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Deutschland in der Gaskrise: Wie die Heizung zum Politikum wurde

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Von: Max Müller, Fabian Hartmann

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Eine Katze liegt auf einem Heizkörper
Runter da! Ineffektives Heizen wird zum Luxus. © Maria Maar/imago

Deutschland muss in kürzester Zeit lernen, Gas zu sparen. Was Installateure freut, ist für die Gesellschaft ein Stresstest von ungeahnten Ausmaßen. Wird er gelingen?

Köln/Berlin – Wladimir Putin zu schaden kostet 100 Euro pro Stunde. Zumindest ist das der Kurs, den das Ehepaar Becker in Köln-Braunsfeld zahlt. Es ist ein ganzer Morgen, den Installateur Richard Mützel an ihrer Gasheizung werkelt. Das Ziel: Weniger Gas verbrauchen. Er reinigt den Warmwasserspeicher, sucht undichte Stellen am Zähler und justiert die elektronischen Einstellungen des Heizkessels. „Die Beckers werden dadurch vielleicht drei Prozent Gas sparen“, sagt er hinterher. 

Mützels Arbeitsalltag hat sich seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs radikal verändert. „Kunden haben noch nie so viel gefragt wie in den letzten drei Monaten: Kriegen wir noch Gas im Winter? Was macht Putin?“, erzählt er. Auch Frau Becker hat viele Fragen. Mützel zeigt der älteren Dame, wie sie in den Sommerbetrieb schaltet und sagt: „Schreiben Sie sich das bitte auf, ja?“

Erdgas: Das Land steht vor einer gewaltigen Herausforderung – bald spüren es die Deutschen

Noch ist Juli. Die Deutschen erfreuen sich an warmen, sonnigen Tagen. Viele sind im Urlaub. Doch eines ist bereits klar: Das Land steht vor einer gewaltigen Aufgabe – und alle müssen mitmachen. So wie die Beckers, die nun das tun, was sich Wirtschaftsminister Robert Habeck wünscht: Gas einsparen, wo es nur geht.

Dass die Lage ernst ist, daraus macht die Politik in Berlin keinen Hehl. Vor der „größten Energiekrise“ in Deutschland warnt Minister Habeck. Schon bald dürften Millionen Gaskunden spüren, was der Grünen-Politiker damit meint. Ihnen drohen deutlich höhere Rechnungen. Die Bundesregierung will es Gaskonzernen ab Oktober erlauben, die rasant gestiegenen Preise an Industrie und Privathaushalte weiterzugeben – trotz laufender Verträge. So sollen die Gasfirmen vor der Pleite gerettet werden. Durch die gedrosselten russischen Gaslieferungen sind sie ins Straucheln geraten. Die Lücken in der Versorgung müssen gefüllt werden – durch Gas, das auf dem Weltmarkt zum vielfachen Preis gekauft werden muss.

Der Energiekonzern Uniper stand dadurch bereits kurz vor dem Aus. Ein Staatseinstieg verhinderte den Worst Case. Die Konsequenz: Nun sollen steigende Kosten nicht mehr nur die Kunden einzelner angeschlagener Firmen treffen – sondern auf alle Gaskunden umgelegt werden. Wirtschaftsminister Habeck spricht von Kosten zwischen 1,5 und 5 Cent pro Kilowattstunde. Was nach wenig klingt, kann bei einem Vier-Personen-Haushalt aber schnell im mittleren Hundert-Euro-Bereich liegen. Oder deutlich darüber. Experten halten auch Mehrkosten von 1000 Euro für möglich.

Gaskrise: Selbst im Kalten Krieg lieferte Moskau zuverlässig Energie

Es ist eine Situation, die sozialen Sprengstoff birgt. Und die unweigerlich zu der Frage führt: Wie konnte es so weit kommen? Die Geschichte der Gaskrise ist so einfach wie schmerzhaft: Deutschland war in der Vergangenheit zu langsam, zu behäbig, zu unambitioniert. Und zahlt nun den Preis. Die Energiewende wurde nicht konsequent genug vorangetrieben. Fossile Energie war immer vorhanden, Öl und Gas lange billig. Die Länder, aus denen die Rohstoffe größtenteils kamen, waren zwar nie demokratische Rechtsstaaten. Aber zuverlässige Lieferanten. Selbst im Kalten Krieg versorgte Moskau den Westen mit Gas. Das hat sich nun geändert. Was geblieben ist, ist die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas.

Eine, die das kritisiert, ist Claudia Kemfert. Sie leitet seit 2004 die Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Russland hat über Jahrzehnte sehr preiswerte Gaslieferungen versprochen und so die Wirtschaft in die Falle gelockt“, so die Ökonomin. Die Energiewende ist nicht das Problem, sie ist die Lösung, sagt die Professorin. In der Krise zeige sich, wie dringend notwendig der Umbau der Wirtschaft ist.

Energieexpertin Kemfert: „Umstieg wird zehn Jahre dauern“

Kemfert ist eine Überzeugungstäterin. Die Ökonomin achtet auch privat auf ihren ökologischen Fußabdruck. „Ich wohne in einem gedämmten Gebäude, fahre Fahrrad oder Bahn, nutze energiesparende Geräte und beziehe Ökostrom“, sagt Kemfert. Damit ist sie weiter als die deutsche Wirtschaft. DIW-Studien zeigen, dass der Umstieg weg von fossilem Erdgas über alle volkswirtschaftlichen Sektoren hinweg mindestens zehn Jahre dauern kann. Neben privaten Haushalten ist die Industrie der zweite Großverbraucher.

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Natürlich gibt es mittelfristig die Möglichkeit, Energie nachhaltiger zu gewinnen: Solarthermie, großindustrielle Wärmepumpen oder auch grüner Wasserstoff. Doch kurzfristig hilft angesichts explodierender Preise nur eines, sagt Kemfert: „Sparen, sparen, sparen. Viele werden das notgedrungen tun müssen, wenn sie sich die Heizung nicht mehr leisten können. Aber viele können es sich eben leisten.“

Einen Befund, den Installateur Mützel aus Köln nur allzu gut kennt. Fragen nach Energiespartipps kämen meistens von Leuten, denen „es finanziell besonders gut geht“. Dann wird er politisch: Wer Geld hat, müsste verpflichtet werden, das eigene Haus mit erneuerbarer Energie zu heizen. „Es ist doch klar, dass sich jetzt keiner mal eben eine Wärmepumpe einbaut – viel zu teuer“, sagt Mützel. Am Ende ist es die Politik, auf die die Finger zeigen. Und die eine Lösung finden muss.

Deutschland droht Gas-Knappheit: Hilft Atomkraft gegen den Engpass?

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat kürzlich seinen Urlaub unterbrochen und den Deutschen versichert: „You‘ll never walk alone“ – niemand werde mit seinen Problemen alleingelassen. Ein weiteres Entlastungspaket für Bedürftige ist bereits geplant. Und alle anderen? Sie werden lernen müssen, mit höheren Preisen für Strom und Gas zu leben. Für wie lange, kann niemand seriös beantworten. Gut möglich, dass in dieser Gemengelage die Atomkraft eine Renaissance erfährt. Vom „Streckbetrieb“ für die drei verbliebenen Meiler ist in Berlin die Rede. Gemeint ist: Sie laufen länger als geplant. In der FDP spricht man bereits vom Jahr 2024.

Die Atomkraft als Rettung für eine verkorkste Energiepolitik der vergangenen Jahre? Jakob Blankenburg bereitet das Sorge. Der 24-Jährige ist nicht nur der jüngste Abgeordnete der SPD-Bundestagsfraktion. Blankenburg ist auch Energiepolitiker – und kommt aus dem Wendland. Der Widerstand gegen Atomkraft gehört hier quasi zur politischen Sozialisation. Blankenburg sagt, dass sich an den Argumenten gegen die Atomkraft nichts geändert habe: Sie sei eine Hochrisikotechnologie, es gebe kein Endlager, die gesamtgesellschaftlichen Kosten seien hoch. Stimmt alles.

Doch die Lage ist, wie sie ist. Und ist es wirklich vertretbar, Gas zu verstromen, wenn gleichzeitig Alternativen bereitstehen? „Die Krise der Energieversorgung zeigt die Versäumnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte“, sagte Blankenburg. Wie DIW-Ökonomin Kemfert findet auch er: Deutschland habe zu lange an alten Technologien festgehalten. Und sich von einem Land – Russland – abhängig gemacht. In der deutschen Politik gab es ein zu unkritisches Verhältnis gegenüber Moskau, auch in der SPD, sagt Blankenburg. „Es ist nie gut, sich von einem Land abhängig zu machen. Das mussten wir jetzt schmerzhaft lernen“, so der Abgeordnete.

Es war der Widerstand gegen Fracking, eine Bohrtechnik, um Erdgas zu gewinnen, der Blankenburg in die Politik brachte. Ausgerechnet! Heute muss er pragmatische Entscheidungen treffen. „Es ist richtig, dass regelmäßig geschaut wird, ob die Stromversorgung auch in Stressszenarien sichergestellt werden kann“, sagt Blankenburg. Ob Atomkraft im schlimmsten Fall, trotz der hohen Risiken, dazu einen Beitrag leisten kann oder ob nicht andere Energieträger vorher einspringen könnten, müsste anhand der konkreten Ergebnisse bewertet werden. Das Wirtschaftsministerium rechnet damit „in den nächsten Wochen“.

Gas sparen: auch eine Frage der Bequemlichkeit

Die Zeit drängt – auch bei Installateur Mützel. Denn in der Warenbestellung ist etwas schiefgelaufen, jetzt fehlt ein Spezialteil. Und eine Dichtung. Ohne die kann er den Heizkessel nicht wieder verschließen, sonst hätten die Beckers einen unter Wasser stehenden Keller. Zweimal muss er zurück ins Lager.

Gegen Mittag, nach knapp vier Stunden Arbeit, ist Müller fast fertig. Ein Rundgang durch das Haus steht noch aus, einmal alle Heizkörper begutachten. Frau Becker erzählt, dass sie die Heizung im Bad immer abends anstellt und morgens abschaltet. „Warum?“, fragt Mützel verdutzt. Na, man müsse halt nachts immer wieder mal auf Toilette, da soll es doch warm sei. Mützel hat Probleme, seinen Unmut angesichts von so viel Bequemlichkeit zu überspielen.

Noch ein Versuch. Warum sind denn die drei Heizkörper im Erdgeschoss permanent voll aufgedreht und oben sind sie ausgeschaltet? Frau Becker versucht, die Frage wegzulächeln. Oben halte man sich ja so selten auf. Mützel unterbricht ihre Erklärung: „Die Wärme zieht nach oben. Sie sollten lieber alle Räume gleichmäßig heizen.“ Man kann nur hoffen, dass Frau Becker sich das auch noch aufschreibt.

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