheren Renteneintritt. In seiner Funktion als Handwerkspräsident sieht er aber vor allem die „massiven Probleme“, die von der Politik für die Betriebe geschaffen wurden. „Der ohnehin herrschende Fachkräftemangel verschärft sich weiter, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wird geschwächt.“ Angesichts des demografischen Wandels kämen nicht genügend junge Leute nach, die die verdienten und erfahrenen Mitarbeiter ersetzen können. Schlagbauer: „Wir brauchen nicht einen früheren Renteneintritt, sondern vielmehr flexible Regelungen, die auch das Arbeiten über die Altersgrenze hinaus interessant machen.“ Dafür gibt es bisher nur sechs Prozent mehr Rente pro Jahr.

Die schrittweise Anhebung: Rente ab 63 wird Rente ab 65

Versicherte Geburtsjahrgang Anhebung um Monate auf Alter
1953 2 63 +2 Monate
1954 4 63 +2
1955 6 63 +2
1956 8 63 +2
1957 10 63 +2
1958 12 64
1959 14 64 +2
1960 16 64 +4
1961 18 64 +6
1962 20 64 +8
1963 22 64 +10

Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

BW

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