tz-Experten-Interview

Salafismus in Bayern: Wie gefährlich sind die Gotteskrieger?

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Salafisten-Prediger Pierre Vogel bei einer Demo in Hamburg.

München - Islamistischer Fanatismus mitten unter uns: Eine Mutter aus Bayern ist mit ihren beiden minderjährigen Kindern nach Syrien gereist, um dort zu kämpfen. Wie gefährlich sind die Gotteskrieger aus Deutschland? Die tz sprach mit dem Salafismus-Experten Daniel Köhler.

Islamistischer Fanatismus mitten unter uns: Eine Mutter aus Bayern ist mit ihren beiden minderjährigen Kindern nach Syrien gereist, um sich dort als Gotteskriegerin dem Kampf gegen das Assad-Regime anzuschließen! Der Vater, der mit Salafismus nichts am Hut hat, warf der Islamistin Kinds-Entziehung vor. Die Mutter wurde nach ihrer Rückkehr nach Deutschland festgenommen, so der Chef des Landesamts für Verfassungsschutz, Burkhard Kröner. In der Regel sind es junge Männer unter 25, die von Deutschland aus in den Syrienkrieg ziehen. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) berichtete, dass etwa 40 bayerische Islamisten bereits nach Syrien gereist seien oder dies planen. Drei Islamisten aus Bayern seien in Syrien gefallen. Wie gefährlich sind die Gotteskrieger aus Deutschland? Die tz sprach mit dem Salafismus-Experten Daniel Köhler.

Warum wird jemand, der hier in Demokratie und Wohlstand aufwächst, Salafist?

tz-Interview mit Daniel Köhler, Salafismus-Experte, Berlin.

Daniel Köhler, Institute for the Study of Radical Movements in Berlin:  Da gibt es zum einen negative Einflussfaktoren wie Ärger in der Schule oder am Arbeitsplatz, Konflikte in der Familie – relativ allgemeine Probleme, mit denen junge Erwachsene konfrontiert werden. Dann gibt es die positiven Faktoren wie: Ehre, Gerechtigkeit, Freiheit, der Wunsch, Unterdrückte zu befreien wie jetzt in Syrien und einen neuen Staat für sie aufzubauen. Vielen Salafisten geht es um ihr Seelenheil – wir erleben, dass sie wirklich Angst vor Höllenqualen haben.

Wie viele der Salafisten in Deutschland gelten als gewaltbereit?

Köhler: Zehn bis allerhöchstens 20 Prozent der bundesweit rund 6000 Salafisten. In Deutschland beobachten wir seit einigen Jahren die Entwicklung einer Pop-DschihadismusKultur, also gewaltverherrlichende Propaganda – Videos, Musik, Kleidung – als eigene Subkultur. Hier verbreitet sich Propaganda von IS und anderen radikalen Gruppen rasend schnell – und da lässt sich nicht mehr unterscheiden, was da nur provozierende Jugendkultur ist, und welche jungen Erwachsenen dann wirklich ernst machen.

Wie viele Gotteskrieger aus Deutschland gibt es?

Köhler: Das Bundesamt für Verfassungsschutz geht von mindestens 320 deutschen Bürgern aus, die nach Syrien gereist sind. Rund ein Drittel oder Viertel davon sind deutsche Jugendliche ohne Migrationshintergrund, die ihrem behüteten Leben in einem bayerischen oder württembergischen Nest den Rücken gekehrt haben, um im Syrien im Bürgerkrieg zu kämpfen. Die meisten haben Migrationshintergrund, die schon in der dritten oder vierten Generation in Deutschland leben.

Wie gefährlich sind diese Gotteskrieger, wenn sie nach Deutschland zurückkehren?

Köhler: Von den rund hundert Rückkehrern haben maximal zwei Dutzend wirklich an Kämpfen teilgenommen. Gegen 16 Rückkehrer wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet, nur gegen einen wurde bisher Haftbefehl erlassen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Das kann bedeuten, dass die Behörden einfach nichts gerichtsfest nachweisen können. Unsere Erfahrung ist aber, dass die Rückkehrer eher traumatisiert und frustriert von der Kriegsrealität sind, dass sie Erfahrungen gemacht haben, die ihren islamischen Wertvorstellungen widersprechen. Natürlich gibt es auch einen kleinen Teil, der radikalisiert zurückkehrt, oder der zurückgeschickt wurde, um neue Kämpfer zu rekrutieren. Die Gefahr von Terror in Deutschland sehen wir zwar als gering an – aber ein einziger Rückkehrer, der zu einem Anschlag bereit ist, würde ja schon reichen. Es gibt eine – allerdings umstrittene – norwegische Studie, wonach einer von neun Rückkehrern potenziell gefährlich sein könnte.

Und wer kümmert sich um die Rückkehrer, die genug vom Extremismus haben?

Köhler: Es ist ein großes Problem, dass neben der Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, wovon unser Programm Hayat ein Teil ist, sich keine staatliche Stelle langfristig um die kümmert, die traumatisiert aus Syrien zurückkommen. Diese Rückkehrer und ihre Familien bräuchten Hilfe, um wieder in den Alltag zurückzufinden – sonst landen sie wieder bei den Extremisten. Unser Ziel ist es, die Rückkehrer in ein kontrolliertes soziales Umfeld zu holen: Dazu helfen wir mit posttraumatischen Stresstherapien, Job- oder Ausbildungsangeboten. Diese Arbeit hilft auch der Polizei, denn wenn sie sich der Hilfe verweigern, hat man Indizien dafür, ob sie wirklich in ein gewaltfreies Leben zurück wollen.

Üben die Salafisten Druck auf Aussteiger aus?

Köhler: Es gab Rückkehrwillige, die in Syrien exekutiert wurden. In Deutschland gab es massive Drohungen, aber zu Gewalt ist es bislang nicht gekommen – die Salafisten stehen unter scharfer Beobachtung der Behörden und agieren deshalb sehr vorsichtig.

Interview: Klaus Rimpel

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