„Sarrazin ist in der SPD ohne Heimat“

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Diskutiert die Meinung der tz-Leser: SPD-Landesgruppenchef Martin Burkert (r.) und tz-Redakteur Walther Schneeweiß.

München - Sarrazins Thesen heizen weiter die Debatte über Integration an. Im tz-Interview warnt SPD-Landesgruppenchef Martin Burkert vor einer aufgeheizten und ausländerfeindlichen Debatte.

Knapp 70 Prozent der tz-Leser sagten in einer Online-Umfrage: „Sarrazin spricht nur aus, was alle denken.“ Können Sie diesen Zuspruch nachvollziehen?

Martin Burkert: Das überrascht mich schon. Sarrazin macht aber mit überzogener Wortwahl einen Rummel, um vor allem seinen Buchverkauf anzukurbeln. Er lässt ein Thema hochkochen, obwohl die Zahlen der Migranten seit Jahren rückläufig sind – und tut jetzt so, als würden wir das Land an andere Gruppen übergeben.

Doch Sarrazin kritisiert auch, dass eine Unterschicht an Migranten heranwächst.

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Burkert: Auch wir haben eine große Sorge, dass die Mittelschicht wegbricht. Das Problem liegt hier nicht zwischen Migranten und Deutschen oder Christen und Moslems – sondern weil schon seit Jahren Arm und Reich auseinander driften. Sarrazin versucht zu punkten, indem er Neid und Missgunst schürt. Und deshalb hat er in der SPD seine Heimat verloren. Er hat eine Debatte entflammt, die auch Ausländerfeindlichkeit ins Land bringt. Dabei funktioniert Integration nur mit Zusammenwirken.

Der SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln sagt: Eine Volkspartei muss auch unangenehme Stimmen wie Sarrazin aushalten können. Tut die Partei ihm mit einem Ausschlussverfahren nicht einen Gefallen?

Burkert: Natürlich wird ein Ausschlussverfahren noch einmal zu einem Medienrummel und mehr Beachtung für ihn führen. Ich hoffe, dass er selbst austritt. Doch den Gefallen wird er uns nicht tun. Gleichzeitig muss Sarrazin die Frage beantworten müssen, warum ausgerechnet die SPD noch seine Heimat sein soll.

Hat Rot-Grün während seiner Regierung sich vor dem Thema Integrationspolitik nicht zu sehr gedrückt? So hatte ausgerechnet erst CDU-Mann Wolfgang Schäuble etwa die Islamkonferenz ins Leben gerufen…

Burkert: Integrationspolitik war ein Hauptbestandteil von Rot-Grün. Wir hatten damals übervolle Asylbewerberheime und Auffanglager, was sich mit Rot-Grün entspannt hat. Das bereitete auch den Boden für eine Islamkonferenz.

Sarrazin: Der Provokateur redet Klartext

"Will ich den Muezzin hören, dann reise ich ins Morgenland." © dpa
"Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb." © dpa
"In Deutschland arbeitet ein Heer von Integrationsbeauftragten, Islamforschern, Soziologen, Politologen, Verbandsvertretern und eine Schar von naiven Politikern Hand in Hand und intensiv an Verharmlosung, Selbsttäuschung und Problemleugnung." © dpa
"Besonders beliebt ist es, den Kritikern des Islam mangelnde Liberalität vorzuwerfen." © dpa
"Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden." © dpa
"Fabriken und Dienstleistungen müssen wandern, nicht die Menschen." © dpa
"Der Weg in den deutschen Sozialstaat darf nicht ohne Wegezoll möglich sein." © dpa
"In den USA bekämen sie keinen müden Cent. Deswegen sind sie auch nicht dort." © dpa
"Ich möchte nicht, dass das Land meiner Urenkel in weiten Teilen muslimisch ist." © dpa
"Die Arbeitsmigration der sechziger Jahre hat eine europäische Völkerwanderung in Gang gesetzt." © dpa

Was ist Ihre Antwort darauf, wenn in Städten Viertel mit Parallel-Kulturen und Abschottungen entstehen?

Burkert: Das ist eine große Aufgabe für Städte und Kommunen, ob sie Ghettos etwa für Russlanddeutsche erst ermöglichen oder bestimmte Gruppen auf Stadtteile aufzuteilen versuchen. Hier entscheidet ganz konkrete Stadtpolitik – und nicht die Frage, welchen Glauben die Menschen haben. So sollten bereits Kleinkinder in normalen deutschen öffentlichen Einrichtungen aufwachsen und die Sprache lernen.

Und was machen sie mit Bildungs-unwilligen Eltern?

Burkert: Der Staat kann hier zwar nicht alle Probleme lösen, muss hier eine starke Rolle spielen: Ab dem zweiten Lebensjahr müssen wir in der frühkindlichen Bildung ansetzen. Damit Kinder die Sprache und soziale Umgangsformen lernen. Bildungspolitik auch danach ist der Schlüssel. Und dazu gehört auch, den Kindern in den Schulen ein warmes Mittagessen zu geben.

Andere Parteien haben prominente Migranten in ihrer Spitze. Warum findet sich im über 40-köpfigen SPD-Vorstand kein einziger Mensch mit Migrationshintergrund?

Burkert: Das ist bestimmt kein Vorsatz. Ich kann mir auch für die Parteispitze sehr gut vorstellen, was in den Städten und Gemeinden schon lange Praxis ist: Hier haben wir schon viele Funktionäre mit Migrationshintergrund.

Interview: Walther Schneweiß

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