Sarrazin: Der Fakten-Check

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Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin

München - Ist Thilo Sarrazin ein Mahner? Oder ein Brandstifter? Die tz überprüft, was an Sarrazins Thesen dran ist und unterzieht sie einem Fakten-Check.

Thilo Sarrazin ist Mitglied des Bundesbankvorstands. Für Wirbel sorgt der frühere Berliner Finanzsenator jedoch nicht durch fundierte Analysen des Finanzwesens, sondern durch sein neues Buch. „Deutschland schafft sich ab“ warnt das SPD-Mitglied – und schießt sich auf muslimische Einwanderer ein. Heute stellt Sarrazin sein Buch in Berlin vor, doch schon vorher hat er für eine erbitterte Diskussion darüber gesorgt, wie es um die Integration muslimischer Einwanderer in Deutschland bestellt ist.

Am Wochenende legte Sarrazin noch mal nach und behauptete: „Alle Juden haben ein bestimmtes Gen.“ Damit heizt der SPD-Politiker die Debatte noch weiter an. Die tz überprüft, was an Sarrazins Thesen dran ist und unterzieht sie einem Fakten-Check.

„Beim gegenwärtigen demografischen Trend wird Deutschland in 100 Jahren noch 25 Millionen, in 200 Jahren noch 8 Millionen und in 300 Jahren noch 3 Millionen Einwohner haben.“

Seriöse Berechnungen gehen nur bis ins Jahr 2060 – also 50 Jahre in die Zukunft. Das Statistische Bundesamt rechnet dann mit 64,7 Millionen Einwohnern in Deutschland – heute sind es 81,5 Millionen. Weil die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung von völlig unwägbaren politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen abhängt, hält das Amt Sarrazins Berechnungen nicht für tragfähig.

„Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter türkischen und kurdischen Migranten weit überdurchschnittlich ist. Ganze Clans haben eine Tradition von Inzucht.“

Sarrazin beruft sich auf einen Spiegel-Artikel zu dem Thema. Mit Zahlenmaterial kann er seine Behauptung aber nicht untermauern – weder im Statistischen Bundesamt, noch im Gesundheitsministerium oder beim Sozialverband VdK sind Daten dazu verfügbar.

„Relativ zur Erwerbsbevölkerung leben bei den muslimischen Migranten viermal so viel Menschen von Arbeitslosengeld und Hartz IV wie bei der deutschen Bevölkerung.“

Der Hartz-IV-Anteil unter Menschen ohne Migrationshintergrund liegt bei 3,4 Prozent, der unter Migranten aus der Türkei und dem Nahen und Mittleren Osten dagegen bei gut 10 Prozent. Trotzdem kann Sarrazin nicht wissen, wie hoch der Anteil der Muslime ist, die Hilfen erhalten, denn die BA darf nicht nach der Religion von Hartz-IV-Empfängern fragen.

„Muslime in Deutschland haben unterdurchschnittliche Erfolge in der Bildung.“

Nimmt man das Abitur als Maßstab, ist diese Aussage nicht zutreffend. 17 Prozent der Gesamtbevölkerung legen die allgemeine Hochschulreife ab. Nur 7 Prozent der Türkischstämmigen haben hingegen das Abitur bestanden. Doch andere Muslime sind erfolgreicher: von den Zuwanderern aus dem Irak, dem Iran und Afghanistan haben gut 30 Prozent Abitur und 15,2 einen Hochschulabschluss. In der Gesamtbevölkerung sind es nur 11,3 Prozent. Und selbst die Zahlen für die Türkischstämmigen relativiert Jörg Dollmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung: Er macht das Bildungsniveau und die sozioökonomische Situation der Eltern dafür verantwortlich, dass türkischstämmige Kinder an Haupt- und Sonderschulen überrepräsentiert sind.

„In allen EU-Einwanderungsländern macht man bei der Gruppe der muslimischen Migranten vergleichbare Beobachtungen, nämlich (…) überdurchschnittliche Fertilität.“

Tatsächlich haben in der ersten Einwanderer-Generation 40 Prozent der Migrantinnen über 35 Jahre drei Kinder und mehr, bei Deutschen sind es 19 Prozent. Sind Einwanderer gut integriert und haben ein bestimmtes Einkommen erreicht, passen sich auch die Geburtenraten an. Deshalb lässt sich nicht errechnen, wie hoch der Anteil der Migranten an der Bevölkerung in 100 Jahren sein wird. In Berlin hat derzeit jeder Vierte ausländische Wurzeln, in Ostdeutschland dagegen nur 4,5 Prozent.

„Alle Juden haben ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.“

Juden gelten nicht als gemeinsames Volk, sondern als Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder zahlreichen Nationen angehören. Die genetischen Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen sind nur klein, während die Variation zwischen zwei Menschen derselben Gruppe viel größer sein kann. So kann sich ein Brite genetisch stärker von einem Nachbarn unterscheiden als von einem Chinesen.

mk

Skandal um Sarrazin: Das sind die umstrittenen Zitate

Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin steht in der Kritik: In einem Interview für die Sonderausgabe der Kulturzeitschrift „Lettre International“ zum 20. Mauerfall-Jubiläum wetterte der eheamlige Berliner Finanzsenator Sarrazin gegen die Wirtschafts- und Migrationspolitik der Hauptstadt. © AP
Der Präsident der Bundesbank Axel Weber (Foto) legte Sarrazin aufgrund seiner Äußerungen den Rücktritt aus dem Vorstand nahe. Die Gewerkschaft ver.di bezeichnete diese als „rechtsradikal“. © dpa
Der Schriftsteller Ralph Giordano pflichtete Sarrazin inhaltlich bei, auch wenn er „andere Worte gewählt hätte“. Auch der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel unterstützte Sarrazin nachdrücklich. Wer das Interview ganz gelesen hätte, müsse der Analyse Sarrazins beipflichten, meint Henkel im Deutschlandfunk. © dpa
Liegt Sarrazin mit seinen Äußerungen völlig daneben? Oder sagt er die Wahrheit? Diese Über diese Frage diskutiert Deutschland derzeit.  © dpa
Wir zeigen die umstrittensten Passagen aus dem Gespräch. Das vollständige Interview mit Thilo Sarrazin lesen Sie im aktuellen Heft von „Lettre International“ (257 Seiten, 17 Euro). (Link zum Heft) © AP
„Eine großes Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt (Berlin, Anm. d. Red.), deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln.“ © AP
„Wir haben ein schlechtes Schulsystem, das nicht besser werden wird. Berlin ist belastet von zwei Komponenten: der Achtundsechzigertradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, daß vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden.“ © AP
“Hier werden Trends verstärkt sichtbar, die ganz Deutschland belasten. So daß das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen.“ © dpa
„Je niedriger die Schicht, um so höher die Geburtenrate. Die Araber und Türken haben einen zwei- bis dreimal höheren Anteil an Geburten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. Große Teile sind weder integrationswillig noch integrationsfähig.“ © AP
“Die Lösung dieses Problems kann nur heißen: Kein Zuzug mehr, und wer heiraten will, sollte dies im Ausland tun. Ständig werden Bräute nachgeliefert: Das türkische Mädchen hier wird mit einem Anatolen verheiratet, der türkische Junge hier bekommt eine Braut aus einem anatolischen Dorf. Bei den Arabern ist es noch schlimmer.“ © dpa
„Meine Vorstellung wäre: generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer. In den USA müssen Einwanderer arbeiten, weil sie kein Geld bekommen, und werden deshalb viel besser integriert.“ © dpa
„Es ist ein Skandal, daß die Mütter der zweiten, dritten Generation immer noch kein Deutsch können, es allenfalls die Kinder können, und die lernen es nicht wirklich. Es ist ein Skandal, wenn türkische Jungen nicht auf weibliche Lehrer hören, weil ihre Kultur so ist. Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert.“ © dpa
„Jemanden, der nichts tut, muß ich auch nicht anerkennen. Ich muß niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ © dpa
„Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin. Viele von ihnen wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben. Zudem pflegen sie eine Mentalität, die als gesamtstaatliche Mentalität aggressiv und atavistisch ist.“ © dpa
„Die Türkei ist das Land, wo man heute noch bestraft wird, wenn man vom Völkermord an den Armeniern redet.“ © dpa
„Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“ © dpa
„Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren, und auch, weil es extrem viel Geld kostet und wir in den nächsten Jahrzehnten genügend andere große Herausforderungen zu bewältigen haben.“ © dpa
„Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtgeburten, und die füllen die Schulen und die Klassen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden. Wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen: weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht.“ © AP

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