Einzigartiger Versuch

Willemsen im tz-Interview: Mein Jahr im Bundestag

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Roger Willemsen.

Berlin - Es ist ein bis dato einzigartiger Versuch: Das gesamte Jahr 2013 verfolgte der Schriftsteller und Moderator Roger Willemsen jede einzelne Sitzungswoche im Berliner Reichstag. Die tz sprach mit ihm.

Kein Thema ist ihm zu abgelegen, keine Stunde zu spät. Er macht sich ein Bild aus eigener Anschauung und 50 000 Seiten Parlamentsprotokoll. Als mündiger Bürger mit offenem Blick erlebt er nicht nur die großen Debatten, sondern auch Situationen, die nicht von Kameras erfasst wurden und jedem Klischee widersprechen: effektive Arbeit, geheime Tränen und echte Dramen. Die tz sprach mit Roger Willemsen über sein Jahr im Parlament:

Wie kamen Sie auf die Idee, sich ein Jahr lang in den Bundestag zu setzen?

Roger Willemsen: Ich dachte, der Schriftsteller hat auch die Aufgabe, sein Land zu beobachten und den reinen journalistischen Tagesarbeiten etwas entgegenzusetzen. Wir glauben immer, wir sehen die Tagesschau und wissen folglich alles. Es gibt ja auch ganz Allgemeines im Parlament zu beobachten, das interessierte mich mehr.

Dieter Hildebrandt war begeistert von dem Projekt. 

Willemsen: Ach, der Gute! Er hat an diesem Buch solchen Anteil genommen, und leider hat er nicht mehr erfahren, dass es ihm gewidmet sein sollte. Er war ja so sicher, dass er das Erscheinen erleben würde.

Haben Sie Ihr Vorhaben manchmal bedauert, wenn Sie da mit oder ohne Sitzkissen auf der Besuchertribüne saßen?

Willemsen: Ich habe zwischendurch gelitten. Es hatte was Selbstquälerisches, aber insgesamt kam es mir dann spannender vor als erwartet. Es war ja ein Wahljahr, das uns eine geradezu historische Situation beschert hat: Die FDP ist weg, und die Große Koalition hat das Parlament sehr verändert.

Wie wird sich die kleine Opposition schlagen?

Willemsen: Das Parlament war gedacht als Kontrolle der Regierung, und in Wahrheit ist es eine permanente Bestätigung und ein Abnicken dessen, was die Regierung tut. Die jetzige Opposition ist ja nicht nur winzig, sondern auch noch in sich zerstritten. Wegen der kurzen Redezeiten, die der Opposition zugestanden werden, muss sie viel effekthascherischer und kürzer argumentieren. Die Abgeordneten können nicht mehr erklären, die müssen fast in Piktogrammen sprechen. Mir scheint das wie ein Makel auf der Diskussionskultur.

Die Linke scheint einen positiven Eindruck bei Ihnen hinterlassen zu haben?

Willemsen: Ich bin ganz unvoreingenommen reingegangen – obwohl man natürlich eine politische Biografie hat. Tatsächlich war ich aber sehr überrascht, wie viele Informationen ich durch die Linkspartei bekommen habe. Ein Beispiel: Alle sind furchtbar stolz, wie streng wir angeblich bei den Waffenexporten sind. Dann kommt ein Linken-Politiker und klärt auf: Von 15 800 Anträgen auf Rüstungsexporte haben sie abgelehnt: 105! Bei den Linken gibt es eine ganze Reihe junger, kluger, engagierter Frauen, die nichts mit der Vergangenheit der Partei zu tun haben und die mich durch ihren Sachverstand beeindruckt haben.

Was hat Sie am meisten enttäuscht?

Willemsen: Die Verachtung, die das Parlament sich selbst gegenüber zeigt, indem es so unkonzentriert ist, indem sich alle mit irgendwelchen anderen Dingen beschäftigen, sich gegenseitig nicht zuhören, lachen, abwinken. Die vielen Auswüchse von Eitelkeit, die unglaublichen Exzesse von Selbstlob. Erschreckt hat mich der Umgang mit Themen wie Armut oder Rüstung – vollkommen ohne Einfühlung! Es gibt aber bei Einzelnen auch hohen Sachverstand, großes Engagement und eine beeindruckende Haltung – häufig bei Hinterbänklern, die wir gar nicht kennen. Auch Figuren wie Peter Gauweiler oder Norbert Geis haben meinen Respekt: Sie vertreten zwar nicht meine Überzeugung, aber sie vertreten eine Überzeugung, auch gegen die eigene Partei. Das sind nicht solche windschnittigen Yuppies, die nur Karriere machen wollen.

Hört die Kanzlerin auch niemandem zu? 

Willemsen: Sie vermittelt in ganz seltenen Fällen das Gefühl, dass sie präsent ist, in jeder Bedeutung des Wortes. Sie hat eine gute Figur gemacht, als der NSU-Untersuchungsausschuss rekapituliert wurde. Da hat sie – anderes als alle anderen Minister – wirklich zugehört und den Angehörigen der Opfer anschließend die Hand gegeben. Da hatte sie auch die Größe, die sie für den Augenblick braucht.

Gibt es eine Phrase, die Sie besonders genervt hat?

Willemsen: Da gibt’s viele. Die Kanzlerin sagt am liebsten: Deutschland wird stärker aus der Krise herauskommen als es hereingekommen ist. Darauf folgen unablässig Gesten der Unterwerfung, wo Abgeordnete sagen, ich danke der Kanzlerin besonders, dass sie gesagt hat, Europa ist wichtig. Das sind Leute, die denken, die Kanzlerin wird sich den Namen merken und vielleicht einmal was für die Karriere tun. Wenn das in einer neuen Koalition mit der SPD so weitergeht, die Merkel vorher noch für halb irre erklärt hat, und für faul, eine Brecherin ihres Eides, ist das ärgerlich.

Wie könnte man einem idealen Parlament näher kommen?

Willemsen: Ganz aktuell könnte man die Redezeit für die Opposition verlängern. Ich wünsche mir ein Parlament, in dem die kleinen gesellschaftlichen Gruppierungen miteinander in Konfrontation treten können, in dem die gesellschaftlichen Interessen wirklich vorkommen, und viel mehr vom langfristig Wichtigen. Dieses Parlament reagiert immer nur kurzfristig. Dabei gibt es so viele Themen, die unverhandelt bleiben, weil sie uns finanziell wehtun würden – vom Ökologischen, von den Migrationsbewegungen bis zu den großen Zukunftsfragen. Nachfolgende Generationen werden den Stab über uns brechen, weil wir so viel vernachlässigt haben von dem, was für die Zukunft wichtig ist.

Könnte der Bundestagspräsident nicht mehr Einfluss auf das respektlose Benehmen der Abgeordneten nehmen?

Willemsen: Könnte er fraglos. Auf der Tribüne haben wir uns oft gewundert, dass das nicht geschieht. Norbert Lammert macht das noch am häufigsten. Es ist das meistbesuchte Parlament Europas, die Besucher kommen eine Stunde in ihrem Leben hierher und kriegen diesen Eindruck! Eine ehemalige Lehrerin schrieb mir, ihre Schulklasse sei verstört von der Tribüne gekommen, weil man ihr selber soviel mehr Disziplin abverlangt hat als den Abgeordneten.

Interview: Barbara Wimmer 

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