Russland verbietet Gemüse aus allen EU-Staaten

Moskau - Wegen der EHEC-Gefahr erweitert Russland das Einfuhrverbot, das bisher nur für Gemüse aus Deutschland und Frankreich galt, auch auf die restlichen EU-Staaten

Russland macht die Grenzen für EU-Gemüse dicht: Wegen der Gefahr durch den Darmkeim EHEC hat das größte Land der Erde ein Importverbot für Gemüse aus den insgesamt 27 Länder der Europäischen Union verhängt. Der Schritt löste bei der EU-Kommission in Brüssel am Donnerstag scharfen Protest aus.

Das Einfuhrverbot sei “unverhältnismäßig“, kritisierte ein Sprecher. Doch Russlands Agrarministerium und sogar das wegen der politischen Brisanz auf den Plan gerufene Außenministerium versicherten, es gehe hier nur um den Verbraucherschutz. Beobachter sprachen hingegen von einer Machtdemonstration des größten Landes der Erde, das mit dem Schritt seine Stärke als Wirtschaftsnation beweisen wolle.

EHEC: Was die Bauern mit ihrer Ware machen

Gurken gibt es zur Zeit zum Schleuderpreis zu kaufen. © dpa/ap
Das Gleiche gilt für Tomaten. © dpa/ap
Hier sieht man, wie Kistenweise Aufträge für Tomaten storniert wurden. © dpa/ap
Dieser Bauer kann seinen Salat nicht verkaufen. © dpa/ap
Die Salatköpfe werden geschreddert und auf Feldern verteilt. © dpa/ap
Auf dem Viktualienmarkt in München versuchen die Händler ihr regionales Gemüse an den Mann zu bringen. © dpa/ap
Auf diesem Feld liegt der geschredderte und schon gammlige Salat. © dpa/ap
Der Salat ist schon ausgetrocknet. © dpa/ap
Auch dieser Bauer wirft seinen Salat aufs Feld. © dpa/ap
Jede Menge Salatköpfe werden... © dpa/ap
... mit der Mistgabel entsorgt.   © dpa/ap

Das Einfuhrverbot für frisches Gemüse hatte zunächst nur für Deutschland und Spanien gegolten. Grund für die Verschärfung sei jedoch die andauernde Ausbreitung des Darmkeims EHEC, sagte Russlands oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko nach Angaben der Agentur Interfax. Der Zoll sei angewiesen, kein frisches Gemüse mehr über die Grenzen zu lassen. Alle verdächtigen Waren seien zudem aus dem Handel zu nehmen. Lebensmittelketten in Moskau warnten vor einem Warenmangel und einem Preisanstieg.

Nach Schätzungen ist etwa ein Viertel des Gemüse-Exports aus der EU für den russischen Markt bestimmt, wie Moskauer Medien berichteten. Das seien etwa drei bis vier Milliarden Euro. Russland gilt als größter Einzelmarkt für die EU. Der EU-Anteil am Gemüse-Import in Russland liege bei etwa 15 bis 20 Prozent, hieß es.

Agrarministerin Jelena Skrynnik beteuerte, dass angesichts der begonnenen Erntesaison genügend frische Produkte für den heimischen Markt vorhanden seien. Auch ein Preisanstieg sei nicht in Sicht.

Der Handel sah dies allerdings anders. Für die Märke sei das Importverbot ein schwerer Schlag, weil nun plötzlich und unerwartet etwa wichtige Großlieferungen aus Polen, Belgien und den Niederlanden ausblieben, sagte die Sprecherin der Lebensmittelkette “Sedmoj Kontinent“, Wlada Baranowa. Auch andere Anbieter beklagten spürbare Verluste, weil bereits Gemüse aus den Regalen genommen und vernichtet werden müsse. Ersatz sollte aus der Türkei und Israel kommen.

EHEC: Die wichtigsten Fragen und Antworten

dapd
Was verbirgt sich hinter der Abkürzung EHEC? © 
Es handelt sich bei EHEC-Bakterien um die sogenannten Enterohämorrhagischen Escherichia Coli-Bakterien. Seit Anfang Mai verbreitet ein besonders aggressiver Erreger Angst und Schrecken in Deutschland. © dpa
Bisher sind 36 Menschen an den Folgen der Erkrankung gestorben. Überraschend: Betroffen sind vor allem junge Frauen. Normalerweise erkranken Kleinkinder unter fünf Jahren, ältere und immunschwache Menschen durch eine EHEC-Infektion. © dpa/ap
Bei EHEC handelt es sich um eine gefährliche Variante des für den Menschen harmlosen Darmbewohners Escherichia coli. EHEC kommt im Darm von Weiderkäuern vor. Gelangt es jedoch in den Körper des Menschen, setzen die Bakterien dort gefährliche Giftstoffe frei. © dpa/ap
Wissenschaftler haben das Genom des Erregers bereits entschlüsselt. Dabei fanden sie heraus, dass zwei Bakterienstämme ihre Erbsubstanz miteinander ausgetauscht haben. © dpa
Welche Symptome bringt eine EHEC-Erkrankung mit sich? © dpa/ap
Der Erreger kann sich zunächst durch blutigen und wässrigen Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Bauchschmerzen bemerkbar machen. Zudem sind bei schweren Verläufen auch Blutarmut, Gefäß- und Nierenschäden möglich. Auch wenn die Krankheit überstanden ist, können Gesundheitsschäden wie etwa Nierenleiden zurückbleiben. © dpa
Wie wird die Krankheit übertragen? © dpa/ap
Da sich der Erreger vor allem im Kot von Nutztieren findet, ist direkter Kontakt mit den Tieren ein Übertragungsweg. Aber auch verunreinigte Lebensmittel, die Kot-Partikel enthalten, können Ursache sein. Wird gedüngtes Obst und Gemüse ungewaschen gegessen, kann das die Krankheit auslösen. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist über Schmierinfektionen möglich. © dpa/ap
Was ist bei den aktuellen Fällen die Infektionsquelle? © dpa/ap
Schnell gerieten Gurken und Tomaten in Verdacht. Das Bundesamt für Risikobewertung hat allerdings inzwischen die Empfehlung, auf den Verzehr von Gurken, Tomaten und Blattsalat in Norddeutschland zu verzichten, aufgehoben.  © dapd
Denn inzwischen haben Wissenschaftler Sprossen von einem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel zweifelsfrei als Träger des Erregers identifiziert. © dpa
Beunruhigend: EHEC-Bakterien wurden auch auf bayerischem Salat gefunden. Er befand sich auf Lollo Rosso-Salat eines Fürther Gemüseerzeugers. Erste Laborergebnisse deuten jedoch nicht darauf hin, dass es sich um den gefährlichen Erreger-Typ handelt. © dapd
Wie kann ich mich vor EHEC-Erkrankungen schützen? © dpa/ap
Die Behörden empfehlen, dass in Deutschland derzeit keine rohen Sprossen gegessen werden sollten - auch keine selbst gezogenen.  © 
Der beste Schutz vor dem Keim ist allerdings Hygiene. Dazu gehört regelmäßiges Händewaschen. Verbraucher könnten dem RKI zufolge das Risiko einer EHEC-Infektion weiter minimieren, indem sie alle Lebensmittel vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzen. Es gibt keine Impfung gegen den Keim. © dpa
In der Berichterstattung ist auch von HUS die Rede. Was ist das? © dpa/ap
HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, einen besonders schweren Verlauf der EHEC-Erkrankungen. Dabei kann es zu Nierenversagen und Blutarmut kommen. Das kann lebensbedrohlich sein. © dpa/ap
Was muss ich tun, wenn ich betroffen bin? © dpa/ap
Zunächst sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen EHEC-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Mit dem Bakterium infizierte Patienten sollten auf keinen Fall Antibiotika nehmen. Diese könnten die Situation noch verschlimmern, erklärte ein Arzt des Berliner Krankenhauses Charité. Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt. © dpa/ap

Allein bei der Kette Metro Cash&Carry liege der Anteil der EU-Produkte am Gemüseverkauf bei 40 Prozent, sagte ein Sprecher. Russische Gemüsebauern meinten, dass vor allem ein Mangel an Kraut und Mohrrüben eintreten könne. Sie reagierten überrascht auf die Art und Weise, mit der das Importverbot ohne öffentliche Debatte in Kraft gesetzt wurde. Diese “Unvorhersehbarkeit sei ein schlechtes Signal“ und schade dem Investitionsklima in Russland, sagte der Präsident des Verbandes der Gewächshausbesitzer, Viktor Semjonow. Für die einheimischen Produzenten sei das Verbot nur vorläufig von Nutzen, sagte der Direktor der Lenin-Sowchose, Pawel Grudinin, eines der größten Gemüseproduzenten Russlands. Das größte Land der Erde sei nicht in der Lage, den Eigenbedarf an Gemüse selbst zu decken. Der Gemüseanbau könne nicht mithalten mit der Konkurrenz in der EU, in der Bauern staatliche Unterstützung erhielten. Grudinin meinte, dass die “Geschehnisse“ auch Teil eines Handelskrieges sein könnten, bei dem am Ende die Türkei und China die Märkte dominieren.

Das Thema dürfte auch den EU-Russland-Gipfel in der kommenden Woche in Nischni-Nowgorod beschäftigen. Russlands oberster Verbraucherschützer Onischtschenko kritisierte die schleppende Aufklärung der Ursachen für die EHEC-Epidemie. “Das zeigt uns doch, dass die immer wieder hochgepriesene europäische Hygienegesetzgebung, zu deren Übergang Russland bewogen wird, doch nicht funktioniert“, schimpfte Onischtschenko.

Russland steht immer wieder im Verdacht, Handelsblockaden als politisches Druckmittel zu benutzen. So besteht etwa schon seit Jahren ein Importverbot für Wein aus Georgien. Mit der Ex-Sowjetrepublik hatte Russland 2008 Krieg geführt.

EU verschärft Ton gegen Russland

Währenddessen beschäftigt sich auch die EU-Kommision mit dem Einfuhrverbot und verschärft dabei ihren Ton gegen Russland. Die EU-Behörde verlangte am Donnerstag von Moskau die sofortige Aufhebung dieser “unverhältnismäßigen“ Maßnahme. In einem Brief an Russland habe EU-Verbraucherkommissar John Dalli seine Sorgen über das Einfuhrverbot zum Ausdruck gebracht, teilte die Kommission in Brüssel mit. Russland hatte wegen des Darmkeims EHEC das Importverbot für frisches Gemüse auf alle 27 EU-Länder ausgeweitet.

“Testergebnisse der zuständigen Behörden haben gezeigt, dass Gurken nicht für Infektionen mit Darmbakterien EHEC verantwortlich sind“, schrieb die EU-Kommission. Sie erinnerte daran, dass die Seuche auf ein eng umrissenes Gebiet in Norddeutschland begrenzt sei. Die EU habe bereits reagiert und die europaweite Warnung für Gurken aus Spanien aufgehoben. Zudem betonte die Behörde, sie habe alle Handelspartner - auch Russland - stets vollständig und transparent über die neuesten Erkenntnisse informiert.

dpa

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